herzlich aus Pestitz – und konnte doch verschämt den Wiener um nichts ersuchen als ganz zuletzt nach langem Sinnen, obwohl verräterisch-erglühend, um eine StundenMarke; "denn er habe noch keine gesehen", sagt' er. – Falterle hatte noch eine in der tasche – die Zahl 15, Lianens voriges Alter, stand darauf – sie konnte die Zahl recht gut geschrieben haben – etwas war es immer. Ach konnte' er denn den Direktor nicht lieber um Romane aus der Handbibliotek der Ministerin angehen, in welchen die Tochter gewiss gelesen, ja sogar einige Lesezeichen vergessen haben wird? – Er tats auch; aber Wehrfritz verwünschte und verurteilte zuerst alle Romane als vergiftete Briefe; auch vergass er es über fünfmal, einige zu fordern; und endlich bracht' er ihm einen von Madame Genlis mit, samt einem gotaischen Taschenkalender. Diese Bücher der Seligen wogegen meine eignen Werke und die Alexandriner Bibliotek und die blaue nur elende remittenda sind – hatten alle Stempel weiblicher Bücher; denn sie trugen alle Zieraten weiblicher Köpfe, nämlich einen Fingerhut voll Puder wie diese – seidne Band-Endchen wie diese, als Demarkationslinien und Gedenkzettel der Lektüre – und einen Wohlgeruch wie diese (den Semler auch an alchymischen rühmt), welchen sie aus den Blüten des Paradieses angezogen zu haben schienen. Ach seliger Leser des schönsten buches (ich meine den Grafen), willst du mehr?
Allerdings; und er fand auch mehr, nämlich hinten im gotaischen Taschenkalender auf den beiden Final-Pergamentblättern die Worte: "Armenkonzert d. 21. Februar" und "Schauspiel für die Armen d. 1. Nov." – Ich habe auf meiner Jagd nach Mysterien oft auf diesen Blättern die wichtigsten aus dem Busche geklopft. – "Das ist ja meiner Schülerin Hand" (sagte Falterle) – "sie versäumt mit ihrer Mutter so was selten, weils der Minister nicht leidet, dass sie sonst den Armen viel geben." – – Haltet mich hier nicht mit der Schönheit ihrer Handschrift auf – da man ohnehin auf Pergament und Schiefer schöner schreibt als auf Papier und da gerade eine Gelehrte, ungleich den Gelehrten, mehr Kalligraphie hat als Ungelehrte –, sondern lasset mich zur wirkung dieser Inkunabeln Lianens eilen, deren Sonntags-Buchstaben einen liebenden Menschen mit lauter inneren hellen Sonntagen bedecken und deren Blätter an Heiligkeit den Briefen gleichen, die im Mittelalter vom Himmel auf die Erde fielen. Erst jetzt war ihm, als wenn der fliegende Engel, dessen Schatten nur vorher über die Erde weglief, die Schwingen falte und auf der Laufbahn des Schattens nicht weit vom stand Albanos die Niederfahrt halte. Er lernte den gotaischen Taschenkalender auswendig.
Da er glaubte, Liane sei viel sanfter und besser als er, und da sie ihm wie der Hesperus vorkam, der unter allen Planeten mit der kleinsten Exzentrizität um die Sonne geht, und er sich als der ferne Uranus, ders mit der grössten tut; – und da er nicht ohne schamhafte Wangen-Lohe daran denken konnte, einmal vor der moralischen Politur der Tochter und Mutter mit einer kleinern zurückzustehen: so wurde' er auf einmal (kein Mensch wusste warum) leiser, milder, williger, über seine Aussenseite wachsamer, dem Wiener folgsamer – denn Liane war es ja auch gewesen –, und sein ganzer Vesuv32 wurde vom Schleier einer Heiligen gebändigt.
Der Nordamerikaner betet die Gestalt, die ihm in dem Traume erscheint, als seinen Schutzgeist an: o wird nicht oft ebenso für den Jüngling ein schöner Traum sein Genius?
22. Zykel
Ein Pfingsten, wie ichs jetzt beschreiben will, Albano, trifft man ausser in der Apostelgeschichte wohl in keiner an als in deiner!
Er hatte bisher oft Lianens Krankengeschichte mit der Taubheit eines markigen feuerfesten Jünglings angehört, als einmal der Direktor es nach haus brachte, dass die fromme Ministerin die Tochter am ersten Pfingsttage das Abendmahl empfangen lasse, weil sie besorge, der Tod halte solche für eine Erdbeere, die man pflücken müsse, ehe sie die Sonne beschienen. – Ach Albano sah nun schon den Tod unter dem Suchen mit der steinernen Ferse auf die bleichrote Beere tappen und sie ertreten. Und dann hatte diese Philomele ohne Zunge, weil sie bisher verstummen musste, ihm wie einer Progne nur die gemalte geschichte ihres schweren Daseins gesandt und nur die Pergamentblätter! – Alle liebenden Empfindungen gehen, wie Gewächse, bei gewitterhafter Luft des Lebens schneller in die Höhe; Albano fühlte zugleich ein weites tiefes Weh und eine quälende Fieber-Wärme in seinem vom tod ausgehöhlten Herzen. – Auf eine sonderbare Art mengten sich bei seinem musikalischen und poetischen Phantasieren auf dem Österleinschen Flügel die geträumten Töne von Lianens stimme und das tönende Weinen, die Harmonika, die sie spielen konnte und die er nie gehört, gleichsam als ihr Schwanengesang mit seinen Harmonien zusammen. Aber nicht genug: er schrieb sogar heimlich ein Trauerspiel (du gute Seele!), worin er alle seine zartesten und bittersten Gefühle mit nassen Augen auf fremde Lippen legte aber sie fürchterlich anfachte, indem er sie ausdrückte. – Jeder kann merken, dass er damit dem Schwätzer und Spione, dem Zufalle, entgehen wollte; aber nicht jeder merkt – etwas ganz Eigenes: in fremdem Namen dürf' er, glaubt' er, dem tiefen Schmerze eine heftigere Sprache geben, zu welcher er in seinem vor so vielen stoischen klassischen Helden verschämt den Mut nicht hatte. So aber konnten die Klassiker nichts anfangen.
Das stille warme Schwärmen wuchs unter dieser bedeckenden heissen Glasglocke noch viel grösser;