, ich sehe dich nie mehr. Ich will Lebewohl zu dir sagen. Sage du keines zu mir!" sagt' er. Sie schwieg, und er ging. Justa kam, und er hörte sie noch in der Laube beten: "Lass, o Gott, mir diese Finsternis morgen, verschone mit deinem Tageslicht die schwarze Witwe!" Das Mädchen weckte sie auf, nahm sie an der Hand, und sie freuete sich am Arm derselben ihrer Nachtblindheit.
Albano ging in die Nacht. Auf einmal stand er wie hinaufgetragen auf einer jähen Felsenspitze, unten schlug ein schäumender Strom. Er kehrte sich um und sagte: "Du irrest dich, böser Genius; micht ekelt des Selbstmords, er ist zu leicht und gehört für AffenMörder – aber es gibt etwas Besseres, und du sollst mich begleiten."
Er verirrte sich – konnte den Weg zur Stadt nicht finden – glaubte wieder in Lilar zu sein und trieb sich bange umher ohne Ausweg, bis er zuletzt ermüdet niedergezogen in den Arm des Schlummers sank. Als er erwachte am Morgen: war er im Prinzengarten, und die Schlummerinsel wehte mit ihren Gipfeln vor ihm. Eine jähe Felsenspitze über einem reissenden Strom gab es in der ganzen Landschaft nicht.
Er sah den Himmel an und den Tag und sein Herz. "Ja, so ist denn das Leben und die Liebe!" (sagt' er) "Ein gutes, rechtes Feuerwerk, besonders wenn man eine Linda durch viele Zurüstungen haben soll! Lange steht es da mit einem bunten hohen Schaugerüst, voll Statuen, mit kleinern Gebäuden, Säulen und wunderlich und verspricht noch mehr, als es schon verkleidet und verrät – Dann kommt die Nacht in Ischia, ein Funke springt, die Formen reissen, es schweben weisse, helle Paläste und Pyramiden und eine hängende Sonnenstadt am Himmel – in der Nachtluft entfaltet sich gewaltig eine rege fliegende Welt zwischen den Sternen und füllt das Auge und das arme Herz, und der glückliche Geist, selber ein Feuer zwischen Himmel und Erde, schwebt mit – – einen ganzen Augenblick lang, dann wirds wieder Nacht und Wüste, und am Morgen steht das Gerüst da, dumm und schwarz." –
132. Zykel
"Krieg" – dies Wort allein gab Albano Frieden; Wissenschaft und Dichtkunst steckten ihm ihre Blumen nur in seine tiefen Wunden. Er rüstete sich zur Reise nach Frankreich. Nur etwas verschob noch den Aufbruch, Schoppens Ausbleiben, den er mit seinen Rätseln erwarten musste und womöglich mit entführen wollte. Er hielt sich den ganzen Tag in Wäldern auf, um seinen Vater und Juliennen und jedem zu entgehen. Lindas unglückliche Nacht wurde tief in seine Brust hinabgesenkt, und nur er allein sah hinunter, kein Fremder. Er wünschte, dass sie selber gegen Julienne schweige, weil diese nach ihren frommen weiblichen Ordensregeln hiegegen keine Nachsicht kannte. In seiner Seele hatte jetzt die erste eifersüchtige Aufbrausung einem schmerzlichen Mitleiden mit der betrognen Linda, deren heiliger Tempel ausgeraubt dastand, Platz gemacht. Was ihn unleidlich schmerzte, war das Gefühl der Demütigung, mit welchem die schöne Stolze nun, wie er glaubte, an ihn denken musste, und das er bei seiner jetzigen bittern Verachtung Roquairols desto stärker annahm. "Nie, nie, wenn sie auch meine Schwester würde, dürfen wir uns mehr erblicken; ich kann sie wohl blutend vor mir sehen, aber nicht gebeugt", sagt' er sich. Zuweilen überfiel ihn ein kalter Grimm gegen das Verhängnis, das immer mit einem schnellen Wirbelwind zwischen seine Umarmungen fuhr und alles auseinanderdrängte bald ein Zorn gegen Linda, die nicht wie eine Liane gehandelt hatte und die den Irrtum der Verwechslung durch ihren Grundsatz, der Liebe alles zu vergeben, selber mit; verschuldete – bald inniges Mitleiden, da sie ohne alle geistige Ähnlichkeiten nicht hätte verwechseln können, wie ihm das heimliche Gericht des Gewissens sagte, und da sie nun allein dafür büsste, dass sie ihm, ihm sich opfern wollte.
Unaussprechlich hasste er den toten Verführer, weil durch seine Tat sein Tod nur zu einer feigen Flucht geworden war. Den armen Deserteur, dessen Entwischen unter dem Trauerspiel laut geworden, sah er gefangen vor sich vorüberführen; aber der Hauptmann desselben war auf immer der Rache entronnen. Nach einigen Tagen wurden ihm Papiere von dem Toten zugestellt; aber er sah sie voll Abscheu nicht an. Sie entielten Rechtfertigungen und zugleich Nach-Sünden. Roquairol hatte nach der Freuden-Nacht den ganzen Morgen im Prinzengarten schreibend verlebt, um die Erinnerung zu kolorieren, die allein ihn, schrieb er, belohnet und beredet habe, dass er nicht schon in der Nacht den fünften Lebens-Akt ausgespielt.
Der Lektor gab in Albanos Abwesenheit kleine Briefe von Juliennen ab, worin sie ihn um seine Erscheinung bat und ihm Ort und Zeit im Schloss bestimmte, wohin sie aus Lilar gezogen war. Er kam nicht. Sein Vater schien sich nichts um ihn zu bekümmern. Zuweilen kam ihm vor, als wenn ferne SpürMenschen ihn in weiten Kreisen umschlichen.
Einst stand er abends noch unten an einem Waldhügel, als er oben einen herausschreitenden Wolf erblickte – der Wolf sah ihn, sprang zu ihm herunter und wurde Schoppes Wolfhund – bald trat oben sein Freund selber mit einem alten mann aus den Bäumen heraus erblickte ihn, gab dem mann schnell Geld und ging langsamer zu ihm herunter als er zu ihm hinauf. "Ei, einen guten Abend, Albano", sagte Schoppe mit der alten Kälte, womit er sprach,