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seiner Gestalt bewegte sich herdas Feuerauge in der Hand stieg in das Gesichtdie Ichs-Larve war grün gekleidet – "Böser Geist, ich bin doch in der Ohrenbeichte, du kannst nicht her, ich bin heilig", rief der Spanier und fasste Schoppen. Ihn fasste der Hund. Schoppe starrte die grüne Gestalt ander Degen entfiel ihm. "Mein Schoppe," (rief sie) "ich suche dich, kennst du mich nicht?"

"Lange genug! Du bist der alte Ichnur her mit deinem Gesicht an meins und mache das dumme Sein kalt", rief Schoppe mit letzter Mannes-Kraft. "Ich bin Siebenkäs", sagte das Ebenbild zärtlich und trat ganz nahe. – "Ich auch, Ich gleich Ich", sagt' er noch leise, aber dann brach der überwältigte Mensch zusammen, und dieser reinigende Sturm wurde ein seufzendes, stilles Lüftchen. Mit weiss werdendem Gesicht, krampfhaft sich selber die starren Augen zuziehend, stürzte er um, die spielenden Finger schienen den Hund noch anzulocken, und die Lippen wollten sich zu einem Spottwort spitzen, das sie nicht sagtenSein Freund Siebenkäs, der nichts erraten konnte, hob weinend die kalte, festgeschlossene Hand an sein Herz, an seinen Mund und rief: "Bruder, blick auf, dein alter Freund aus Vaduz steht ja neben dir und sieht dich in der Todesnot, er sagt dir tausend Lebewohl, Lebewohl!"

Das schien durch die dem Leben noch offnen Ohren ins brechende Herz noch süsse Töne der alten lieben Zeit und heitere Träume der ewigen Liebe zu führender Mund fing ein kleines Lächeln an, von Lust und Tod zugleich gezogendie breite Brust stieg noch einmal voll auf zu einem frohen Seufzeres war der letzte des Lebens, und lächelnd blieb der Verstorbne auf der Erde zurück.

Nun hast du hienieden geendigt, strenger, fester Geist, und in das letzte Abend-Gewitter auf deiner Brust quoll noch eine sanfte, spielende Sonne und füllte es mit Rosen und Gold. Die Erdkugel und alles Irdische, woraus die flüchtigen Welten sich formen, war dir ja viel zu klein und leicht. Denn etwas Höheres als das Leben suchtest du hinter dem Leben, nicht dein Ich, keinen Sterblichen, nicht einen Unsterblichen, sondern den Ewigen, den All-ersten, den Gott. – – Das hiesige Scheinen war dir so gleichgültig, das böse wie das gute. Nun ruhst du im rechten Sein, der Tod hat vom dunkeln Herzen die ganze schwüle Lebens-Wolke weg gezogen, und das ewige Licht steht unbedeckt, das du so lange suchtest; und du, sein Strahl, wohnst wieder im Feuer.

Fünfunddreissigste Jobelperiode

Siebenkäsbeichte des OheimsBrief von Albanos

Mutterdas KronRennenEcho und

Schwanengesang der geschichte

140. Zykel

Lange lag Albano im einsamen finstern Abgrund, bis endlich Licht die Schlucht und die grüne Höhe erleuchtete, von welcher er herunterstürzte. Das sonst lebensfärbige männliche Gesicht des Freundes lag weiss vor ihm, der rote Mantel erhöhte noch den Leichenschnee. Der Hund lag mit dem kopf auf der Brust, als woll' er sie wärmen und schützen. Als Albano den nackten Degen sah: blickte er im Kreise umher, schauderte vor dem kalten Oheim, vor dem lebendigen Bruderbild des Toten und vor dem ersten Argwohn zwischen fremdem und Selbstmord und fragte leise: "Wie starb er?" – "Durch mich," (sagte Siebenkäs) "an unserer Ähnlichkeit, er glaubte sich zu sehen, wie dieser Herr hier versichert." Der Oheim erzählte einige Punkte, Albano kehrte Ohr und Auge von ihm ab; aber in den warmen Widerschein der befreundeten Gestalt senkt' er den blick, dem das Tageslicht der Freundschaft untergegangen war. Siebenkäs schien sich in einer seltenen männlichen Haltung zu behaupten. Auch Albano, der jüngere Freund, verbarg seinen Jammer, dass er so viel verloren und dass nun sein Waisen-Herz ausgesetzt sei wie ein hülfloses Kind in die Wüste des Lebens.

Wehrfritz fragte ihn, ob er ihm ein Pferd zur Reise in die Stadt noch schicken solle. "Mir? Ich jemals mehr in die Stadt?" (fragte Albano) "Nein, guter Vater, ich und Schoppe gehen heute in den Prinzengarten." Er entsetzte sich vor der blossen schwarzen Kirchhofs-Landschaft der Stadt, wo einmal ein goldner Sonnenschein und Laubengänge und Himmelspforten voll Blumengewinde für ihn geblühet hatten. O der junge Honig der Liebe, der alte Wein der Freundschaft, beide waren ja vom Schicksal in Gräber gegossen! –

Der Tote wurde in das neue Schloss des Prinzengartens gebracht. Nur Albano und Siebenkäs folgten ihm nach. Als sie allein waren, sah Albano erst, dass der Freund seines Freundes bebe und wanke und dass bis jetzt nur der Geist den Körper getragen. "Nun wir beide" (sagte Albano) "dürfen voreinander trauern; aber nur Ihnen glaube' ich. Gott, wie war denn sein Ende?" Siebenkäs liess vor ihm die letzten Mienen und Laute des Armen vorübergehen. "O Gott," (sagte Albano) "er starb nicht leicht, wenn der Wahnsinn der Monate zu einer Minute wurdereissend musste der Höllenfluss sein, der ein so festes Leben weg riss." – Siebenkäs nahm schwer den Glauben an dessen Wahnsinn an, weil der Tote so oft in seinen schönsten Momenten auf ähnliche Weise verkannt worden; aber