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einer entschlummerten Heiligen so ähnlich; – er wurde von ihren letzten Worten an ihr fruchttragendes Leben in Arkadien erinnert, wo der bunte Blütenstaub ihrer Ideen und Träume, ungleich dem schweren toten Goldstaub des blossen Reichtums, leicht im heitern Leben flatternd, unbemerkt belebend, endlich feste Wälder und Gärten auf der Erde ausbreitetealles in ihm liebte sie und rief: nur sie könnte deine letzte wie deine erste Liebe seinund sein ganzes Herz, durch Wunden offen, war der stillen Seele aufgetan. Aber ein ernster, harter Geist schloss es wieder zu: "Unglücklicher, liebe keine mehr, denn ein dunkler Würgengel geht hinter deiner Liebe mit dem Schwert, und welche Rosenlippe du an dich drückst, diese berührt er mit der scharfen Schneide oder mit der Giftspitze, und dann vergeht oder verblutet sie."

Er sah schon den Glanz dieses Schwerts im langen Dunkel ziehen; denn Idoine hatte das Gelübde getan, nie unter ihrem Fürstenstande die Hand zum Bunde der Liebe zu reichen. So standen beide geschieden nebeneinander in einem Himmel, eine Sonne und ein Mond, durch eine Erde getrennt. Sie beschleunigte ihre Entfernung. Albano hielt es nicht für recht, sie zu begleiten, da er jetzt erriet, dass die graugekleideten Menschen, die ihn zurückgewinket, ihre Bedienten gewesen, ihr die Einsamkeit zusichern sollen. Sie reichte ihm an der Gartentüre die Hand und sagte: "Leben Sie glücklicher, lieber Graf; einst hoff' ich Sie so glücklich wiederzufinden, als Sie sich machen sollen." Die Berührung der Hand wie einer himmlischen, die sich aus den Wolken gibt, durchströmte ihn mit einem verklärten Feuer jener Welt, wo Auferstandne leicht und schimmernd schweben, und die hohe, Ehrfurcht gebende Gestalt begeisterte sein Herz; – er konnte nicht sagen, was er in sich besiege und bedekke, aber auch kein anderes kaltes verkleidetes Wort; – er kniete nieder, drückte ihre Hand an die Brust, sah weinend an den Sternenhimmel und sagte bloss: "Frieden, Allgütiger!" – Idoine wandte sich eilig ab und ging nach einigen schnellen Schritten langsam den kleinen Hügel in den Prinzengarten hinunter.

Nach wenigen Minuten sah er die fackeln ihres Wagens durch die Nacht fliegen, in der sie gern zu reisen wagte. Um den Hügel war es dunkel, die Abendröte und der Abendstern waren untergegangen, die Erde wurde ein Rauch und Schutt der Nacht, am Horizont bauete ein Trauergerüst von Wolken sich auf. Aber in Albano war etwas unbegreiflich Freudiges, ein lichter Punkt in der Finsternis des Herzens. Und als er den Leucht-Atom anschauete, breitete er sich aus, wurde ein Glanz, eine Welt, eine unendliche Sonne. Jetzt erkannt' er es, es war die rechte unendliche und göttliche Liebe, welche schweigen kann und leiden, weil sie nur ein Glück kennt, aber nicht das eigne.

Er war erfreuet über das Überhüllen seiner Brust und über seinen Entschluss, sie nicht wiederzusehen in der Stadt. "So still" (sagt' er halb betend, halb sprechend) "will ich sie ewig lieben ihre Ruhe, ihr Glück, ihr schönes Streben bleibe mir heilig und ihre Gestalt mir verdeckt und fern wie die ihrer himmels-SchwesterAber wenn die Schlacht für das Recht anfängt und die Töne neben den Fahnen in die Höhe wehen und das Herz eifriger schlägt, um stärker zu bluten, dann ziehe dein Bild, o Idoine, mir im Himmel voran, und ich streite für dich; und wenn im Getümmel ein unbekannter Würgengel die giftige Schneide über die Brust zieht: so will ich im ermattenden Herzen dich festalten, bis mir die Erde vergeht."

Er sah sich nach diesem Gebete heiter um auf dem Gottesacker des jungfräulichen Herzens, er fühlte, Liane allein dürf' es wissen, und sie werde' ihn segnen.

138. Zykel

Albano konnte in einer Gegend, in welcher die einzelnen Säulen und Bogen des zerstörten Sonnentempels seiner Jugend umherlagen, keine Nacht zubringen: sondern er begab sich traurig-träumend auf den Weg zur Stadt. Unterwegs fand er den Landschafts-Direktor Wehrfritz zu Pferd, der ihn suchte. "Herr Sohn," (sagt' er) "es sind mir von deinem intimen Freunde, Herrn Schoppe, die wichtigsten Sachen zu Händen gestellt worden, die ich nur in deine eignen wieder auszuhändigen habe, was ich denn hiemit eilig tue. Denn Musse hab' ich bei Gott wenig, der Fürst ist diesen Abend mit Tod abgegangen vor Schreck, weil jemand sagte, sein alter Vater, der ihm zum Todes-Anzeichen soll zum zweitenmal zu erscheinen versprochen haben, sei im Spiegelzimmer zu sehen, was aber nur, hör' ich, was von Wachs gewesen. Es sind die Sachen, die ich auszuliefern habe, erstlich ein Perspektiv, womit du deine Mutter und Schwester gemalt sehen wirst (ich bediene mich mit Fleiss Herrn Schoppens eigner Ausdrücke), zweitens ein geschriebenes Paket, adressiert an 'Albano, erzogen bei Wehrfritz', das noch halb in einer zerschlagnen schwarzen Marmorstufe steckt, und drittens dein Porträt." Das Porträt stellte Albano im jetzigen Alter dar, fand manso viel die Sterne zu sehen gönnten –, indes er sich doch nie malen lassen. Die schwarze Marmorstufe und das Perspektiv brachten ihm die Prophezeiung seines Vaters auf Isola bella213 vor die Seele: ihm werde in einem Bilderkabinett eine weibliche Gestalt aus der Wand entgegentreten und ihm einen Ort aufschreiben, wo er die schwarze Stufe, und