und die Silben verschluckt! – Ich weiss gewiss, er könnte töten, ohne die Miene zu ändern, nicht einmal zum Zorn." – "O, er ist der finstere Geist, den er sieht – zitieren Sie ihn nicht!" sagte Albano, in eine ganz neue Welt wegeilend, die jetzt plötzlich vor seinen Geist gezogen war.
142. Zykel
Er dachte nämlich an das bisher vom Nebel des Schmerzens verdeckte Papier, das Schoppe aus der Fürstengruft geholet, und an das Mutterbild, das er unter dem Okularglas hatte finden sollen. Eh' er anfing zu lesen, legt' er das Bild unter dem Glase dem Fremden vor, ob er es etwa zufällig kenne. "Sehr! Es ist die verstorbene Fürstin Eleonore, so weit ein Kupferstich vor dem Landes-Gesangbuch Ähnlichkeiten vorauszusetzen verstattet; denn sie selber sah ich nie."
Bewegt zog Albano das Papier aus der zerbrochnen Marmorkapsel; aber er wurde' es noch mehr, da er die Unterschrift "Eleonore" und folgendes in französischer Sprache las:
"Mein Sohn!
Heute hab' ich dich nach langen zeiten wiedergesehen215 in deinem B. (Blumenbühl); mein Herz ist voll Freude und sorge, und dein schönes Bild schwebet vor meinen weinenden Augen. Warum darf ich dich nicht um mich haben und täglich anblicken? Wie ich bin gebunden und geängstigt! Aber von jeher schmiedete ich mir Fesseln und erbat andere, mich damit zu binden. Höre deine eigne geschichte aus dem mund deiner Mutter an; sie wird dir aus einem andern nicht lieber und wahrhafter kommen.
Ich und der Fürst lebten lange in einer unfruchtbaren Ehe, welche unserem Vetter in Hh. (Haarhaar) immer lebhafter mit der Hoffnung der Sukzession schmeichelte. Spät vernichtete sie ihnen dein Bruder L. (Luigi). Man konnte uns das kaum vergeben. Der Graf C. (Cesara) bewahrt die Beweise einiger schwarzen Handlungen (de quelques noirceurs), die deinen armen, ohnehin schwächlichen Bruder das Leben kosten sollten. Dein Vater war eben mit mir in Rom, als wir es erfuhren. 'Man wird doch endlich über uns siegen', sagte dein Vater. In Rom lernten wir den Fürsten di Lauria kennen, der seine schöne Tochter dem Grafen. (Cesara) nicht eher geben wollte, bis er Ritter des goldnen Vlies-Ordens geworden wäre. Der Fürst wirkte ihm diesen Orden am kaiserlichen hof aus.
dafür glaubte die Cesara mir sehr dankbar sein zu müssen, une femme fort decidée, se repliant sur elle même, son individualité exagératrice perça à travers ses vertus et ses vices et son sexe. Wir lernten uns lieben. Ihr romantischer Geist teilte sich dem meinigen mit, besonders in dem romantischen land. Dazu half mit, dass ich und sie uns im rechten Zustande der weiblichen Schwärmerei zugleich befanden, nämlich der Hoffnung zu gebären. Sie kam nieder mit einem wunderschönen, ihr ganz ähnlichen Mädchen, Severina, oder wie man sie nachher nannte, Linda. Hier machten wir den seltsamen Vertrag, dass wir, wenn ich einen Sohn gebäre, austauschen wollten; ich konnte ohne Gefahr eine Tochter erziehen, und bei ihr konnte mein Sohn ohne diejenige aufwachsen, die deinem Bruder bei mir schon gedrohet hatte. Auch sagte sie, ich könne besser eine Tochter, sie einen Sohn leiten, da sie ihr Geschlecht wenig achte. Der Graf war es gern zufrieden; der Hh. Hof hatte ihm kurz vorher die älteste Prinzessin, um die er geworben, unter dem spöttischen Vorwande ihrer noch kindischen Jugend abgeschlagen, und er aus Rache beleidigter Ehre und verletzter Eitelkeit, denn er war der schönste Mann und aller Siege gewohnt, war zu allen Massregeln und Kämpfen gegen den stolzen Hof bereit. Nur der Fürst billigte es nicht, er fand eine Erziehung ausser Landes u.s.w. ganz zweideutig und misslich. Aber wir Weiber verwebten uns eben desto tiefer in unsere romantische idee.
Zwei Tage darauf gebar ich dich und – Julienne zugleich. Auf diesen reichen Zufall hatte niemand gerechnet. Hier warf sich vieles ganz anders und leichter sogar. 'Ich behalte', (sagt' ich zur Gräfin) 'meine Tochter, du behältst die deinige; über Albano' (so soll er heissen) 'entscheide der Fürst.' Dein Vater erlaubt' es, dass du zwar als Sohn des Grafen, aber unter seinen Augen, bei dem rechtschaffenen W. (Wehrfritz), erzogen würdest. Indes traf er Vorkehrungen, deren guten Wert ich damals im phantastischen Rausche der Freundschaft nicht ganz abzuwägen imstande war. Jetzt wunder' ich mich nur, dass ich damals so mutig war. Die Dokumente deiner Abstammung wurden nicht nur dreimal gemacht – ich, der Graf und der Hofprediger Spener wurden in deren Besitz gesetzt –, sondern später wurdest du auch dem Kaiser Joseph II. als unser Fürstensohn präsentiert, und sein gütiges Blatt, das ich einst deinen Geschwistern vertraue, entscheidet allein genug.
Der Graf nahm jetzt selber am Geheimnis tätigen teil, indem er – sei es aus Liebe für seine Tochter, sei es aus dem Wunsche einer geschärften Rache am Hh. hof – als Lohn des Anteils verlangte, dass einst du und Linda ein Paar werden möchten. Hier trat wieder die Gräfin mit ihren Wundern und Phantasien ein: 'Linda wird mir gewiss ähnlich an Gemüt, wie sie jetzt es ist an Gestalt – Gewalt bewegt sie dann nie – aber Magie des Herzens, der Feenwelt, Reiz des