Wiege mehrmals einen heiligen Zirkel ausstrahlt? Der Lehnpropst ist sehr dafür. – –
Albano konnte sein feuriges Herz am Ende nicht anders kühlen, als dass er Papier nahm und an den Unsichtbaren schrieb und es dem Wiener zu bestellen gab. Falterle, der die gefälligkeit selber war – und dabei auch die Unwahrheit selber –, nahm trotz seiner Abneigung gegen Roquairol die Briefe herzlich gern mit "ich bin beim Minister ja wie zu haus", sagt' er –, bestellte aber, da er sowohl im stolzen Froulayschen Palaste als bei dem Sohne wenig galt, keinen einzigen und brachte bloss jedesmal eine neue gültige Ursache mit, warum Roquairol nicht darauf antworten können; er war entweder zu sehr in der Arbeit – oder auf dem Krankenstuhle – oder in Gesellschaft – jedesmal aber entzückt darüber gewesen; – und unser argloser Jüngling glaubte alles fest und schrieb und hoffte fort. Vom Legationsrate wär' es brav gewesen, wenn er mich, falls er anders konnte, sich verbindlich gemacht und mir Albanos Palm-Blätter eines liebenden Herzens eingeliefert hätte; nicht für das Archiv dieses buches, sondern bloss für meine Manualakten, für den Blumenblätterkatalog, den ich mir zu eignem Gebrauche von Albanos Nelkenflor hefte und leime. –
20. Zykel
Plötzlich wurde unser Zesara, der in die Jahre trat, wo der Gesang der Dichter und der Nachtigallen tiefer in die aufgeweichte Seele quillt, ein anderer Mensch. Er wurde stiller und wilder zugleich, sanfter und aufbrausender, wie er denn einmal einem unter Prügeln schreienden Hunde im wildesten Harnische zu hülfe lief – Himmel und Erde, die bisher in ihm, wie nach dem ägyptischen Systeme, ineinander gelegen, nämlich das Ideal und die Wirklichkeit, arbeiteten sich voneinander los, und der Himmel stieg rein und hoch und glänzend zurück – über die innere Welt ging eine Sonne auf und über die äussere ein Mond, aber beide Welten und Halbkugeln zogen sich zu einer ganzen an sein Aufschritt wurde langsamer, sein helles Auge träumerisch, seine Atleten-Gymnastik seltener – er musste jetzt alle Menschen wärmer lieben und sie näher fühlen, und er fiel oft seiner Pflegemutter mit geschlossenen Augen zitternd um den Hals oder nahm draussen im Freien von dem verreisenden Pflegevater einen einsamern und heissern Abschied. –
Und nun wurde vor solchen reinen und scharfen Augen der Isis-Schleier der natur durchsichtig, und eine lebendige Göttin blickte mit seelenvollen Zügen darunter in sein Herz. Ach als wenn er seine Mutter fände, so fand er jetzt die natur – jetzt erst wusst' er, was der Frühling sei und der Mond und das Morgenrot und die Sternennacht Ach wir haben es alle einmal gewusst, wir wurden alle einmal von der Morgenröte des Lebens gefärbt!
.... O warum achten wir nicht alle ersten Regungen der menschlichen natur für heilig, als Erstlinge für den göttlichen Altar?
Es gibt ja nichts Reineres und Wärmeres als unsere erste Freundschaft, unsere erste Liebe, unser erstes Streben nach Wahrheiten, unser erstes Gefühl für die natur; wie Adam werden wir erst aus Unsterblichen Sterbliche; wie Ägypter werden wir früher von Göttern als Menschen regiert; – und das Ideal eilet der Wirklichkeit, wie bei einigen Bäumen die weichen Bluten den breiten rohen Blättern, vor, damit nicht diese sich vor das Stäuben und Befruchten jener stellen. –
Wenn oft Albano von seinen inneren und äussern Irrgängen nach haus kam, zugleich trunken und durstig – zugleich mit geschlossenen Sinnen und mit geschärften, träumend, aber wie Schläfer, die das Auslöschen des Lichts herber empfinden –: so braucht' es freilich wenige kalte Tropfen von kalten Worten, damit die heisse, in Fluss gebrachte Seele von den fremden kalten Körpern in Zickzack und Klumpen zerschoss, indes eine warme Form den Guss zur lieblichsten Gestalt geründet hätte. –
Bei so bewandten Umständen wird sich freilich keiner wundern über das, was ich bald berichten werde. Der Tanz-, Musik- und Fecht-Meister, der wenig auf seine Pas, Griffe und Stösse grosstat, aber desto mehr auf seine (Reichstags-) Literatur – denn die neuen Monatsnamen, die Klopstocksche Rechtschreibung und die lateinischen Lettern in deutschen Briefen hatte' er früher in seinen als einer von uns –, wollte dem Wehrfritzischen haus gern zeigen, dass er ein wenig mehr von Literatur verstehe und da wisse, wo der Hase liegt, als andere Wiener (um so mehr, da er gar nichts las, nicht einmal politische Zeitungen und Romane, weil ihm lebendige wahre Menschen lieber waren); – er trat daher nie ins Haus, ohne zwei Taschen voll Romane und Verse für Rabette und Albano. Dazu half seine unendliche Dienstbeflissenheit – und sein kollegialisches Wettrennen mit Wehmeier im Bilden und sein Anteilnehmen am verstummenden Jünglinge, dem er aus den süssen Träumen, die der Rubin30 des glänzenden jugendlichen Lebens schenkt, mit den exegetischen Traumbüchern, den Dichterwerken, helfen wollte. Die Umwälzung des Jünglings, der nun ganze romantische EverdingensWiesen abmähete und ganze poetische Huysums-Blumenrabatten abpflückte, auch nur leidlich zu schildern, hab' ich jetzt wegen der oben versprochnen Wundersache weder Zeit noch Lust; genug, dass Albano, so dasitzend – der Himmel der Dichtkunst vor ihm aufgetan, das gelobte Land des Romans vor ihm ausgebreitet –, einem Erdballe glich, an welchen mehrere Schwanzsterne sich brausend anwerfen und der mit ihnen gemeinschaftlich aufbrennt.
Allein wie weiter? Der Wiener, das muss ich noch vorher sagen, war ein eitler Narr (wenigstens in Punkten der Demut, z.B. seiner Zwergfüsse,