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Schelling so oft aus Spass gelesen wie ich, der macht endlich Ernst genug daraus. Das Ich setzt Sich und den Ich samt jenem Rest, den mehrere die Welt nennen. Wenn Philosophen etwas, z.B. eine idee oder sich aus sich ableiten, so leiten sie, ist sonst was an ihnen, das restierende Universum auch so ab, sie sind ganz jener betrunkne Kerl, der sein wasser in einen Springbrunnen hineinliess und die ganze Nacht davor stehen blieb, weil er kein Aufhören hörte und mitin alles, was er fort vernahm, auf seine Rechnung schriebDas Ich denkt Sich, es ist also Ob-Subjekt und zugleich der Lagerplatz von beiden

Sapperment, es gibt ein empirisches und ein reines Ichdie letzte Phrasis, die der wahnsinnige Swift nach Sheridan und Oxford kurz vor seinem tod sagte, hiess: ich bin ichPhilosophisch genug!" –

"Und was schliessest du Furchtbares aus allem?" sagte Albano mit innigster Trauer. "Alles kann ich leiden," (sagte Schoppe) "nur nicht den Mich, den reinen, intellektuellen Mich, den Gott der GötterWie oft hab' ich nicht schon meinen Namen verändert wie mein Namens- und Taten-Vetter Scioppins oder Schoppe und wurde jährlich ein anderer, aber noch setzt mir der reine Ich merkbar nach. Man sieht das am besten auf Reisen, wenn man seine Beine anschauet und sie schreiten sieht und hört und dann fragt: wer marschiert doch da unten so mit? – Ewig redet er ja mit mir; sollt' er einmal leibhaftig vor mir auffahren: dann wär' ich nicht der letzte, der schwach würde und totenblass. Freilich braucht kein Hund Zahnpulver. Aber Kinder sollte man schminken, es stände und ginge. Ich für meinen teil beobachte das Zeitalter so so und lächle' weil ich nichts sage; man bricht Menschen wie Servietten auf Tellern in schönste, vielste Formen, zu Schlafmützen, zu Pyramiden, zu Kreuzschnäbeln, Sapperment, Albano, zu was denn nicht? Aber die Folge, Bruder? – O Himmel, die Folge? Ich sage nichts, verflucht, ich bin mausstill wie wenigeaber zeiten können kommen, wo etwa ein Herr anmerkt, Menschen und Musiknoten, Musiknoten und Menschen, kurz und gut und schlecht, bald ist bei beiden der Kopf oben, bald der Schwanz, wenn es nämlich schnell gehen soll. Das sind Gleichnisse, ich weiss wohl, Bester, aber die Bäcker kündigen das weiche Gebäck durch steinernes oder tönernes im Laden an, Menschen indes ihre härtesten Sachen, worunter das Herz gehört, durch ihre weichsten, wozu Worte gehören."

Stumm auf diese Ströme führte Albano ihn an der Hand nach Lilar vor Lindas wohnung. Alles war an dieser ohne Licht und schwarz. "Sprich droben sanft dein Wort, mein Schoppe, und morgen ziehen wir weiter!" sagte sehr leise unten Albano scheidend und liess ihn ins finstere Trauerschloss allein hinaufgehen. – "Welch eine Gegenwart!" sagte Albano auf dem Rückweg durch den Garten.

133. Zykel

Lange erwartete Albano seinen Freund am andern Tag, niemand erschien, kein Mensch wusste von ihm. Am zweiten Morgen lief das Gerücht, die Gräfin sei in der Nacht und Gaspard am Morgen abgereiset. "Hat Schoppe beide durch Wahrheit fortgetrieben?" fragt' er sich verlassen und allein. Vergeblich spürte er Schoppe mehrere Tage nach; nicht einmal gesehen war er worden. "Auch du, lieber Schoppe!" sagt' er und schauderte über die Grausamkeit des Schicksals gegen sich. Als er so über sich und die stille dunkle Wüste seines Lebens hinsah: so war ihm auf einmal, als würde sein Leben plötzlich erleuchtet und ein Sonnenblick fiele auf den ganzen Wasserspiegel der verflossenen dunkeln Zeit; es sprach in ihm: "Was ist denn da gewesen? MenschenTräumeblaue Tageschwarze Nächteohne mich her geflogen, ohne mich fortgeflogen, wie fliegender Sommer, den die Menschenhand weder spinnen noch befestigen kann. Was ist dageblieben? Ein weites Weh über das ganze Herzaber das Herz auchEs ist freilich leer, aber festunzerrüttetheissDie Geliebten sind verloren, nicht die Liebe, die Blüten sind her unter, nicht die ZweigeIch will ja noch, wünsche noch, die Vergangenheit hat mir die Zukunft nicht gestohlenNoch hab' ich die arme zum Umfassen, und die Hand, um sie ans Schwert zu legen, und das Auge zum Schauen der Welt – – Aber was untergegangen ist, wird wieder kommen und wieder fliehen, und nur das wird dir treu bleiben, was verlassen wird, – du allein. –

Freiheit ist die frohe Ewigkeit, Unglück für den Sklaven ist Feuersbrunst im Kerker – – Nein, ich will sein, nicht halben. Wie, kann der heilige Sturm der Töne nur ein Stäubchen rücken, indes die roh' bewegte Luft Aschenberge versetzt? Nur wo gleiche Töne und saiten und Herzen wohnen, da bewegen sie sanft und ungesehen. So klinge nur fort, frommes Saitenspiel des Herzens, aber wolle nichts ändern an der rohen, schweren Welt, die nur den Winden gehört und gehorcht, nicht den Tönen."

Hier fand ihn der Lektor Augusti, der mündlich von der Prinzessin Julienne inständige Bitten brachte, mit ihm in Gaspards Zimmer zu gehen, wo sie ihm die wichtigsten Worte über Schoppen zu sagen habe. Er ging leicht mit; über