nämlich dergestalt, dass er die Pflegeeltern rührend bat, ihn am ersten Pfingsttage zum heiligen Abendmahle zu lassen. Die Baufälligkeit der Dorfkirche, worin man es schwerlich ein Jahr später nehmen konnte, musste für ihn so gut wie die körperliche für Liane sprechen. – Ewig wird den armen, durch Leiber und Wüsten zerteilten Menschenseelen die sehnsucht bleiben, miteinander wenigstens zu gleicher Zeit dasselbe zu tun, zu einer Stunde Blicke an den Mond, oder Gebete über ihn hinauf (wie Addison erzählt); und so ist dein Wunsch, Albano, ein menschlicher, zarter, mit deiner unsichtbaren Liane zu einer Stunde an der Altarstufe zu knien und dann feurig und regierend aufzustehen nach der Krönung des inneren Menschen! – Er hatte auf dem stillen land den Altar der Religion in seiner Seele hoch und fest gebauet, wie alle Menschen von hoher Phantasie; auf Bergen stehen immer Tempel und Kapellen.
Aber ich werde ihn nie früher in die Pfingstkirche begleiten als auf den Kirchturm. Gibt es etwas Trunkneres, als wenn er damals an schönen Sonntagen, sobald durch den weiten Himmel nichts als die schwere Sonne schwamm, zum Glockenstuhle des Turms aufstieg und, überdeckt von den brausenden Wellen des Geläutes, einsam über die tiefe Erde blickte und an die westlichen Grenzhügel der geliebten Stadt? – Wenn alsdann der Sturm des Klanges alles ineinander- und zusammenwehte; und wenn die Juwelenblitze der Teiche und das blumige Lustlager des hüpfenden Frühlings und die roten Schlösser an den weissen Strassen und die langsamen verstreueten Kirchleute zwischen dunkelgrünen Saaten und der um reiche Auen gegürtete Strom und die blauen Berge, diese rauchenden Altäre der Morgenopfer, und der ganze ausgedehnte Glanz der Sichtbarkeit ihn dämmernd überfüllte und ihm alles wie eine dunkle Traum-Landschaft erschien: o dann ging sein inneres Kolosseum voll stiller Götterformen der geistigen Antike auf, und der Fackelschein der Phantasie33 glitt auf ihnen als ein spielendes wandelndes magisches Leben umher – – und da sah' er unter den Göttern einen Freund und eine Geliebte ruhen, und er glühte und zitterte.... Dann schwankten die Glocken bang-verstummend aus – er trat vom hellen Frühlinge in den dunkeln Turm zurück – er heftete das Auge nur an die leere blaue Nacht vor ihm, in welche die ferne Erde nichts heraufwarf als zuweilen einen verwehten Schmetterling, eine vorbeikreuzende Schwalbe und eine vorüberwogende Taube – der blaue Schleier des Äters34. flatterte tausendfach gefaltet über verhüllten Göttern in der Weite – o dann, dann musste das berückte Herz verlassen ausrufen: ach wo find' ich in den weiten Räumen, in dem kurzen Leben die Seelen, die ich ewig liebe und so innig? – Ach du Lieber, was wird denn schmerzlicher und länger gesucht als ein Herz? Wenn der Mensch vor dem Meere und auf Gebirgen und vor Pyramiden und Ruinen und vor dem Unglücke steht und sich erhebt, so strecket er die arme nach der grossen Freundschaft aus. – Und wenn ihn die Tonkunst und der Mond und der Frühling und die Freudentränen sanft bewegen, so zergeht sein Herz, und er will die Liebe. – Und wer beide nie suchte, ist tausendmal ärmer, als wer beide verlor. – –
Lasset uns jetzt in die Pfingstkirche treten, wo der tiefe Strom seiner Phantasie zum ersten Male in seinem Leben übertrat und sein Herz weit fortriss und damit in einem neuen Bette brausete; ein physisches Gewitter hatte sich in diesen Strom ergossen. Schon am Morgen stand der schwarze Pulverturm einer Gewitterwolke stumm neben der heissen Sonne und wurde an ihr glühend, und nur zuweilen entfiel einer fernen fremden Wolke unter dem Gottesdienste ein Schlag auf die Feuertrommel; aber als Albano vor den Altar mit erhobnen verklärten Gefühlen trat und als er seine Liebe für Liane nur in ein inniges Beten für sie verkleidete und in ein Gemälde ihrer heutigen Andacht und ihrer blassen Gestalt im frommen dunkeln Braut-Putze und als er sanft fühlte, jetzt sei seine gereinigte geheiligte Seele dieser schönen werter: so rückte das Gewitter mit allen seinen spielenden Kriegsmaschinen und Totenorgeln35 von der Lindenstadt herüber und trat bewaffnet und heiss über die Kirche. – Aber Albano, im Bewusstsein einer heiligen Begeisterung, erschrak nicht, sondern er dachte, schon als er das ferne Rollen der fallenden Lauwine hörte, bloss an Lianen und an das Einschlagen in die Kirche zu Lindenstadt – und nun als die Sonne den Pulverturm der Wetterwolke über ihm mit ihren heissen Blikken entzündete und in tausend Blitze und Schläge zersprengte: dann jagte ihm seine von den Alten genährte achtung für den Donnertod die schreckliche Vermutung ins Herz, Liane sei ihm nun gestorben in der Glorie der verklärten Frömmigkeit. – O dann musst' er ja auch glauben, dass ihn jetzt die Schwinge des Blitzes über die Wolken schlage. Und als lange Blitze um die Heiligen und die Engel des Altars loderten und als das zitternde stärkere Singen und das Wetterläuten der vertrauten Glocken und die vollströmende Orgel sich mit dem zusammenbrechenden Donner vermischte und er im betäubenden Getöse einen hohen feinen Orgelton vernahm, den er für den ungehörten der Harmonika hielt: da stieg er vergöttert auf dem Triumphund Donnerwagen neben seiner Liane ein der Teatervorhang des Lebens und die Bühne brannten unter ihnen ab – und sie flogen verbunden und leuchtend in den kühlen reinen Äter weiter hinauf....
Aber die zwölfte Stunde vertrieb diese Geistererscheinungen und das Gewitter – Albano trat heraus in einen blauern kühlern luftigen Himmel – und die glänzende Sonne lachte freundlich die erschrockene Erde an, der noch die hellen Tränen in allen ihren Blumenaugen zitterten. – Da nun Albano nachmittags noch den friedlichen