Oheim. Aber als er an des letzteren erleuchteten Zimmern vorüberging, erfasste ihn ein plötzlicher Zorn, und er musste hinauf. Der lange, hagere Oheim ging dem aufgebrachten Jüngling mit der Dohle auf der Hand langsam entgegen. Albano warf ihm ohne Umstände seine Doppel-Rolle, sein himmelschreiendes Zerstören Schoppens und die Blendwerke gegen ihn selber mit Flammenaugen vor und forderte Antwort und Rache. "Ja, ja," (sagte der Spanier, seine Diablesse streichelnd) "ich habe die Pistolen – ich habe keine Zeit, keine Zeit zum Reden." – "Sie müssen sie haben", sagte Albano. "Ich habe keine deo patre et filio et spiritu sancto testibus; es ist bald zwischen 11 und 12, und der Finstere steht hier." – "Himmel! wozu diese einfältige tragische Szenerie? O Gott, ist es denn nicht möglich, dass Ihr einmal Mensch seid," (sagte Albano, mit Grausen in seine Gesichtshaut blickend, die durchaus nicht freudig und nicht liebend aussehen konnte) "dass Ihr erschrecken, erröten, bereuen, Euch erfreuen könnt? – Was wussten Sie von meinem Schoppe, da Sie sich einst im Keller bei Ratto als Kahlkopf anstellten, als wüssten Sie eine fürchterliche Tat von ihm?" –
"Niemand braucht etwas zu wissen," (versetzt' er) "man sagt zum Menschen: ich kenne deine verruchte Tat, der Mensch denkt zurück, er findet so eine." – "Aber was hatte' er Ihnen getan?" fragte Albano erschüttert. Er versetzte trocken: "Er hat zu mir gesagt: du Hund! – Es schlägt 11 Uhr, ich sage nichts mehr, als was ich will."
Hier brachte der Spanier zwei Pistolen und einen Sack, wies ihm, dass sie nicht geladen wären, bat, eine zu laden (er gab ihm Pulver und Blei), aber die andere nicht. "In den Sack, jede in den Sack," (sagt' er) "wir losen!" Je kühner, je besser, dachte Albano. Der Spanier rüttelte beide um und ersuchte Albano, mit dem fuss auf eine zu treten zum Wahlzeichen. Es geschah. "Wir schiessen zugleich," (sagte der Oheim) "sobald es die zwei Viertel ausschlägt." – "Nein," (sagte Albano) "schiesset bei dem ersten Schlag, ich bei dem zweiten." – "Warum nicht?" versetzte jener.
Sie stellten sich in den entgegengesetzten ZimmerWinkeln einander gegenüber – mit den Pistolen in den Händen den Schlag halb zwölf Uhr erwartend. Der Spanier machte im stummen Horchen die Augen zu. Als Albano in dieses geschlossene Büsten Gesicht sah, kam ihm vor, als könne an einem solchen Wesen gar keine Sünde begangen werden, geschweige ein Totschlag. Plötzlich murmelten im leisen Zimmer fünf Stimmen durcheinander, als kämen sie von den alten Philosophen-Büsten an den Wänden; der Vater des Todes, der Kahlkopf, die Dohle schienen zu reden und eine unbekannte stimme, als sei es der sogenannte Finstere. Sie sagten untereinander: "Finsterer, nicht wahr, ich habe keine Wahrheit gesagt? – Ich bringe fünf Tränen, aber kalte – Ich trage die Räder des Leichenwagens auf dem Kopf – Ich führe das Pantertier am Strick – Ich schneid' es los – Ich zeige mit dem weissen Finger auf Ihn – Ich bringe den Nebel – Ich bringe den kältesten Frost – Ich bringe das Schreckliche."
Hier tat es den ersten Glockenschlag, und der Spanier schoss ab – bei dem zweiten feuerte Albano – beide standen unverwundet da; Pulverdampf zog umher, aber eine Zersplitterung erschien nirgends, als sei die Kugel nur eine mit Quecksilber gefüllte gläserne gewesen. Mit grimmiger Verachtung sah ihn Albano wegen der vorigen Stimmen an; "ich musste", sagte der Oheim.
Plötzlich brach der Lektor atemlos herein, den Julienne abgeschickt, um einen wahrscheinlichen Zweikampf zu hindern. "Graf!" (stammelte er) "ist etwas geschehen?" – "Es muss" (versetzte der Oheim) "in der Nähe etwas geben, der Dampf zog herein; wir wollten uns eben zur guten Nacht umarmen." Er klingelte und befahl dem Bedienten, den Wirt zu befragen, wer so spät noch abfeuere. Albano staunte und konnte scheidend nur sagen: "Es sei! Aber fürchtet den Wahnsinnigen, den ich loskette!" – "Ach tuts nicht!" sagte der Spanier und schien zu fürchten.
Augusti begleitete ihn auf die Gasse und liess ihn nur nach dem Ehrenworte los, nicht wieder hinaufzugehen. Albano aber flog noch in der späten Nacht dem haus des Jammers und dem gekränkten Herzen zu.
135. Zykel
Kaum hatte Albano dem Irrhaus-Inspektor, einem jungen glatten roten Männchen, seinen Namen, den dieser schon kannte, und sein Gesuch um Schoppes Freiheit samt seiner Bürgschaft für ihn bekannt gemacht: so lächelte der Inspektor ungemein vergnügt ihn an und sagte: "Still beobacht' ich seit Jahren das ganze Haus – die kleinsten Züge hasch' ich für ein künftiges philosophisches Publikum; und so legt' ichs sehr ernstaft auch auf Herrn Schoppen an. Aber nie, mein Herr Graf, nie ertappt' ich ihn über einem zug, der Tollheit versprochen hätte; alle meine englischen und deutschen Werke darüber lieset er vielmehr und bespricht sich mit mir über die Heilanstalten in Irrenanstalten. Ein Fichtianer kann er sein (aus seinem Ich schliess'