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Vaterherz durch seine Liebe abzulösen; der Jüngling begriff nicht, wie einem treuen warmen Herzen zu widerstehen sei, wenigstens seinem.

Dieser Heros, in der ländlichen Kartause und mehr unter der Vorwelt als Mitwelt aufgewachsen, legte an alles antediluvianische Riesenellen; die Unsichtbarkeit des Ritters machte einen teil von dessen Grösse aus, und die Mosisdecke verdoppelte den Glanz, indem sie ihn verhing. – Überhaupt zog unsern Jüngling ein sonderbarer Hang zu übermässigen Menschen hin, wovor sich andere entsetzen. Er las die Lobreden auf jeden grossen Menschen mit Wollust, als wären sie auf ihn; und wenn das Volk ungewöhnliche Geister eben darum für schlimme hältwie es alle seltene Petrefakta für Teufelsglieder nimmt –, so wohnte umgekehrt in ihm immer neben der Bewunderung die Liebe an, und seine Brust wurde immer zugleich weit und warm. Freilich hält jeder Jüngling und jeder grosse Mensch, der einen andern für gross ansieht, ihn eben darum für zu gross. – Aber in jedem edlen so Herzen brennt ein ewiger Durst nach einem edlern, im schönen nach einem schönern; es will sein Ideal ausser sich in körperlicher Gegenwart, mit verklärtem oder angenommenem leib erblicken, um es leichter zu erstreben, weil der hohe Mensch nur an einem hohen reift, wie man Diamanten nur an Diamanten glänzend macht. – Will hingegen ein Literator, ein Kleinstädter, ein Zeitungsträger oder Zeitungsschreiber einen grossen Kopf zu Gesicht bekommen und ist er auf einen grossen Kopf ebenso ersessen wie auf eine Missgeburt mit drei Köpfenoder auf einen Papst mit ebensoviel Mützenoder auf einen ausgestopften Haifischoder auf eine Sprach- und Buttermaschine: so tut er es nicht, weil ein warmes, seinen inneren Menschen beseelendes Ideal von einem grossen mann, Papste, Haifische, Dreikopfe und Buttermodelle ihn drängt und treibt, sondern weil er frühmorgens denkt: "Es soll mich doch wundern, wie der Kauz aussieht", und weil er es abends bei einem Glase Bier berichten will. –

Albano blickte am Ufer mit steigender Unruhe über das glänzende wasser nach dem heiligen Wohnplatze der vergangnen Kindheit, der vergangnen Mutter, der weggezognen Schwester hindie Freudenlieder schwammen auf den fernen Barken her und berauschten ihnjede laufende Welle, die schäumende Brandung trieb eine höhere in seinem Busen aufdie Riesenstatue des heiligen Borromäus1, die über die Städte wegsah, verkörperte den Erhabnen (seinen Vater), der sich in seinem Herzen aufrichtete, und die blühende Pyramide, die Insel, wurde der väterliche Trondie funkelnde Berg- und Gletscherkette wand sich fest um seinen Geist und zog ihn empor zu hohen Wesen und hohen Gedanken. – –

Die erste Reise, zumal wenn die natur nichts als weissen Glanz und Orangeblüten und Kastanienschatten auf die lange Strasse wirft, beschert dem Jüngling das, was oft die letzte dem Mann entführtein träumendes Herz, Flügel über die Eisspalten des Lebens und weit offne arme für jede Menschenbrust.

Er ging zurück und bat seine Freunde mit seinem siegenden Auge, noch diesen Abend abzuschiffen, wiewohl Don Gaspard erst morgen auf die Insel kam. Was er oft nach einer Woche tun wollte, nahm er sich auf den nächsten Tag vor, und endlich tat er essogleich. Dian klopfte dem eiligen Boreas voll Liebe auf den Kopf und sagte: "Ungeduldiges Wesen! Du hast hier die Flügel vom Götterboten, und da unten auch!" (auf die Füsse zeigend) "Aber glühe dich nur ab! In der schönen Nachmitternacht steigen wir ein, und wenn die Morgenröte am Himmel leuchtet, landen wir an." – Dian hatte nicht bloss eine artistische Aufmerksamkeit für den wohlgestalteten Liebling, sondern auch eine zärtliche, weil er in Blumenbühl, wo er als Landbaumeister zu tun hatte, oft sein bildender Kinder- und Jugendfreund gewesen war, und weil er jetzt auf der Insel für einige Zeit aus seinen Armen nach Rom entwich. Da der Landbaumeister dasselbe Überströmen im Jüngling für keines hielt, das er im Greise schalt, eine Überschwemmung für keine in Ägypten, obwohl für eine in Holland; und da er für jedes Individuum, Alter und Volk eine andere gleichschwebende Temperatur annahm und in der heiligen Menschennatur keine Saite zu zerschneiden, sondern nur zu stimmen fand: so musste wohl Cesara am heitern duldenden Lehrer, auf dessen beiden Gesetztafeln nur stand: Freude und Mass!, recht innig hängen, noch inniger als an denTafeln selber.

Die Bilder der Gegenwart und der nahen Zukunft und des Vaters hatten die Brust des Grafen so sehr mit Grösse und Unsterblichkeit gefüllt, dass er gar nicht begriff, wie jemand sich könne begraben lassen, ohne beide errungen zu haben, und dass er den Wirt, sooft er etwas brachte, – zumal da er immer sang und wie Neapolitaner und Russen in Molltönenbedauerte, weil der Mann nie etwas wurde, geschweige unsterblich. Das letztere ist Irrtum; denn hier bekommt er seine Fortdauer, und ich nenne und belebe gern seinen Namen Pippo (der abbrevierte Filippo). Als sie endlich gingen und bezahlten, und Pippo einen Kremnitzer Dukaten küsste mit den Worten: "Gelobt sei die heilige Jungfrau mit dem kind auf dem rechten Arm": so erfreuete sich Albano, dass der Vater dem frommen Töchterlein nachschlage, das den ganzen Abend ein Jesuskind wiegte und fütterte. Freilich merkte Schoppe an: auf dem linken arme trage sie das Kindlein leichter2; aber der Irrtum des guten Jünglings ist ein Verdienst wie die Wahrheit.

Unter dem Glanze des Vollmondes bestiegen sie die Barke