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den Gottmensch der Religion. – – Und so soll es (anfangs) sein; aus der Sprache lernt man die Grammatik leichter als jene aus dieser, aus den Kunstwerken leichter die Kritik, aus dem leib das Gerippe, als umgekehrt, wiewohl man es immer umkehrt. Unglücklich sind unsere jetzigen Jünglinge, die vom Baume des Erkenntnisses früher die Tropfen und die Käfer schütteln müssen als die Früchte.

Und nun macht' er ihm kühn alle Stubentüren der philosophischen schulen auf, d.h. alle drei Himmel; denn in dieser Jugendzeit hält man noch den Docht jedes gelehrten Lichtes der Welt für Asbest, wie Brahminen sich in Asbest kleidenund die Eisstücke an den Polen unserer geistigen Welt stellen noch, wie die der hiesigen, Städte und Tempel auf himmelblauen Säulen vor.

Wenn nun Albano über irgendeine grosse idee, über die Unsterblichkeit, über die Gotteit, sich in Flammen gelesen: so musst' er darüber schreiben, weil der Baumeister glaubteund ich auch –, dass in der erziehenden Welt nichts über das Schreiben gehe, nicht einmal Lesen und Sprechen, und dass ein Mensch 30 Jahre mit weniger Ertrag seiner Bildung lese, als ein halbes schreibe. Dadurch schwingen eben wir Autoren uns zu solchen Höhen; – daher werden sogar schlechte, wenn sie aushalten, am Ende etwas und schreiben sich von Schilda nach Abdera und von da nach Grubstreet hinauf. –

Allein welche glühende Stunde ging dann für unsern Liebling an! Was sind alle sinesische Laternenfeste gegen das hohe fest, wo ein entflammter Jüngling alle Gehirnkammern erleuchtet und in diesem Glanze seine ersten Aufsätze hinwirft!

Vorn auf der Schwelle des Aufsatzes ging Albano vielleicht noch Schritt für Schritt und bediente sich bloss des Kopfes; aber wenn es weiterkam und das Herz mit den Flügeln zuckte und er wie ein Komet vor lauter schimmernden Sternbildern grosser Wahrheiten vorüberfahren musstekonnte' er sich da entalten, dem rosenroten Flammantvogel nachzuahmen, der im zug gegen die Sonne sich zu einem fliegenden Brande anzufärben und sich mit Doppelflammen zu beschwingen scheint? – Kam er vollends auf die Nutzanwendung: wahrhaftig! so war jede wie die anderein jeder formte und besäete er ein Arkadien voll menschlicher Engel, die in drei Minuten in das so nahe schwimmende Elysium aussteigen konnten auf einem dazu hineingeworfenen Charons-Pontonin jeder Nutzanwendung waren alle Menschen Heilige, alle Heilige Selige, alle Morgen Blüten und alle Abende Früchte, Liane gesund und er nicht weit davon ihr Liebhaberalle Völker stiegen die Mittagshöhe lichter hinan, und er auf seiner eignen erblickte, wie Menschen auf Bergen, alles Gute näherach die ganze sumpfige Gegenwart voll Sturzeln und Egeln hatte' er mit einem fuss seitwärts weggestossen und war nur von den grünenden Welten voll Auen umflogen, die die Sonnenkugel seines Kopfes in den Äter geworfen hatte. – –

Selige, selige Zeit! du bist schon lange vorbei! O die Jahre, worin der Mensch seine ersten Gedichte und Systeme lieset und macht, wo der Geist seine ersten Welten schafft und segnet, und wo er voll frischer Morgengedanken die ersten Gestirne der Wahrheit kommen sieht, tragen einen ewigen Glanz und stehen ewig vor dem sehnenden Herzen, das sie genossen hat und dem die Zeit nachher nur astronomische Ephemeriden und Refraktionstabellen über die Morgengestirne reicht, nur veraltete Wahrheiten und verjüngte Lügen! – O damals wurde' er von der Milch der Wahrheit wie ein frisches durstiges Kind getränkt und grossgezogen, später wird er von ihr nur als ein welker skeptischer Hektikus kuriert! – Aber du kannst freilich nicht wiederkommen, herrliche Zeit der ersten Liebe gegen die Wahrheit, und diese Seufzer sollen mir eben nur deine Erinnerung wärmer geben; und kehrst du wieder, so geschieht es gewiss nicht hier im tiefen niedrigen Grubenbaue des Lebens, wo unsere Morgenröte in den Goldflämmlein auf dem Goldkiese besteht und unsere Sonne im Grubenlichtnein, sondern dann kann es geschehen, wenn der Tod uns aufdeckt und den Sargdeckel des Schachtes von den tiefen blassgelben Arbeitern wegreisset, und wir nun wieder, wie erste Menschen, in einer neuen vollen Erde stehen und unter einem frischen unermesslichen Himmel!

In dieses goldne Zeitalter seines Herzens fiel auch seine Bekanntschaft mit Rousseau und Shakespeare; wovon ihn jener über das Jahrhundert erhob und dieser über das Leben. Ich will es hier nicht sagen, wie Shakespeare in seinem Herzen gebietend regiertenicht durch das Atmen der lebendigen Charaktere, sonderndurch die Erhebung aus dem irdischen lauten Reiche ins stumme unendliche. Wenn man nachts den Kopf unter das wasser taucht: so ist eine fürchterliche Stille um uns her; in eine ähnliche überirdische der Unterwelt bringt uns Shakespeare.

Was viele Schullehrer an Dian tadeln können, ist, dass er dem Jünglinge alle Bücher untereinander gab, ohne genaue Ordnung der Lektüre. Aber Alban fragte in spätern Jahren: "Ist eine solche Ordnung etwas anders als Narrheit? – Ist sie möglich? Ordnet denn das Schicksal die Erscheinung der neuen Bücher oder Systeme oder Lehrer oder die äussern begebenheiten oder die gespräche je so paragraphenmässig, dass man weiter nichts brauchte, als die Gegenwart abzuschreiben ins Gedächtnis, um die Ordnung obendrein zu haben? – Braucht und macht nicht jeder Kopf seine eigne? – Und kommt es mehr auf die Rangfolge der speisen oder auf ihre Verdauung an?"

26. Zykel

Während Dian einen schönern Tempel in die Höhe steigen liess als den steinichten im dorf: verstarb die Fürstin, deren castrum doloris dieser werden sollte; sie musste man also vor der Hand in das Absteigequartier einer Pestitzer