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seiner Literatur, seines Glücks bei Weibern) und liess besonders durch vertraute Gemälde von Grossen und Damen gern auf sein Föderativsystem mit den Originalen schliessen. Der arme Teufel war freilich arm und glaubte mit mehrern Autoren, er und diese hättenungleich dem Salomo, der Weisheit erbat und Gold erhieltumgekehrt das Unglück gehabt, nur erstere zu empfangen, indes sie um letzteres geworben. Kurz aus solchen Gründen wollt' erim Vorbeigehen gesagtgern den Glauben im Wehrfritzischen haus ausgebreitet wissen, dass er sehr gut stehe bei seiner vorigen Schülerin, der Ministers-Tochter- Liane, glaube' ich, wenn ich anders Hafenreffer Hand richtig lese –, und dass er sie oft genug sehe und spreche bei ihrer Mutter. Dazu kam noch, dass kein wahres Wort daran war; durch den Tempel, worin Liane war, ging kein Durchgang für ihn. Allein um so weniger konnte' er den Direktor vorauslassen, der sie öfters sah und zu haus immer eifriger lobte, bloss um die roh unschuldige, von niemand je erzogne Rabette auszuschelten. Der Wiener wollte freilich auch noch den Grafendem er nur die Küste der Freundschaftsinsel Roquairols von weitem zeigte, aber keine Anfurt zur Landungdurch die Schwester listig von dem Bruder ablenken (er war unvermögend, ihn länger zu belügen und hinzuhalten): denn warum malt' er es ihm so lange aus, wie giftig vor einigen Jahren der Nacht- und Todesfrost über den Retraiteschuss des Bruders, den sie zu innig liebe, auf diese so zarten weissen Herzblätter gefallen sei?

Öfters hing er unter dem Essen breite, von Wehrfritz kontrasignierte Meritentafeln von Lianens musikalischen und malerischen Fortschritten auf, um scheinbar seinen Klavier- und Zeichenschüler zu grösseren anzutreiben. Denn wär' es nicht scheinbar: warum klebt' er ebenso lange Altarsblätter von Lianens Reizen bei Rabetten auf, bei dieser Unparteiischen, die, nur mit Pfarrers-, nicht mit MinistersTöchtern wettrennend, fast so freudig städtische Schönheiten wie wir Homerische preisen hörte und vor der nur ein windiger Tropf, der sich vor Weibern aufrecht und im Sattel durch Lobgesänge auf fremde erhalten will, seine auf Lianen anstimmen konnte? Wahrlich, vor einer so resignierten und neidlosen Seele, als Rabette warzumal da ihre Gesichtshaut und hände und Haare nicht am weichsten waren, wenigstens härter als die Falterleschen –, wär' ich um keine Medaille in der Welt imstande gewesenwie er es doch war –, den glücklichen Erfolg näher zu kolorieren, womit der Minister, um Lianens ungewöhnliche Schönheit der jüngern Jahre durch Erziehung in die jetzigen herüberzubringen, das Seinige getan durch zarte und fast magere Kostdurch Einschnürendurch Zusperren seines Orangeriehauses, dessen Fenster er selten von dieser Blume eines mildern Klimas abhobnoch weniger hätt' ich wie er malen können, dass sie dadurch ein zartes, nur aus Pastellstaub zusammengelegtes Gebilde geworden, das die Windstösse des Schicksals und die Passatwinde des Klimas fast zerblasen könnenund dass sie sich wirklich nur mit Seifenspiritus waschen könne und nur mit den weichsten Linnen ohne Schmerzen trocknen und nicht drei Stachelbeeren ohne blutende Finger ab nehmen.

Der flache Wiener, der vor keinem auf einer Bergkuppe stehenden mann von stand unten im Sumpfe den Hut abziehen konnte, ohne leise dabei zu sagen: "Ihr ganz Untertänigster!" und der von vornehmen Leuten höchstens nur im vertrauten oder satirischen Tone (seine Konnexion zu zeigen), aber nie im ernstaft-kritischen sprach, war freilichwas doch seine Pflicht warnicht imstande, den alten Froulay einen festen scharfen Leichenstein zu heissen, unter welchem zwei so weiche Blumen wie seine Frau mit dem ihr angeschlungenen Efeu, mit Lianen, sich gebogen und gedrückt ans Licht aufwinden. Herr v. Hafenreffer macht hier zu seiner Ehrein Betracht, dass er ein Legationsrat und Lehnpropst istdie ganz andere, gefühlvollere Bemerkung, dass die harten Erdschichten solcher Verhältnisse, wodurch Lianens Lebensquelle dringen und sickern müsse, diese reiner und heller machen, so wie alle harte Schichten Filtriersteine des Wassers sindund alle ihre Reize werden zwar durch ihren Vater Qualen, aber auch alle ihre Qualen durch ihr Dulden Reize. – Aber, guter Zesara! wenn du nun das alles täglich hören musstund wenn der Exerzitienmeister ohnehin nicht zu schildern vergisset, wie sie ihn nie mit einer ungehorsamen Miene oder einer Zögerung gekränkt, wie froh sie ihm die papiernen Stundenmarken und am Ende das Schulgeld oder eine Einladung gebrachtund wie besorgt und mild und höflich sie gegen ihre Dienerschaft gewesen und wie man hätte denken sollen, ihr Herz, könne nicht wärmer werden, als schon die Menschenliebe es mache, hätte man nicht ihre noch heissere Tochterliebe gegen die Mutter gesehen – – guter Zesara, sag' ich, wenn du das alles neben deinen Romanen vernimmst und noch dazu von der Schwester deines Roquairolsweil jeder, wenn es nur halb praktikabel ist, sich gern mit der Schwester seines Freundes einspinnt in eine Chrysalideund noch überdies von einem Mädchen in der geheiligten Lindenstadt, um welche Don Gaspard, wie die alten Preussen31 um ihre Götter-Haine, noch mystische Vorhänge herumziehtund was ärger als alles ist, gerade nach deinem 16 1/2 Jahre, Zesara, wo schon die Moussons und Frühlingswinde der Leidenschaften über die Blutwellen fahren! Denn früher freilich war es allerdings von dir mitten im gelehrten Kränzchen von so vielen Linguisten – d.h. von Büchern der Linguistenvon EklektikernOber-Rabbinernvon 10 Weisen