"jetzt verstehen wir uns nicht mehr so recht, wenigstens nicht bis zum höchsten Punkte, so wie wir früher über Ihre belle-soeur differierten und Sie an ihr die Koketterie, ich aber gerade die Prüderie gross und unsittlich fand." – "Das ist wohl wahr," (sagte Julienne kalt) "Sie sind so wahrhaftig poetisch, ich bin so prosaisch und altfromm. Ein Ungeheuer darum zu lieben, weil es mich so grausam betrügt wie seine Regimentskasse, oder weil es sich genialisch so viele Freiheit lässt als seinem Regimente, oder weil es nach seinem tod noch Rollen für die übrigen Schauspieler nachlässet oder Briefe an mich Betrogene" – – "Tat er das?" fragte Albano. – "Sie pries es sogar als genialisch an ihm" (versetzte Julienne) – "Einen solchen zu lieben, sagt' ich, oder solche Leute, die ihn lieben, dazu find' ich in mir kein Herz. Leben Sie denn so wohl, als es gehen mag." Linda antwortete: "Ich hasse alle Wünsche"; gab ihr die Hand, drückte sie nicht, schwieg still und sah in ihre Nacht. Sie wusste wenig vom leichten und schlaffen Abschied der verlornen Freundin.
Noch in derselben Nacht reisete Linda, nachdem sie ganz allein lange mit dem Ritter gesprochen, in einem Wagen ohne fackeln, in ihre Schleier gehüllt, ganz einsam ab, und niemand wusste, ob sie geweinet oder nicht.
Als Albano seine Schwester ausgehört hatte, sagte er mit sanfter, bewegter stimme: "Schliesse Frieden mit der Vergangenheit, sie kann der Mensch nicht stürmen. Der grossen Unglücklichen lasse die Nacht, in die sie selber hineingezogen ist. – Weswegen wolltest du mich aber so eifrig zu dir haben? Besonders weisst du etwas von meinem Schoppe, so fleh' ich darum." – "Ich antworte dir," (sagte sie weinend und verwundert) "aber Bruder, beteuere, dass deine Stille nicht wieder der Vorhang eines neuen Unglücks ist – Ich kenn' euch Männer darin, man sollt' euch alle hassen, und ich tu' es auch." – "Ich habe nichts Trübes vor, vor Gott bezeug' ichs. Ihr Weiber, die ihr euere Hölle erst ausgiessen wollt mit Tränen und ausblasen mit Seufzern, begreift nicht, dass oft eine einzige Stunde Denken dem mann einen Stab oder Flügel geben kann, der ihn auf einmal aus der Hölle hebt, und dann mag sie fortbrennen." – "So zeige mir" (sagte sie weinerlich-komisch) "deinen Flügel." – "Dass ich" (versetzt' er) "nicht auf Menschen baue, sondern auf den Gott in mir und über mir. Der fremde Efeu geht um uns herum, an uns herauf, steht als ein zweiter Gipfel neben unserem, und der ist dadurch verdorrt. Die Geister sollen nebeneinander, nicht aufeinander wachsen. Wir sollten lieben wie Gott, als Unvergängliche die Vergänglichen." –
"Recht gut," (sagte sie) "wenn es dir nur Ruhe schafft. Was deinen armen Schoppe betrifft, so ist er zur Strafe ins Tollhaus gesteckt, aber hör erst ordentlich. Er kramte ein Märchen von einer zweiten Schwester von dir bei deinem ohnehin durch so vieles gereizten Vater aus. Man konnte' ihm diese neue Verstandes-Verwirrung hingehen lassen; aber dein Oheim wurde gerufen, der ihm ins Gesicht sagte, er habe den Kahlkopf ermordet; und ihm wurde stolz die Wahl zwischen Gefängnis und Irrhaus gelassen; so begab er sich in dieses. bleibe, bleibe! Das Wichtigste kommt.
Wie ich auch von ihm denke, ich sehe, er ist dein redlicher Freund; und frei heraus zu reden, sogar Linda legte noch vor der Abreise eine Vorbitte im letzten Blatte an mich für ihn ein. Nicht bloss die närrische Reise nach Spanien macht' er für dich, auch deine Kur; vielleicht bist du ihm das Leben schuldig. Mich wundert, dass ich oder irgend jemand es dir noch nicht gesagt."
Sie fing nun an mit Idoinens mildtätigem festen Charakter, mit ihrem Arkadien und mit dem letzten Tage, da sie bei ihr gelebt und ihr in die helle Seele geblickt. Sie kam dann an sein Fieber- und Trauerbette neben Lianens Bahre und auf des alten Schoppe Reden und Laufen und auf seinen schönen Sieg, da er die verklärte Liane endlich in Idoinens Gestalt vor sein Auge gebracht, damit sie das Heil-Wort sage: habe Frieden!
Jetzt war er in Sturm und Julienne in Frieden: "Darum" (fuhr sie fort) "halt' ichs für Pflicht, mich deines Freundes ein wenig anzunehmen. Der arme Teufel ist unschuldig – durch Gewissensbisse und selber durch seinen jetzigen Ort kann er das, was er von Verstand noch hat, vollends verlieren – ganz unschuldig, sag' ich; denn dein Oheim, den ich längst hasse und der nur erst vor kurzem, aber vergeblich versuchte, meinem kranken Bruder geistermässig und mordmässig zu erscheinen – er hätt' es auch bei Lianen wohl getan, wenn sie es erlebt hätte –, dieser Mensch ist – warum darf ichs nicht ruchbar machen, da sich alles geändert und umgeworfen – eine und eben dieselbe person mit dem Kahlkopf und ein Bauchredner – Bruder!?"
Aber Albano war ihr schon entflogen.
134. Zykel
Albano wollte seinen Freund früher befreien als rächen; daher wollte er erst zu Schoppe eilen und dann zum