er, sich einem alten bekannten Praktiker und Kreisphysikus anvertrauet, der Zeit. Er verstattete Sphexen gern, ein Rezept aufzusetzen, es zu bringen, sah es willig durch, disputierte über den Inhalt, merkte an, es sei leichter, ein Gesundheitsrat zu sein als einen Gesundheitsrat zu! geben, und er sehe wohl, dass er seinen Zustand treffe, weil er ihn schwächend behandle, was bei Wahnsinnigen das erste sei;! aber er setzte dazu, er begehre eben keine Vernunft, sondern nur ein Paar tapfere Schenkel zum Gehen und Stehen und ein Paar gefüllte arme zum Zuschlagen, und übrigens sei er ihm gram, weil er Hunde zerschneide. Auch Albano nahm zuletzt an, habe Schoppe nur Muskelkräfte zu einer geselligen Reise mit ihm wiedergewonnen, so fliehe der Wahnsinns-Traum, worein ihn die ungesellige gewiegt, leicht von selber hinweg.
Immer fuhr er den Arzt am meisten an. Einst sagte dieser: "Folgen Sie, wenn nicht mir, doch Ihrem zweiten Ich" und zeigte auf Albano. "Zum Teufel," (versetzt' er) "mein zweites Ich, das möget ihr selber sein – ich scheue mich genug davor – aber der da ist gewiss, das verhoff' ich, kaum mein sechstes, zwanzigstes oder dergleichen Ich."
Indes blieb Sphex bei der Meinung, seine stenische Schlaflosigkeit, die wechselnd die Tochter und die Mutter seiner Fieberbilder, zumal des Kahlkopfs sei, versperre die Kur und müsse schwächend bezwungen werden. Als einstmals Dian, der seinen Freund Albano oft besuchte, dies vernahm, fragte er, warum man ihn nicht geradezu mit der Nachricht, der Spanier sei aus Furcht vor ihm abgereiset, etwa nach Frankreich, täuschen und heilen wolle. Albano versetzte: "Wahrlich ich wollt' es gern sagen, aber ich kanns nicht, ich könnte ebensogut Gott oder mir eine Lüge sagen wollen." – "Einbildungen!" (sagte Dian) "ich sag's ihm selber." – "Wessen ich mir auch gleich vom Spaniard versehen habe", versetzte Schoppe auf die offizinelle Rezept-Lüge. Als Dian fortgegangen war, fragt' er Albano: "Sitz' ich jetzt nicht viel kühler und eisiger da? Und zwar seit der Kahlkopf in Frankreich ist, bin ich fast so ein neuer Mensch. Freilich lüg' ich, aber Dian log früher."
Endlich entschloss sich der Arzt, ihm geradezu einen Schlaftrunk in sein Getränk zu mischen. Albano erlaubt' es. Schoppe bekam ihn; glühte und phantasierte einige Minuten lang, endlich stieg der Nebel des Schlafs und überdeckte bald den Kranken.
Albano besuchte da nach langer Zeit das Grün der Erde und das Blau des himmels wieder und seinen Dian in Lilar. Wie viel war seitdem verändert, durcheinander, übereinander gestürzt! Wie viele Blätter waren wieder Knospen geworden! Und mancher Schaum des Lebens, der weiss und zart und leicht ihn sonst erfreuet hatte, erkältete jetzt als graues, schweres wasser seine Brust, und er hatte ausser seinen Lebensmut fast wenig behalten. Bei Dian hört' er von neuen Veränderungen, von des Fürsten nahem Sterben, von Idoinens nahem Kommen zur Schwester vor der Trauer. Wie wunderbar-verstört schlug seine Seele aus ihrem Winter-Schlafe in den warmen Sonnenschein, den dieses Ebenbild Lianens um sein Leben legte, die Augen auf! – In mancher stillen Nacht neben Schoppens Geister-Lager war ihm schon, seitdem Julienne ihn zum erstenmal die Erscheinung dieses Friedensengels ohne den Schleier sehen lassen, die vorige Zeit und Liebe wie ein Himmel ferner Sterne wieder aufgegangen, und in dem Helldunkel der von Schlaf entkleideten Träume sah er auf dem Meere der Zeit eine ferne, ferne Insel – hinter sich oder vor sich, wusst' er nicht –, wo eine weisse abgewandte Gestalt Lianen gleich oder ähnlich schwebte und als Nachhall sang – Jetzt dicht nach dem Sterbemonat des Bruders folgte der Sterbemonat der Schwester Liane. Wär' es möglich, dass die Überirdische aus dem stillen Spiegel der zweiten Welt und aus dessen unabsehlichen Fernen herausträte wieder in den irdischen Luftzug und nach der Verklärung wieder verkörpert hier ginge?
Aber die Freundschaft foderte Raum für ihre Schmerzen, und diese Wolken-Bilder wurden bald von ihr bedeckt oder umgestürzt. Er war nicht imstande, so sehr er es auch wünschte, von Schoppe eine Beschreibung jener Heilungs-Nacht zu fodern, ja nur zu leiden, worin Idoine Liane gewesen; und doch war diese Gestalt der einzige lebendig-spielende Juwel im Totenring an dem Skelett der harten Zeit, das vor ihm stand. Welche Tage! Was ihm die Gräber nicht wegschlangen, hatte die Erde dahin- genommen, und Gaspard, sonst sein hoher Vater auf einem reinen! Tron des himmels, war nun seiner Phantasie mit fürchterlichen Höllen-Kräften und Waffen nach unten erschienen, auf einem Trone des Abgrunds sitzend.
Desto milder umfloss ihn nun, als er in Dians haus war, die stillere Gegenwart, der Gedanke des ruhenden Freundes, der Anblick des nahen Traum-Tempels, wo Liane einmal Idoine gewesen, und die Verkündigung, dass das Ebenbild der Geliebten nahe. Er malte sich den süssen und bittern Schrecken ihrer Erscheinung vor ihm; denn wie in dem Strome die hinübergebogne Blume nicht nur ihr Bild, auch ihren Schatten entwirft, so ist sie Lianens schönes Bild und Schatten zugleich – und in der Lebendigen würde ihm eine Verlorne und eine Verklärte zugleich erscheinen.
Unter diesem träumerischen Helldunkel und Abendrot, aus Vergangenheit und Zukunft zusammengeflossen