im Palais royal oder im Vatikan zu verüben – manche königliche, markgräfliche, fürstliche im ganzen Leben nur einmal – manche gar nicht, z.B. die Sünde gegen den heiligen Geist. – – Hingegen sich innerlich preisen und bekränzen kann einer Tag und Nacht, Sommer und Winter, an jedem Orte, auf dem Kateder, im Prater, im Generalszelte, hinten auf der Schlittenpritsche, auf dem Fürstenstuhle, in ganz Deutschland, z.B. in Weimar. Wie? und diese perennierende Balsamstaude, die den inneren Menschen immerwährend anräuchert, sollte man sich ausziehen oder beschneiden lassen? – –
19. Zykel
Alle diese Geschäfte und Dornen waren für Albano recht gute spitze Erdbeben-Ableiter, da in seiner Brust schon mehr unterirdische Gewittermaterie umherzog, als zum Zersprengen der dünnen Brustöhle eines Menschen nötig ist. Nun kam er immer tiefer in die wilden Donnermonate des Lebens. Die sehnsucht, Don Zesara zu sehen, entflammte sich an der römischen geschichte mehr, welche Cäsars kolossalisches Bild vor ihm in die Höhe stellte und darunterschrieb: Zesara. Die verhüllte Lindenstadt wurde von seiner Phantasie auf sieben Hügeln getragen und zum Rom erhoben. Ein Postorn schallte in sein Innerstes wie ein Schweizer Kuhreigen, der alle Höhen unserer Wünsche in langen Bergketten glänzend in den Äter hinausbauet; und es blies ihm das Zeichen zum Aufbruch, und alle Städte der Erde lagen mit offnen Toren und mit breiten Fuhrstrassen um ihn herum. Und wenn er in jener Zeit an einem kalten hellen Sommermorgen neben einem nach Pestitz gehenden Regimente so lange metrisch mitzog, als die Trommeln und die Pfeifen lärmten: so feierte seine Seele ein Händelsches Alexanderfest – sie hörte die Vergangenheit – das Fahren der Triumphwagen – das Gehen der spartischen Heere und ihre Flöten – und die helle Trompete der Fama – und wie unter den letzten Posaunen erstand seine Seele unter lauter glänzenden Toten aus der aufgeriegelten Erde und zog mit ihnen weiter. – –
Wenn die geschichte einen edlen Jüngling in die Ebene von Maraton und auf das Kapitolium führt: so will er an seiner Seite einen Freund, einen Waffenbruder haben – aber auch weiter nichts, keine Waffenschwester; denn einem Heros schadet eine Heroine sehr. In den starken Jüngling zieht die Freundschaft eher als die Liebe ein; jene erscheint wie die Lerche im Vorfrühlinge des Lebens und geht erst im späten Herbste fort; diese kommt und fliehet wie die Wachtel mit der warmen Zeit. Albano hörte schon diese Lerche unsichtbar in den Lüften über ihm schmettern; er fand einen Freund, nicht in Blumenbühl, nicht in der Lindenstadt, an keinem Orte, sondern in seiner – Brust; aber diesen hiess er – Roquairol.
Die Sache war diese: für Leute wie ich ist das Landleben der Honig, worin sie die Pille des Stadtlebens einnehmen; Falterle hingegen brachte das bittre Landleben nicht ohne die Versilberung des Stadtlebens hinunter; wöchentlich lief er dreimal nach Pestitz, entweder in die Logen der Liebhaberteater als Dramaturg oder auf diese selber als Akteur. Nun nahm er jedesmal sein Rollenbüchlein aufs Dorf hinaus und studierte da – im Vertrauen auf die Komödienprobe – seine Rolle insularisch ohne die kollegialischen ein; so wie noch jeder Staatsdiener seine ohne einen blick in die mitspielenden memoriert; daher jeder von uns nur aus einer Seelenkraft besteht und, wie in der russischen Jagdmusik, nur einen Ton zu pfeifen weiss und seine Stärke ins Pausieren setzen muss. – In diesen von Falterle geliehenen Bruchstükken der Bühne ging nun Albano mit einem Entzücken herum, das jener bald höher zu treiben suchte durch den Tausch der ganzen dramatischen Weltgloben gegen diese Kugelsektoren.
Der Wiener hatte' ihm längst den selbstmörderischen Wildfang Roquairol als ein Genie im Lernen – besonders sich als eines im Lehren – vorgelobt; jetzt führt' er den Beweis aus den grossen Rollen, die der Wildfang immer gut spiele. übrigens war es nicht seine Schuld, dass er den Ministers-Sohn nicht ungemein heruntersetzte, dem er nicht nur die teatralischen Siege beneidete, sondern auch die erotischen. Denn der phantasiereiche Roquairol hatte mit dem Selbstschusse des 13ten Jahres das ganze weibliche Geschlecht salutiert und gewonnen und sich zum Opferpriester aus einem Opfertiere gemacht und zum Regisseur des ans Liebhaberteater gestossenen Liebhaberinnenteater, indes der scheue blöde Falterle mit seiner totgebornen Phantasie keine Schöne zu einem andern Schritte brachte als zum Rückpas im Menuett und statt der Setzung seines Ichs zu nichts als zur Fingersetzung. Aber der Eitle kann andern kein Lob versagen, das sein eigenes wird.
Wie musste das alles unsern Freund für einen Jüngling gewinnen, den er bald als Karl Moor – bald als Hamlet – als Clavigo – als Egmont durch seine Seele gehen sah! – Was den bekannten Redoutenschuss in frühern Jobelperioden anlangt, so musste unser so unerfahrner Herkules, den der blanke Dolch des Kato blendete, einem so verwandten Herakliden den Schuss als eine seiner tragischen 12 arbeiten anrechnen. – Der Lehnpropst Hafenreffer erzählt sogar, Albano habe einmal mit dem Wiener, der längst aus einem Schullehrer zu einem Schulkameraden herunter war, über die schönsten Todesarten gestritten und sei gegen den sanften Falterle, der sich für den Schlaftrunk erklärte, auf Roquairols Seite getreten, sogar mit dem stärkern Zusatze: "am liebsten stieg' er auf einen Turm und zöge den Wetterstrahl auf seinen Kopf!" – Im letzteren zeigt er das hohe Gefühl der Alten, die den Donnertod für keine Verdammnis, sondern für eine Vergötterung hielten; sollt' aber nicht der Körper etwas dabei tun, da seine Ellenbogen und seine Haare oft im Finstern elektrisches Feuer aussprühen und sein Kopf in der