, kam er in sein Haus zurück. Ein scharfer Blitzstrahl schlug weiss über das träumerische Rot: sein Schoppe war nach wenigen Minuten des Zwangschlafs wild aufgefahren und wahnsinnig entsprungen, niemand wusste wohin. Der Arzt kam und sagte entscheidend, entweder hab' er sich ins wasser gestürzt oder jeden andern, er sei wild dahingerannt und habe noch seinen Stockdegen mitgenommen.
Vierunddreissigste Jobelperiode
Schoppes Entdeckungen – Liane – die Kreuzkapelle –
Schoppe und der Ich und der Oheim
137. Zykel
Da Schoppe seinen grossen Degenstock mitgenommen: so vermutete Albano, dass er als Würgengel zum Spanier gegangen. Er eilte in den Gastof des Oheims. Ein Bedienter sagte ihm, ein Rotmantel mit einem dicken Stocke sei dagewesen und habe vor den Herrn gewollt, aber man habe ihn auf des letzteren Befehl ins Schloss geschickt, unterdessen sei der Herr nach dem Prinzengarten abgereiset, um dem starken Bruder entgegenzugehen. Albano fragte: "Wer ist der starke Bruder?" – "Dero Herr Vater", versetzte der Bediente. Albano eilte auf das Schloss. Hier war laufende Verwirrung um das Krankenbette des Fürsten, der es bald mit dem Paradebette zu vertauschen drohte. Eilige Diener begegneten ihm. Einer konnte' ihm sagen, er habe einen Rotmantel ins grosse Spiegelzimmer gehen sehen. Albano trat hinein, es war leer, aber voll seltsamer Spuren. Ein grosser Spiegel lag auf der Erde, eine Tapetentür darhinter stand offen, ein offnes Souvenir, Räder und weibliche Kleidungsstücke waren um einen wächsernen alten Kopf verstreuet. Ihm war, als sehe' er etwas, was er schon gesehen, und konnte sichs doch nicht nennen. Plötzlich erblickte er in einem Eckspiegel tief hinter seinem jungen Gesicht sich noch einmal, aber mit Alter bedeckt und dem wächsernen kopf ähnlich. Er blickte sich um, ein erhobner Spiegel Zylinder schloss ihm gleichsam die Zeit auf, und er sah in ihrer Tiefe sein graues Alter.
Schaudernd verliess er das sonderbare Gemach. Eine Kammerfrau Juliennens stiess ihm auf, sie konnte ihm sagen, dass sie den "Schatten-Schneider" im roten Mantel mit einem Perspektive in der Hand über den Schlosshof habe hinausgehen sehen. Er eilte nach, da kam ihm Augusti unter dem Tore entgegen mit der Bitte des Fürsten, ihn noch einmal zu besuchen; "jetzt unmöglich, ich muss erst den wahnsinnigen Schoppe wieder haben", versetzt' er. In seiner Brust lebte nur der Freund; auch nahm er den Fürsten nur für die Maske seiner sprechsüchtigen Schwester. "Ich sah ihn auf dem Wege nach Blumenbühl", sagte der Lektor. Er flog davon. Am Tore wurde Augustis Nachricht von der Wache bestätigt.
Auf der Blumenbühler Strasse begegnete ihm der Wagen des Hofpredigers Spener, der zum Fürsten fuhr. Albano fragte nach Schoppe. Spener berichtete, er habe mit ihm, da er vor einem einzelnen haus, einer kranken alten Beichttochter wegen, eine Stunde lang gehalten, viel gesprochen, ihn gesund, ungemein vernünftig, nur älter und zurückhaltender als gewöhnlich gefunden. Auf die Frage nach seinem Wege versetzte der Hofprediger: er sei nach der Stadt. Das schien ihm unmöglich, aber Speners Leute bestätigten es vom Grünrock. Albano sprach von einem roten Mantel, alle und Spener blieben bei dem grünen Rock.
Er kehrte wieder um in sein eigenes Haus, wo vielleicht ihn selber, dachte' er, Schoppe suche und erwarte. Der Leibeigne des Doktors, der hagere Malz, sprang ihm mit der Nachricht entgegen, Herr v. Augusti hab' ihn eben gesucht, und der kranke Herr sei zum alten Tor hinaus spazieren gegangen in einem neuen grünen Rock. Es war die Strasse nach dem Prinzengarten, die er nach Albanos Vermutung gewiss genommen, sobald ihm des Spaniers gleiche kund geworden. Draussen wurde sie durch Falterle bestätigt, welcher erzählte, er habe bei dem Austritt ihn eingeholt und sogleich befragt: "Wohin so eilig, Herr Bibliotekar?"; darauf sei er still gestanden, hab' ihn ernstaft angesehen und die Antwort gegeben: "Wer sind Sie? Sie irren sich" und sei fortgegangen. Albano fragte nach der Kleidung; "in grüner", versetzte Falterle. Jetzt war sein Weg entschieden. Der müssige Reiter konnte sogar bekräftigen, dass der Oheim früher denselben genommen.
Spät abends kam Albano im Prinzengarten an. Er sah einige Wagen an dem hof des kleinen Gartenschlosses. Endlich begegneten ihm Leute seines Vaters, die ihm sagen konnten, Schoppe sei ruhig, froh und lange in dem Garten mit einem Herrn von Hafenreffer aus Haarhaar umhergegangen und mit ihm nach der Stadt gefahren. "An einem Menschen hat er doch wieder einen Schutzgeist und Wärter", dachte Albano, und der kalte Regen, der ihn bisher quälte, war weggezogen, obgleich der Himmel noch trübe blieb. Er wich mit seinem angegriffnen Herzen, das in dieser Landschaft nur von einem dunkeln Horizont umgeben war, jeder Gesellschaft und dem Lustschloss aus. Fern vorübergehend, wagt' er es, einen traurigen blick auf die Schlummerinsel zu werfen, wo Roquairols Grabhügel, wie ein ausgebrannter Vulkan, neben der weissen Sphinx zu sehen war. "Still liegt endlich das unbändige Schwungrad um, aus dem Strom der Zeit gehoben, nur mit dem grab schloss sich der Janustempel deines Lebens zu, du gequälter und quälender Geist", dachte Albano voll Mitleiden, denn er hatte den Toten sonst so sehr geliebt. Droben auf dem Gartenberg mit einem Lindenbaum ruhte seine sanfte Schwester, der freundliche, liebliche Friedensengel mitten im Kriegsgetümmel des Lebens,