bekehret habe, sag' er den ganzen Tag Wahrheiten, und im Kartäuser-Kloster gedenk' er es noch mehr."
"In Klöstern wohnen sie sonst eben nicht, daher wird, glaube' ich, eben das Gelübde des Schweigens gefodert, das immer der Wahrheit zuträglicher ist als dessen Bruch", versetzte Siebenkäs. "O Ketzer, Ketzer!" rief der Spanier so unerwartet zornig, dass Albano durch diese Menschlichkeit auf einmal von dessen jetziger Wahrhaftigkeit Pfänder bekam, so wie von dessen engerm Geistes-Umfang. Nun erst fragt' er ihn über die Erde und den Samen aus, die er bisher gebraucht, um seine schnellen Wunderblumen vorzutreiben.
Er liess auf diese Frage einen Kasten herauftragen. "Fragt!" sagt' er. "Wie stieg aus dem Lago maggiore Romeiros Gestalt?" sagte Albano. Der Oheim schloss auf, zeigte eine Wachsfigur und sagte: "Es war nur ihre Mutter." Albano schauderte vor dieser nahen Nebensonne seiner untergegangnen Sonne und vor der Vermutung der Verwandtschaft, die ihm Schoppe eingeflösset: "Bin ich ihr verwandt?" fragt' er schnell. Der Oheim versetzte bestürzt: "Es wird wohl anders sein." Albano fragte nach dem himmelfahrenden Mönch in Mola; "er oben mit Gas gefüllt, ich unten an der Mauer stand", sagte der Oheim. Albano wollte nichts weiter wissen; im Kasten waren noch Hör- und Sprachröhre, eine Gesichtshaut, blaues Glas, durch welches die Landschaften beschneiet erscheinen, seidene Blumen mit Pulver von einem endormeur u.s.w.; Albano wollte nichts mehr sehen.
"Böses Wesen! wer stiftete dich dazu an?" fragte Albano. "Der starke Bruder," (sagte der Oheim, denn so nannte er den Ritter gewöhnlich) "er gab mir zu leben, und er wollte mich totschiessen; denn er lacht sehr, wenn die Menschen sehr hübsch betrogen werden." – "O keinen laut darüber!" (rief Albano peinlich, dem der Zorn gegen den Ritter alle Adern mit Tränen-Feuer und Gift aussprützte) – "Unglücklicher! wie wurdest du der?" – "So? Bin ich unglücklich?" fragt' er eiskalt. Er berichtete – aber abgebrochen und verworren, welches ihm in jeder Sprache in seiner eignen Rolle begegnete, indes er in fremdem Namen, z.B. des Kahlkopfs, gut und lange sprechen konnte –: er habe ein schwarzgraues und ein blaues Auge, seit der Mannbarkeit einen verborgnen Kahlkopf und ein besonderes Gedächtnis und habe daher Schauspieler werden wollen; weil er nichts zu tun gehabt, denn er sei nie verliebt gewesen; aber solang' er nicht improvisiert, sei es nicht gegangen. – Den Joseph Clark, der alle Verwachsene nachmachen können, und den Betrüger Price, der in dreifacher person herumgegangen, hab' er immer im Sinne gehabt – Da sei ihm der Finstere abends wieder in einem Nebel des Ufers über dem wasser entgegengetreten und habe wie aus dem Bauche gemurmelt: "Peppo, Peppo!214 schluck das wahre Wort zurück, ich will das andere schon aussprechen" – Und von dieser Stunde an hab' er die Bauchsprache gekonnt – Er habe damit Tote und Stumme und Sprachmaschinen und Papageien und Schlafende und fremde Leute ins Teater gut reden lassen, aber niemand in der Kirche, und das hab' ihn wohl ergötzt – Ein unaufhörliches Echo hab' er oft auf Felsen gegeben, so dass die Menschen gar nicht wussten, wenn sie fortgehen sollten. Er habe auch einmal ein ganzes Schlachtfeld voll Toter untereinander reden lassen, in allen Sprachen, zum Erstaunen des alten Generals.
"Wo war das?" fragte Siebenkäs. – Der Spanier kam zu sich und versetzte: "Ich weiss es nicht; ist es denn wahr? Omnes homines sunt mendaces, sagt die heilige Schrift." – "So wenig wahr" (sagte Albano) "als Euer finsterer Geist!" – "O Maria, nein" (sagt, er entschieden) – "wenn ich etwas weissagte, so macht' er ja, dass es doch eintraf; dann erschien er mir und sagte: siehst du, Peppo, aber sage nur keine Wahrheit! – Und in der Nacht, da ich neben Euch nach Lilar ging, ging er unten im Tale als ein Mensch durch die Luft hin." – "Das sah ich auch," (sagte Albano) "er schwebte weiter, ohne sich zu regen." – "Das war bloss einer," (sagte Siebenkäs lächelnd) "der in einem fortschwimmenden Kahne mit versteckten Beinen stand, und nichts weiter." – Da blickte der Spanier dieses Ebenbild der Leiche mit dem alten Grausen an, womit er es bisher heimlich für den finstern Geist selber gehalten, murmelte Albano ins Ohr: "Sieh, dieses Wesen weiss es" und sagte zur Entschuldigung der Wahrheiten: "Die Sonne ist noch nicht untergegangen" und eilte, ohne auf Menschen-Bitten zu hören, deren Kraft ihm nie bekannt geworden, ohne Leid und Freud' davon, um noch vor Sonnenuntergang ins nahe Kartäuser-Kloster einzutreten. Alles Trug-Geräte hatte' er stehen lassen.
"Ein fürchterlicher Mensch!" (sagte Siebenkäs) "Als er vorhin einmal sich über etwas freuen wollte, sah er aus, als greif' ihm ein Schmerz über das Gesicht – Und dass er so dünn und hager dasteht und seitab blickt