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Da kamen Wehrfritz und Augusti und unterbrachen die weinende Feier der dreifachen Liebe durch heitere Mienen und Worte.

144. Zykel

Der alte Pflegevater nannte ihn zwar Prinz und nicht mehr Du, aber in landeskindlicher Entzückung drückte er sich den Pflegling seines Hauses innig ans Herz. Augusti übergab ihm mit ernster Höflichkeit und kurzem Glückwunsch folgendes Schreiben von Julienne:

"Liebster Bruder! Nun kann ich dich erst recht Bruder nennen. Ich hab' in einem Auge Trauertränen und doch im andern frohe, da nun alle Wolken von deiner Geburt genommen sind und in Haarhaar auch alles ziemlich gut geht. Der Lektor ist abgeschickt, dir alles zu erzählen, wo hätt' ich Zeit? Auch von Herrn von Bouverot soll er dir sagen, dessen rote Nase und aufgebognes Kinn und geizige Grausamkeit gegen seine wenigen Leute und vielen Gläubiger und dessen Grobheit und Weichlichkeit und trockne Bosheit ich dermassen hasse – – Inzwischen wird er jetzt durch deine Erscheinung so recht bestraft. Freilich alles ist wie ich in Unordnung und Bestürzung. Ludwigs Testament wurde diesen Morgen nach seinem Willen eröffnet, und er gab dir dein ganzes Recht. Ich will nicht über diesen Bruder mitten unter dem Weinen zürnen; er war eigentlich hart gegen seine zwei Geschwister, gegen mich sehr auch, denn er hasste alle Weiber, bis zu seiner Frau, die nur etwas taugt, wenn es ihr gut geht, und die Kunstwerke selber härteten ihn ordentlich ab gegen die Menschen. Aber er ruh' in seinem Frieden, ach den er wohl wenig gefunden! Diesen Abend muss er schon wegen seiner Krankheit und wegen des langen weges nach Blumenbühl voraus beerdigt werden. Da bin ich nun bei deinen Pflegeeltern in der Nähe unserer eingeschlossenen Eltern. Deswegen komm unabänderlich! Du bist allein mein Trost in der trüben Nacht, ich muss dich wieder am Herzen halten, das sehr an dir klopfen will und weinen und reden, wenn es nur darf. Nur komme! Nunmehr wird doch Gott, da alles im Tanzsaal zu den Reigen bereit steht, keine kalte Gespenster und entsetzliche Larven hineindringen lassen! Ich bete. Ach nur deinetwegen bin ich so froh, und ich weine genug.

Julie."

Kaum hatte Albano dem Pflegevater das erfreuliche Versprechen, diesen Abend in seinem haus zu sein, gegeben, als dieser ohne weiteres davoneilte, um die Seinigen auf die Freude des zwiefachen Besuches vorzubereiten.

Der Lektor wurde um seine Nachrichten gebeten, mit welchen er, bedenklich über Siebenkäs, zu zögern schien, bis Albano bat, ihm und seinem neuen Freund frei alles mitzuteilen. Seine Erzählung war bis auf einige Einschaltungen, die Albano später zukamen, diese:

Bouverotbei welchem er auf fragen des neugierig gemachten Albano anfingwar bisher in verborgner Verbindung mit dem haarhaarschen erbsüchtigen Prinzen gewesen und hatte in entschiedener Berechnung, durch diesen das längste Glück und sogar eine unerwartete Heirat zu machen, auf dessen Wort hin sein mit Ehelosigkeit und Einkünften zugleich verknüpftes Ordenskreuz eines Deutsch-Herrn abgehangen und an die Schwester dieses Prinzen, an Idoine, durch diesen selber, der ihm für die Aufhebung ihres ähnlichen Gelübdes219 stand, ein Miniaturbild von ihr, das er im Fluge gestohlen haben wollte, samt einem halben Bilderkabinett und mit vielen feinen Anspielungen auf seinen Wahl-Namen Zefisio als eines römischen Arkadiers und auf den Namen ihres Arkadiens übergehen lassen. "Oh la différence de cet homme au diable, comme est-elle petite!" sagte ganz ungewöhnlich-heftig Augusti. Albano musste fragen warum; "ein ganz anderes Bild gab er für der Prinzessin ihres aus", sagte der Lektor. Mitin war es Lianens ihres, schloss Albano und hatte leicht durch wenige fragen jene traurige geschichte von der blinden, vom Tiger Bouverot gejagten Liane erforscht. –

"O ich Unglücklicher!" rief Albano halb in Grimm und halb in Schmerz. Die Leiden taten ihm weh, womit das heilige Herz die kurze reine karge Liebe gegen ihn bezahlen müssendie zum erstenmal blind wurde, weil sie seinen Vater so liebte220, und zum zweitenmal, weil sie der Sohn verkannte und liebte. Aber er bezwang sich und sprach nicht darüber, die Vergangenheit war ihm wie Bienen das Echo schädlich. Siebenkäs bezeugte seine Freude über Bouverots Bestrafung durch das Fehlschlagen aller Plane.

Albano hörte, dass auch Luigi die ehelichen Absichten Bouverots zu unterstützen den Schein angenommen, bloss um ihn desto höher herabfallen zu sehen. "Mit welch einer bittern kalten langen Schadenfreude" (dachte Albano) "konnte mein Bruder in der Hoffnung auf die Grube, die sein Tod dem feindlichen hof und dessen Anhängern graben würde, allen ihren Erwartungen zusehen und alle ihre Massregeln von der Ehe der Fürstin an bis auf die Glückwünsche dazu freundlich aufnehmen, indes er die Fürstin und alles hasste! Und wie konnte' er diese lebenslange schweigende Kälte gegen mich behaupten?" – Aber Albano bedachte zwei nahe Ursachen nicht, sein eigenes stolzes Benehmen gegen den Fürsten und den gewöhnlichen Fürstengeiz, der sich vor Apanagen-Geldern scheue.

Gaspards Verhandlungen in Haarhaar, welche der Lektor nur mit einigen von Juliennen anbefohlnen Auslassungen gab, waren diese:

Mit eigner Lust und Stille sah der Ritter von jeher den Einwirrungen der menschlichen Verhältnisse zu und gab sie ihrer eignen Auflösung und Zerreissung hin. Hier liess er alle fremde Träume immer lebendiger und wilder werden, bis er mit einem Griff an die Brust sie alle dem Schläfer wegraffte. Der alte Zorn über die stolze Verweigerung der Fürstenbraut wurde befriedigt, da er ihnen unter dem schimmernden Triumphtore ihrer Wünsche und