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sie der ewige Friede, wie er der ewige Krieg. Er beschloss, hinaufzugehen und allein oben bei der Himmelsbraut zu sein und auf dem den Blumen geweihten Boden das Beet aufzusuchen, unter welchem ihre Blumen-Asche sich vor den Stürmen zugedeckt. Da er den Vorsatz nur dachte, so drangen Tränenströme wie Schmerzen aus seinen Augen; denn die bisherigen Nachtwachen und Sorgen hatten ihn träumerisch aufgelöset und so manches Unglück in so kurzer Zeit dazu, das ihm das schöne feste Leben von einem Ende zum andern mit giftigem Stachel und Zahn durchgraben hatte.

Als er in der noch mondlosen, aber sternenreichen Dämmerung, worin nur der Abendstern der Mond war, gleichsam ein kleinerer Spiegel der Sonne, den Hügel hinaufging: sah er aus dem Prinzengarten ein paar graugekleidete Menschen heftig winken, als wollten sie ihm den gang verbieten. Er ging unbekümmert weiter, ja er wusste nicht einmal, ob nicht sein vom Wachen glühendes und von Lebens-Stössen erschüttertes Gehirn ihm diese Gestalten wie aus einem Hohlspiegel vorflattern lasse.

Wie in einen griechischen dachlosen Tempel trat er in den heiligen Kloster-Garten der stillen Nonne, worin der Lindenbaum laut sprach und die stillen Blumen wie Kinder über der Ruhenden spielten und sich neigten und wiegten. Hoch und weit gingen die Sternenbogen wie schimmernde Ehrenbogen über die kleine Erdenstelle her, über den geheiligten Ort, wo sich Lianens Hülle, das kleine Licht- und Rosenwölkchen, niedergesenkt, als es den Engel nicht mehr zu tragen hatte, der in den Äter gegangen war und aller Wolken nicht mehr bedurfte. Plötzlich erblickte der schaudernde Albano Lianens weisse Gestalt an die Linde gelehnt und gegen den Abendstern und die Abendröte gewandt; lange schaute er an der seitwärts gekehrten Gestalt die himmlisch-herabsteigende Antlitz-Linie an, womit Liane so oft als eine Heilige unbewusst neben ihm gestandennoch glaubt' er, ein Traum, der Proteus der menschlichen Vergangenheit, ziehe das Luftbild aus dem Himmel hernieder und spiel' es vor, und er erwartete das Vergehen. Es blieb, aber ruhig und stumm. Hinkniend, wie vor der offnen Pforte des weiten langen himmels voll Verklärung und Gotteit, und aufgerissen aus den Erden-Tälern, rief er aus: "Erscheinung, kommst du von Gott, bist du Liane?", und ihm war, als sterb' er.

Schnell blickte die weisse Gestalt sich um und sah den Jüngling, sie stand langsam auf und sagte: "Ich heisse Idoine, ich bin unschuldig an der harten Täuschung, sehr unglücklicher Jüngling." – Da bedeckte er seine Augen, aus schnellem Schmerz über die Wiederkehr der schweren kalten Wirklichkeit. Darauf sah er die schöne Jungfrau wieder an, und sein ganzes Wesen zitterte vor ihrer verklärten Ähnlichkeit mit der Toten; so lächelte sonst Lianens zarter Mund im Lieben und Trauern, so öffnete sich ihr mildes Auge, so ging ihr feines Haar um das blendend-weisse, gefällige Angesicht, so war ihr ganzes schönes Gemüt und Leben aufrichtig in ihr Antlitz gemaltNur stand Idoine grösser da, wie eine Auferstandene, stolzer und länger ihre Gestalt, blasser ihre Farbe, denkender die jungfräuliche Stirn. Sie konnte, da er sie so schweigend und vergleichend anblickte, sich der Rührung über den getäuschten Unglücklichen nicht erwehren, und sie weinte, und er auch.

"Betrüb' ich Sie auch?" sagte er in höchster Bewegung. Mit dem Sprachtone der Jungfrau, die unter den Blumen lag, sagte unschuldig Idoine: "Ich weine nur, dass ich nicht Liane bin." Schnell setzte sie hinzu: "Ach diese Stelle ist so heilig, und doch ist es der Mensch nicht genug." – Er verstand ihre Selbst-Rüge nicht. Ehrfurcht und Offenherzigkeit und Begeisterung bemächtigten sich seiner, das Leben stand glänzend aus der engen, bangen Wirklichkeit auf, wie aus einem Sarg, der Himmel sank näher herzu mit hohen Sternen, und beide standen mitten unter ihnen. "Edle Fürstin," (sagt' er) "hier entschuldigen wir uns beide nichtDie heilige Stelle nimmt, wie eine zweite Welt, das Fremd sein wegIdoine, ich weiss es, dass Sie mir einst den Frieden gegeben; und vor der verborgnen Hülle des Geistes, in dessen Sinne Sie sprachen, dank' ich Ihnen hier."

Idoine antwortete: "Ich tat es, ohne Sie zu kennen, und darum konnte' ich mir den kurzen Gebrauch oder Missbrauch einer entfliehenden Ähnlichkeit erlauben. Hätt' es von mir abgehangen, so hätt' ich Sie nie mit einer so unbedeutenden, wie eine äussere ist, doch so schmerzlich erinnert. Aber ihr Herz verdient Ihr An denken und Ihre Trauer. Man schrieb mir, Sie wären nicht mehr in Lindenstadt." – Sie suchte jetzt zum Fortgehen zu eilen. "In einigen Tagen" (antwortete er) "werde' ich auch reisen. Ich suche Trost im Kriege gegen den Frieden des Grabes und der Wüste, der mein Leben stille macht." – "Ernste Tätigkeit, glauben Sie mir, söhnet zuletzt immer mit dem Leben aus", sagte Idoine, aber die ruhigen Worte wurden von einer bebenden stimme getragen, denn durch hülfe ihrer Schwester hatte sie das ganze graue Regenland seiner Gegenwart vor das Auge bekommen, und ihr Herz war voll tiefen Mitleidens gegen die Menschen.

Er sah sie hier scharf an, ihre Nonnen-Augenlider, die immer unter dem Sprechen sich über die ganzen grossen Augen nieder senkten, machten sie