Knaben, sein mit einem Geäder von Zündstricken gefülltes Herz als einen guten Brander auf ihres zuzutreiben; aber sie stellte die Schwester als Feuermauer vor sich. Zum Unglück ging sie zufällig als Werters Lotte gekleidet in die heutige Redoute, und die Pracht ihrer despotischen Reize wurde von lauter dunkel-glühenden Augen hinter Larven verschlungen und umblitzt; er nahm seine innere und äussere ab, drang an sie und forderte mit einiger Eile – weil sie abzureisen drohte – und mit einiger Zuversicht – auf dem Liebhaberteater errungen – und mit pantomimischer Heftigkeit – womit er auf diesem immer die schönsten Nachtmusiken der klatschenden hände gewonnen – nichts vor der Hand als Gegenliebe. Werters Lotte kehrte ihm stolz den prangenden rücken voll Locken, er lief ausser sich nach haus, nahm Werters Anzug und Pistole und kam wieder. Dann trat er mit einem physiognomischen Orkan des Gesichts vor sie hin und sagte – das Gewehr vorzeigend –, er mache sich hier auf dem saal tot, falls sie ihn verstosse. Sie sah ihn ein wenig zu vornehm an und fragte, was er wolle. Aber Werter – halb trunken von Lottens Reizen, von Werters Leiden und von Punsch – drückte nach dem fünften oder sechsten Nein (an öffentliches Agieren schon gewöhnt) vor der ganzen Maskerade das Schiessgewehr auf sich ab, lädierte aber glücklicherweise nur das linke Ohrläppchen – so dass nichts mehr hineinzuhängen ist – und streifte den Seitenkopf. Sie entfloh plötzlich und reisete sogleich ab, und er fiel blutend darnieder und wurde heimgetragen. – –
Diese geschichte blies viele Lampen an Falterles Ehrenpforte aus – und an Wehmeiers seiner an –; aber sie setzte auf einmal Albinen in Angst über den ebenso wilden Tollkopf Albano. Sie fragte nach ihm in der Domestikenstube; und der Bote half ihr auf die Spur durch den Knaben ohne Hut. Sie eilte selber in ihrem gewöhnlichen Übermasse der Angst durch das Dorf hinaus. Ein guter Genius – der Hofhund Melak – war da der Musculus Antagonista und Schlagbaum des Flüchtlings geworden. Melak wollte nämlich mit; und Alban wollte einen dem Schlosshofe so bedienten und öfter als der Nachtwächter darin abrufenden Schirmvogt und Küstenbewahrer wieder heim haben. Melak war in seinen Sachen fest; er verlangte Gründe, nämlich nachgeworfene Prügel und Steine – allein der weinende Knabe, dessen glühende hände die kalte Schnauze des gutwilligen Viehes erfrischte, konnte ihm kein böses Wort geben, sondern er drehte bloss den wedelnden Hund um und sagte leise: "Fort!" – Aber Melaken waren bloss laute Dekrete etwas; er kehrte immer wieder um; und in diesen Inversionen – während welchen in Albanos ohnehin immer auf dem Brockengebirge stehenden Geist, der im Nebel Riesenformen ziehend wachsen sah, seine Tränen und jedes unverdiente Wort tiefer einbrannten – fand ihn die unschuldige Mutter.
"Albano," sagte sie freundlich-verstellt, "in der kalten Nachtluft bist du?" – Von diesem Nachgehen und Anreden der allein beleidigten Seele wurde seine volle, der eine Ergiessung, es sei durch Tränen oder Galle, nötig war, so sehr ergriffen, dass er mit einem gichterischen Reissen des überspannten Herzens an ihren Hals aufsprang und sich daran aufgelöst und weinend hing. Er konnte ihren fragen seinen harten Entschluss nicht gestehen, sondern drückte sich bloss stärker an ihr Herz. – Jetzt kam besorgt auch der bereuende Direktor nach, den die kindliche Stellung umschmolz, und sagte: "Närrischer Teufel, hab' ich es denn so böse gemeint?" und nahm zurückführend die kleine Hand. Wahrscheinlich war Albanos Zürnen durch die ergossne Liebe erschöpft und durch den versöhnten Ehrgeiz befriedigt; folgsam und sogar – was sonderbar scheint – mit grösserer Liebe gegen Wehrfritz als gegen Albine ging er mit ihnen zurück und weinte unterwegs bloss aus zarter Bewegung.
Als er ins Zimmer trat, war sein Angesicht wie verklärt, obwohl ein wenig geschwollen, die Tränen hatten den Trotz verschwemmt und alle sanfte Schönheitslinien seines Herzens auf sein Gesicht gezogen, wie etwa der Regen die Himmelsblume, die in der Sonne nicht erscheint, in durchsichtigen zitternden Fäden zeigt. Er stellte sich aufmerkend an den Vater und behielt den ganzen Abend dessen Hand; und Albine genoss in der doppelten Liebe ein doppeltes Glück; und sogar auf den Gesichtern der Bedienten lagen zerstreute Stücke von dem dritten Nebenregenbogen des häuslichen Friedens, dem Bundeszeichen der verlaufenen Wassersnot.
– Wahrlich, ich hab' oft den Wunsch getan – und nachher ein Gemälde daraus gemacht –, ich möchte dabeistehen können bei allen Aussöhnungen in der Welt, weil uns keine Liebe so tief bewegt als die wiederkehrende. Es müsste Unsterbliche rühren, wenn sie die beladnen, vom Schicksal und von der Schuld oft so weit auseinandergehaltnen Menschen sähen, wie sie, gleich der Valisnerie28, sich vom sumpfigen Boden abreissen und aufsteigen in ein schöneres Element und wie sie nun in der freiern Höhe den Zwischenraum ihrer Herzen überwinden und zusammenkommen. – Aber es muss auch Unsterbliche schmerzen, wenn sie uns unter dem schweren Gewitter des Lebens gegeneinander auf dem Schlachtfelde der Feindschaft ausgerückt erblicken, unter doppelten Schlägen und so tödlich getroffen vom fernen Schicksal und von der nahen Hand, die uns verbinden sollte! –
Dritte Jobelperiode
Metoden der beiden Kunstgärtner in ihrer
pädagogischen Pelzschule – Schutzschrift für die Eitelkeit – Morgenrot der Freundschaft – Morgenstern
der Liebe
17. Zykel
Wenn wir beide Schulstuben aufmachen, so sehen wir den Schachtelmagister vormittags über den zweidottrigen Eiern des Eleven sitzen und brüten, und den Exerzitienmeister nachmittags, so wie der Tauber das Nest in jener Tagszeit, die Taube in dieser hütet. –
Wehmeier wollte nun so gut wie