aus Morgen- und aus Griechenland – und wegen der ungemein blendenden Epiktetslampen, die das gedachte Weisen-Dezemvirat am tages-Sterne der Weisen angezündet hatte, da war es wenig zu vermuten, dass dir Amors Turiner Lichtchen, das er noch unaufgebrochen in der tasche hatte, sehr ins Auge fallen möchte! – Aber jetzt, mein Lieber, jetzt, sag' ich! – Wahrlich nirgends war es uns allen weniger übelzunehmen, wenn wir ungemein attent darauf sind, was er im 21sten Zykel macht, als im zwanzigsten.
Vierte Jobelperiode
Hoher Stil der Liebe – der gotaische
Taschenkalender – Träume auf dem Turme – das
Abendmahl und das Donnerwetter – die Nachtreise
ins Elysium – neue Akteurs und Bühnen und das
Ultimatum der Schuljahre
21. Zykel
Wie viele selige Adams von 16 1/2 Jahren werden gerade jetzt in ihrer Sieste im Grase des Paradieses liegen und aus Teilen ihres eignen Herzens dessen künftige Schossjüngerin erschaffen sehen! – Aber sie suchen sie nicht, wie der erste Adam, neben sich auf der Baustelle, sondern recht weit vom eignen Lager, weil die Ferne des Raums so glänzend verherrlicht wie die Ferne der Zeit. Daher setzet sich jeder Jüngling mit dem Glauben auf die Post, dass in den Städten, wohin er eingeschrieben ist, ganz andere und göttlichere Madonnen unter der Haustüre stehen als in seiner verdammten; – und die Jünglinge jener Städte sitzen wieder ihrerseits auf dem ankommenden Postwagen und fahren hoffend in seine hinein.
Ach das klingt für alles, was ich vorhabe, viel zu rauh und roh, und mir ist, als bring' ich dem Leser statt des lebendigen fliegenden Rosendufts nur die starre schwere dicke Porzellanrose! – Albano, ich will dein stilles, dicht verhangenes Herz aufdecken und aufschliessen, damit wir alle darin Lianens Heiligenbild, die aufschwebende Raffaels-Marie, aber, wie Heiligengestalten in der Leidenswoche, hinter dem Schleier hängen sehen, den du bebend wegziehest, um es anzubeten, wenn du die Andachtsbücher – die Romane – aufschlägst und wenn du darin die Gebete antriffst, die deiner Heiligen gehören. Sogar mir wird es schwer, nicht, wie du und die Alten, den Namen deiner Schutzgöttin zu verheimlichen – über innere Geistererscheinungen (denn äussere sind Körpererscheinungen) schweiget der Seher gern neun Tage lang – und bei deinem blöden Glauben an einen tausendmal höhern Tugendgehalt Lianens, als deiner ist, und bei deiner heiligen Ehrliebe, die über die fremde wacht, ist dirs freilich ein Rätsel, wie andere, z.B. der Wiener oder Wehrfritz, ohne das geringste Erröten so laut und lieb von ihr sprechen konnten, da du selber kaum wagst, vor andern viel von ihr zu – träumen. Wahrlich, Albano ist ein guter Mensch! – Ferner, wie vollends eine solche in gediegnen Äter vererzte lichte Psyche wie Liane, etwa gleich dem auferstandnen Christus, Karpfen essen und ausgräten könne – oder mit den langen hölzernen Heugabeln im kleinen den Salatschober im blauen Napfe umstechen – oder in der Sänfte ein halb Pfund mehr wiegen als ein blauer Schmetterling – oder wie sie laut lachen könne (das tat sie aber auch nie, mein Freund!): alles das und überhaupt der ganze kleine Dienst des beleibten Erdenlebens war dem geflügelten Jünglinge ein Rätsel und eine wahre Unmöglichkeit oder die Wirklichkeit davon eine Fixsternbedeckung; was soll ichs verhalten, dass er über ein Paar in welsche Felsen eingestampfte Fusstritte von Engeln schwächer erstaunet wäre als über ein Paar von Lianen in der Erde, und dass er für irgendeine irdische Spur und Reliquie von ihr – ich nenne nur einen Zwirnwickler oder eine Tambourblume – nichts Geringeres hingegeben hätte als ganze Klaftern vom heiligen Kreuze samt den Fässern der heiligen Nägel und mehrere apostolische Kleiderschränke samt den heiligen Doubletten-Leibern dazu.
– So hab' ich oft sehnlich gewünscht, nur ein Pfund Erde vom mond oder nur eine Düte voll Sonnenstäubchen aus der Sonne vor mir auf dem Tische zu haben und anzugreifen. – So schweben wir meisten Autoren von Gewicht einem Leser ausser Landes als ähnliche feine äterische Gebilde vor, von denen schwer zu fassen ist, wie sie nur einen Schnitt Schinken oder ein Glas Märzbier oder ein Paar Stiefel gebrauchen können; es ist, als wenn die Leute zusammenführen, wenn sie etwas lesen oder sehen müssen von Lessings Rasiermesser – Shakespeares englischem Sattel Rousseaus Bärenmütze – des Psalmodisten Davids Nabel – Homers Ärmel – Gellerts Zopfband – Ramlers Schlafmütze – und der Glatze unter der meinigen, wiewohl sie wenig mehr bedeutet.
Der alte Landesdirektor tat zur Heiligsprechung Lianens – da eine Jungfrau durch nichts so viel bei einem Jünglinge gewinnt als durch Lobreden, die ihr seine Eltern geben – dadurch ansehnliche Zuschüsse, dass er die ländlich- und wie er selber lachende Rabette häufig mit jener wog, und seine nachgiebige Frau heimlich mit der strengen Ministerin; er nahm dann gelegenheit, auseinanderzusetzen, nach welchen strengen Regeln des reinen Satzes diese Kontrapunktistin die melodischen Töne Lianens harmonisch ordne und wie sie besonders Roheit und Gelächter ausmerze. Die weiblichen Seelen sind Pfauen, deren Juwelen-Gefieder man in reinen und geweissten Wohnungen unterbringen muss, indes unsere in Entenställen sauber bleiben. – Albano zeichnete sich Mutter und Tochter bloss in den doppelten Gestalten vor, worin uns Maler die Engel geben, nämlich die verständige strenge Mutter als einen, der in einer langen Wolke steckt, nur mit dem kopf sichtbar, und Liane als ein verklärtes Kind, das mit den zarten Flügeln eine weisse Wolke umflattert.
Nur etwas, und wär's eine verblichene zerfallne Rose aus Seide, wünscht' er sich