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verkündigte, die in Tempeln vor Göttern zu wandeln gewohnt gewesen.

Kaum waren beide verschwunden, als die alten Bekannten Albanos, zumal die Weiber, denen Juliennens Gegenwart immer Albanos Stammbaum nahe gehalten, mit allen Zeichen der lang zurückgedrängten Herzlichkeit, voll Wünsche, Freuden und Tränen auf sein Herz eindrangen. "Bleibt meine Eltern!" sagte Albano. "Bravheit ist alles auf der Erde", sagte der Direktor. – "Ich tat das Meinige wie eine Mutter," (sagte Albine)"aber wer konnte las wissen?" – Rabette sagte nichts, ihre Freude und Liebe waren überschwenglich wie ihre Erinnerung. "Meine Schwester Rabette" (sagte Albano) "hat mir, als ich das erstemal nach Italien ging, die Worte auf eine Börse gestickt mitgegeben: Gedenke unsererDiese werde' ich euch allen in jedem Schicksal erfüllen" – und hier dachte' er, obwohl zu verschämt-bescheiden, um es zu sagen, an das, was er etwa als Fürst für seinen Pflegevater tun könnte, worunter die Zurückgabe von dessen heimfallenden Männer-Lehn zuerst gehörte. "So wird uns denn manches zeiterige Herzeleid –", fing Albine an. – "O was herz, was Leid," (sagte Wehrfritz) "heute wird alles richtig und glatt." Aber Rabette verstand die Mutter sehr wohl.

Alle begaben sich auf den Weg zum Trauer-Tempel. Sie hörten aus der Kirche die Musik des Liedes: "Wie sie so sanft ruhn"; in einiger Ferne versuchten sich Waldhörner zu frohern Tönen. Rabette drückte Albanos Hand und sagte sehr leise: "Es ist gut mit mir geworden, weil ich alles erfahren habe." Sie hatte dem unglücklichen Roquairol, seitdem er ein vielfaches Glück und sich selber ermordet hatte, ihre ganze Liebe ins Grab zum Verwesen nachgeworfen, ohne eine Träne dazuzutun. Sie sprang auf Idoinens Güte über, auf ihre Ähnlichkeit, "mit deren Erwähnung der Vater den Engel heute rot gemacht", und auf ihr schönes trösten Juliennens, die vor Albanos Ankunft unaufhörlich geweint. Albine lobte mehr Juliennen wegen ihrer Geschwister-Liebe. Rabette schwieg über diese; beide waren schwesterliche Nebenbuhlerinnen; auch hatte Julienne sie als Schlachtopfer des von ihr verachteten Roquairols nach ihrem scharfen unerbittlichen System sehr kalt angesehen, indes Idoine, welche, durch ihre grössere Kenntnis der Menschen, Milde gegen die weiblichen Irrtümer des Herzens und Augenblicks mit Strenge gegen Männer verbinden lernen, nur sanft und gerecht gewesen war.

Als sie in die Kirche voll Trauerlampen traten: schlich sich Albano in eine unbeleuchtete Ecke weg, um nicht zu stören und gestört zu werden. Am hellen Altare stand heiter der ehrwürdige Spener mit dem unbedeckten Haupt voll Silberlocken, der lange Sarg des Bruders stand vor dem Altare zwischen LichterLinien. Am Gewölbe der Kirche hing Nacht, und die Gestalten verloren sich in das Dunkel, unten durchkreuzten sich Strahlen und Schlagschatten und Menschen. Albano sah wie eine Todespforte die eiserne Gittertüre des Erbbegräbnisses aufgetan, worein seine frommen Eltern gezogen waren; und ihm war, als schreite noch einmal Schoppens brausender Geist hinein, um in das letzte Haus des Menschen einzubrechen. Der Bruder rührte ihn nur wenig, aber die Nachbarschaft der stillen Eltern, die so lang für ihn ge sorgt und denen er nie gedankt, und die unaufhörlichen Tränen der Schwester, die er in der Empor über der Todespforte sah, er griffen heftig sein Herz, aus welchem die tiefen ewigen Trauer töne die Tränen, gleichsam das warme Blut der Trauer und Liebe sogen. Er sah Idoine mit ihrer halb roten, halb weissen Lankaster-Rose auf der schwarzen Seide neben der Schwester stehen, sich gegen manchen vergleichenden blick den Schleier über die Augen ziehendHier neben solchen Altarlichtern hatte einst die bedrängte Liane unter dem Abschwören der Liebe geknietdas ganze Sternbild seiner glänzenden Vergangenheit, seiner hohen Menschen war hinunter unter den Horizont, und nur ein heller Stern davon stand noch schimmernd über der Erde, Idoine.

Da erblickte den Jüngling sein Freund Dian und eilte herzu. Ohne viele Rücksichten umarmte ihn der Grieche und sagte: "Heil, Heil der schönen Veränderung! Dort steht meine Chariton, auch sie möchte nach ihrer Sprache222 grüssen." – Aber Chariton blickte unaufhörlich Idoinen wegen ihrer Ähnlichkeiten an. "Nun, mein guter Dian, ich habe manches Herz und Glück dafür hin gezahlt, und mich wundert es, dass dich mir das Geschick gelassen", sagte Albano. – Darauf fragt' er ihn als den Baumeister der Kirche nach der Beschaffenheit des Erbbegräbnisses, weil er nachher sich wolle die Asche seiner Eltern aufdecken lassen, um wenigstens stumm und dankend hinzuknien. "Davon" (sagte Dian betroffen) "weiss ich sehr wenig; aber ein grausamer Vorsatz ist es, und wozu soll er führen?"

Die Musik hörte auf, Spener fing leise seine Rede an. Er sprach aber nicht von dem Fürsten zu seinen Füssen, auch nicht von seinen Geliebten in der Erbgruft, sondern von dem rechten Leben, das keinen Tod kenne und das erst der Mensch in sich erzeuge. Er sagte, dass er, obwohl ein alter Mann, weder zu sterben noch zu leben wünsche, weil man schon hier bei Gott sein könne, sobald man nur Gott in sich habeund dass wir müssten unsere heiligsten Wünsche wie Sonnenblumen ohne Gram verwelken sehen können, weil doch die hohe Sonne fortstrahle, die ewig neue ziehe und pflegeund dass ein Mensch sich nicht sowohl