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Albano überwand ihn endlich. Er erzählte weiter, dass er auf der Heimreise begriffen gewesen, als ihn die wiederholte Verwechslung seiner person mit dem Toten auf die Vermutung geleitet, hier müsse sein lang entbehrter Leibgeber wandeln, wiewohl er vor der ersten Erscheinung und Vergleichung sich fast fürchten müssen: "Denn, Herr Graf," (sagt' er) "Jahre und Geschäfte, juristische vollends, ach das Leben selber ziehen den Menschen immer weiter herab, anfangs aus dem Äter in die Luft, dann aus der Luft auf die ErdeWird er mich kennen? sagt' ich. Ich bin ja nicht mehr, der ich war, und die physiognomische Ähnlichkeit möchte wohl die einzige und festeste noch geblieben sein. Aber auch diese war vergangen; der Selige sieht noch aus wie vor zehn Jahren. O nur eine freie Seele wird nicht alt! – Herr Graf, ich war sonst ein Mann, der einen und den andern Spass mit dem Leben trieb und mit dem tod auch, und ich konnte ausrufen: Himmel! wenn die Hölle aufging, und derlei mehr – – Ach Leibgeber, Leibgeber! Die Zeit hat weiche, kleine Wellen, aber am Ende wird doch der eckigste, schärfste Kiesel darin glatt und stumpf."

"Zählen Sie mir jede Kleinigkeit seiner Vorzeit," (bat Albano) "jeden Tautropfen aus seinem Morgenrote zu, er war so karg mit seiner dunkeln geschichte!" – "Und das gegen jeden" (sagte der Fremde) – "So viel will ich Ihnen einmal aus wahren, an Ort und Stelle gesammelten Datis beweisen, dass er ein Holländer ist wie Hemsterhuis und eigentlich Kees heisst wie Vaillants Affe, woran er Sieben oder Seven gesetzt; denn Siebenkäs ist sein erster Name. Aus der Amsterdamer Bank bezog er seine Intraden. An jedem Neujahrsabend verbrannt' er die Papiere des vorigen Jahrs; und wie seine Clavis Leibgeberiana bekannt geworden, begreif' ich noch nicht." – Darauf erzählte er ihren ersten Namen-Wechsel, wo Schoppe von ihm den Namen Leibgeber annahm, dann jede Stunde und Tat seines treuen Herzens gegen den vorigen ArmenAdvokaten, dann ihren zweiten Namentausch, wo Siebenkäs sich namentlich begraben liess und als Leibgeber fortfuhr, und ihren ewigen Abschied in einem voigtländischen Dorf.

Als Siebenkäs hier stand bei der Erzählung, fasste er die kalte Hand mit den Worten: "Schoppe, ich dachte, ich fände dich erst bei Gott!" und neigte sich weinend über den Toten. – Albano liess seine Tränen stürzen und nahm die zweite tote Hand und sagte: "Wir fassen treue, reine, tapfere hände." – "Treue, reine, tapfere", wiederholte Siebenkäs und sagte mit einem Schoppischen Lächeln: "Sein Hund sieht zu und bezeugt es einmal." Aber er wurde von der Bewegung blass und sah jetzt ganz wie der 30 Tote aus. Da berührten er und Albano sinkend sich auf dem kalten Gesicht, und Albano sagte: "Sei auch mein Freund, Lebendiger, wir können uns lieben, weil er uns liebte. – Blasser, deine Gestalt sei das Siegel meiner Liebe gegen deinen alten Freund."

Albano riss jetzt das Fenster auf und zeigte ihm ein Grab in Osten und eines in Süden neben dem offnen dritten in der Nacht und sagte: "So weint' ich dreimal über das Leben." – Siebenkäs drückt' ihm die Hand und sagte bloss: "Die Parzen und Furien ziehen auch mit verbundnen Händen um das Leben, wie die Grazien und die Sirenen." Er sah den seltenen schönen feurigen Jüngling mit innigster Liebe an; aber Albano, der nur wenig geliebt zu sein voraussetzte und den die Feuerzeichen eines Dians und Roquairols verwöhnt, wusst' es nicht, wie sehr er das ruhigere Herz gewonnen hatte.

141. Zykel

Am Morgen kehrte mehr Sonne und Kraft in Albanos Brust zurück. Er musste nun in der plattgedrückten Ebene seines Lebens sich den Berg selber vorheben. Nur Pestitz wiederzusehen, wo alle Turniergenossen seiner glänzenden Tage verschwunden waren, den einzigen Dian ausgenommen, verabscheuete er; "hat dieser sein Grab auf der Brust, so zieh' ich und scheide von niemand", sagte er.

Da langte der verhasste Oheim mit den Wagen voll Zauberstäbe an und sagte weinerlich, er geh' ins Kartäuser-Kloster, büsse für viele Sünden, und er wolle vorher dem Neffen gern alles erklären, sowohl mit Worten als mit den Wagen, was er begehre. "Ich glaube' Euch nichts", sagte Albano. "Jetzt darf ich alle Wahrheit sagen, denn der Finstere tut mir nichts, ich denke, Cousin" (versetzte der Spanier) – "ist der da" (setzt' er leise mit einem scheuen blick auf Siebenkäs dazu) "nicht der Finstere, Cousin?" Albano wollte nichts wissen und hören. Siebenkäs fragt' ihn, wer der Finstere sei. "Es sei der unendliche Mann," (begann er) "sehr schwarz und finster, und sei zum erstenmal vor ihn geschritten über das Meer her, als er an der Küste stand vor einem Nebelnachts hab' er ihn oft rufen hören, und zuweilen hab' er seine Bauchreden wiederholter sei ihm sogleich erschienen mit einer Hand voll Drohungen, sobald er nach Sonnenuntergang viele Wahrheiten gesagt, daher hab' er sich in der Kreuzkapelle vor dem gegenwärtigen Herrn sehr gefürchtetaber jetzt, seitdem er sich ohne allen Schaden in der Kapelle