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oder auch nichts, und den weiten Äter der Welt füllt die ewige schwere WolkeSo steh' ich denn am toten Meer der Ewigkeit, so schwarz, still, weit, tief liegts unter mir, ein Schritt, und ich bin drinnen und sinke ewigMeinetwegen! Ich schwamm ja vor der Geburt auch drinnen. –

Nu nu" (sagt' er, indem es tröpfelte, und er nahm das letzte Glas) – "der Regen will den armen Erkaltenden erkältenSpielt jetzt etwas Sanftes, Schönes, ihr guten Leute!"

Darauf spannte er den Hahn des Gewehrs, stand auf, sagte weinend: "Lebe wohl, schönes und hartes Leben! – Ihr paar schönen Gestirne, die ihr oben noch niederblickt, mög' ich euch näher kommenDu heilige Erde, du wirst noch oft beben, aber der nicht mehr mit, der in dir schläftUnd ihr guten fernen Menschen, die ihr mich liebtet, und ihr nahen, die ich so liebte, es geh' euch besser als mir, und verdammt mich nicht zu hart, ich strafe mich ja selber, und Gott richtet mich sogleichLebe wohl, mein lieber beleidigter, aber sehr harter Albano, und du, du bis in den Tod heiss geliebte Linda, verzeihet mir und beweinet mich!"

"Liane, lebst du noch, so stehe deinem Bruder in der letzten Stunde bei und bitte bei Gott für mich." Hier drückte er schnell das Gewehr an der Stirne ab und stürzte hin, einiges Blut floss aus dem zerspalteten kopf, und er atmete noch einmal und dann nicht mehr.

Bouverot flog nach seiner Rolle heraus und fing sie an: "Eben, mein lieber Hiort, besinnt sich mein Carlos"; aber er fuhr zurück vor der Leiche, stammelte: "Mais! – Mon dieu! il s'est tué re vera diable, il est mortOh qui me payera?"208Linda sank ohnmächtig an Juliennens Busen, und diese stammelte: "O der Sünder und Selbstmörder!" – Die Fürstin rief erzürnt: "Oh le traitre!"

Albano schrie: "Ach Karl! Karl!" und stürzte in den See und schwamm hinüberwarf sich über die zertrümmerte Gestalt und jammerte weinend: "O hätt' ich das gewusst! – Bruder und Schwester totund ich bin schuld – o! wäre ich unglücklich gebliebenach mein Karl, Karl, vergibich war nicht dein Feindwie er jammervoll zerworfen daliegt, der grosse Tempel!" "Sei doch ruhiger," (sagte Gaspardder endlich im Kahne herübergekommen war und der mit einer anatomischen Kälte und Neugier jede Verstümmelung ertrug – ) "er hatte auch seine Regimentsschulden und fürchtete die Untersuchung bei einer neuen RegierungJetzt kann man doch Respekt vor ihm haben, er hat seinen Charakter wirklich durchgeführt."

Albano richtete sich auf und sagte in der Taubheit der Qual: "Wer sprach das? Ihr, jammervoller Bouverot, Ihr kennt nur Schulden!" – "Monsieur le Comte!" sagte dieser trotzig. "Ich sagt' es", sagte Gaspard zum Sohn. -"O mein Dian," (rief Albano und streckte die Hand nach diesem aus, der seine weinende Chariton selber weinend hielt) "komme du her, lass uns ihn verbinden, es kann ja helfen."

Zur bestürzten Fürstin, welche an ihrem Ufer blieb, trat der Kunstrat Fraischdörfer mit den Worten, die ableiten sollten: "Von der blossen Seite der Kunst genommen, wäre die Frage, ob man diese Situation nicht mit Effekt entlehnte. Man müsste wie im genialischen Hamlet ein Schauspiel ins Schauspiel flechten und in jenem den scheinbaren Tod zum wahren machen; freilich wär' es dann nur Schein des Scheins, spielende Realität in reellem Spiel und tausendfacher, wunderbarer Reflex! – Aber wie es jetzt regnet!" – Der Fürstin wurde von ihrer Haltermann etwas ins Ohr gesagtsie fuhr auf, mit Armen und Tönen: "Oh monstre! homicide! – Mein armer, unschuldiger Gibbon! – Du Untier!" – Den Affen-Mord hatte sie gehört und schied untröstlich.

Auf einmal trat ins tiefe Blau der entblösste Mond, und jeder merkte ihn, aber das Regnen vorher hatte niemand ausser Fraischdörfer wahrgenommen. Albano sah nun die toten Augen und weissen, starren Lippen recht deutlich: "Nein, sie regen sich nicht", sagt' er. Da klang es wie aus Roquairols Brust und eisernem Mund: "Seid still, ich werde gerichtet!" Und sogleich fing die Dohle als Schluss-Chor des letzten Aktes an: "Der arme ruht nun fest, und ihr könnt ihn zudekken!"

Gaspard sah seinen Bruder sehr ernst an. "Bei Gott!" (erwiderte dieser) "so steht in seinem Stück."

Der ganze Sternenhimmel klärte sich auf. Die Gesellschaft fuhr nach haus. Albano und Dian mit Chariton blieben bei der Leiche.

Dreiunddreissigste Jobelperiode

Albano und LindaSchoppe und das Porträtdas

Wachskabinettdas Duelldas Tollhaus

Leibgeber

131. Zykel

Albano wollte am Tage darauf sich einkerkern, bitter weinen und büssen und sich nicht erquicken durch den Sonnenschein der Liebe; aber er fand abends folgendes von unbekannter Hand geschriebene Blatt auf seinem Tisch: "Herr Graf! Man benachrichtigt Sie hiemit, dass Freitags nachts, da Sie verreiset waren,