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zu Boden gelegt, sanft zurückzuspannen? Und warum soll dieses Gleichnis, womit der heilige Johannes sich verteidigte, wenn er sich eine Spielstunde mit seinem zahmen Rebhuhne erlaubte, nicht Kinder entschuldigen, dass sie auch Kinder werden, wenn sie vorher den noch dünnen Bogen zu krumm angezogen haben?

Aber nun weiter! Der alte Wehrfritz referierte Rabetten ganz freundlich, "wie er heute die Pupille des Don Zesara, die herrliche Gräfin de Romeiro, gesehen, wahrhaftig 12 Jahre alt, aber von einer Conduite, wie nur eine Hofdame habe; und der Herr Ritter erlebe an seiner Mündel mehr Freude als sonst." Diese harten klirrenden Worte ritzten, wie an einem Wasserscheuen, die offnen Nerven des ehrgeizigen Knaben, da für ihn der Ritter bisher das Lebensziel, der ewige Wunsch und der frère terrible war, womit man ihn bezwang; – aber er sass still ohne Zeichen da und erstickte das schreiende Herz. Wehrfritz kannte dieses stumme Verbeissen; gleichwohl handelte er so, als hab' ihn Albano nicht verstanden.

Nun fing auch der Wiener an, in alle Ecken und Nischen des ministerialischen Vatikans Leuchtkugeln zu werfen, bloss um seine Tanz- und Musikschüler darin und sich selber günstig zu beleuchten. Kann nicht die Tochter des Ministers, kaum zehn Jahre alt, alle neue Sprachen und die Harmonika, die Albano noch nicht einmal gehöret, und schon vierhändige Sonaten von Kotzeluch und singt wie die Nachtigall schon in unbelaubten Ästen, und zwar Opernauszüge, die ihre zarte Nachtigallenbrust aushöhlen, daher er fortgemusst? – Ja kann der Bruder nicht noch weit mehr und hat alle Lesebiblioteken ausgelesen, besonders die Teaterstücke, die er noch dazu auf Liebhaberbühnen auch spielt? Und wird er nicht gerade in dieser Stunde im heutigen bal masqué seine Sache recht gut machen, wenn er anders da den Gegenstand antrifft, der ihn begeistert? – Wehmeier tat unrecht, dass er unserm Juwelenkolibri Falterle gegenübersass als eine Ohreule oder Vogelspinne, die bereit ist, den Kolibri jede Minute zu rupfen und zu fressen. Wahrlich Falterle sagte nichts aus Bosheit, er konnte niemand verachten und hassen, weil seine geistigen Augen in seinem aufgeschwollenen Ich so tief sassen, dass er damit gar nicht über das geschwollene Ich herausschauen konnte; er verletzte keine Seele und umflog die Leute nur wie ein stiller Schmetterling, nicht wie eine stechende sumsende Bremse, und sog kein Blut, sondern Honig (d.h. ein kleines Lob).

"Sollte sich wohl, Herr v. Falterle," (sagte Wehrfritz, der alsdann, sobald er nur diesen kalten Wetterstrahl auf Albano heruntergetan hatte, diesen nicht mehr fliehend und kalt anschielen wollte) "der junge Minister zuweilen auf eine Vogelstange setzen wie unser Albano da?" – Das war zu viel für dich gequältes Kind! "Nein!" sagte Albano ehern und mit der Freundlichkeit eines Leichnams, welche Nachsterben bedeutet, und verliess mit einer optischen Wolke schweifender Farben den unter seinen stummen Zukkungen knackenden Sessel und ging langsam mit eingeklemmten Fingern hinaus.

Der arme junge Mensch hatte heute nach der anscheinenden Vergebung seines adamitischen Falles und nach dem Anblicke des geschmückten neuen Lehrers, auf den er sich schon so lange gefreuet und dessen graviertes glänzendes Gehäuse gerade auf ein Kind imponierend wirkte, die letzte Puppenhaut seines inneren abgeworfen und sich viel vorgesetzt. Irgendeine Hand riss vor einer Stunde seinen inneren Menschen aus der engen schläfrigen Wiege der Kindheit aufer sprang auf einmal aus dem Wärmkorbeer warf Fallhut und Flügelkleid weit weger sah die weite toga virilis dort hängen und fuhr in sie hinein und sagte: kann ich denn nicht auch ein Jüngling sein?

Ach du Lieber, der Mensch, besonders der rosenwangige, hält betrogen so leicht Bereuen für Bessern, Entschlüsse für Taten, Blüten für Früchte, wie am nackten Zweige des Feigenbaums scheinbare Früchte spriessen, die nur die fleischigen Hüllen der Blüten sind!

Und nun, indes alle Nerven und Wurzeln seiner Seele nackt an der harten Luft blosslagenund bei so schönen frischen Trieben, wurde' er jetzt so oft beschämend zertreten. In seiner Seele glühte die Ehredurch die künftigen Jahre wollte sie wie durch eine weisse Kolonnade von Ehrensäulen gehenschon ein blosser Alumnus aus der Stadt war seiner ruhm- und wissens-durstigen Seele ein klassischer Autorund sollt' er es erdulden, dass ihn bei dem Ritter der Direktor verklagte und der Wiener verzeichnete? – Harte Tränen wurden wie Funken aus der stolzen verletzten Seele geschlagen, und den Kometenkern seiner inneren Welt zertrieb die Glut in einen schwülen Nebel. Kurz er beschloss, in der Nacht nach Pestitz zu rennenvor seinen Vater zu stürzen, ihm alles zu meldenund dann wieder nach haus zu gehen, ohne ein Wort davon zu sagen. Am Ende des Dorfs fand er einen eiligen Nachtboten, den er nach dem Pestitzer Wege befragte und der sich wunderte über den kleinen Pilger ohne Hut. –

Man sehe mit mir vorher nach dem Reste der Tischgenossenschaft. Eben dieser Bote überbrachte dem Wiener eine böse Neuigkeit, die den so lange gelobten Ministers-Sohn betraf, der Roquairol hiess.

Die obengedachte Pupille des Ritters, die kleine Gräfin von Romeiro, war sehr schön; Kalte hiessen sie einen Engel und Warme eine Göttin. Roquairol hatte keine belgische Venen, worin wie im Saturn alle Feuchtigkeiten als feste gefrorne Körper liegen, sondern afrikanische Arterien, worin wie im Merkur geschmolzene Metalle umlaufen. Als die Gräfin bei seiner Schwester war, versucht' er, mit der Keckheit vornehmer