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Was soll ich denn tun?" versetzt Carlos. "Du sollst" (sagte sie feierlich) "nach einem Jahr in einen Garten auf einer Höhe gehen und dich um sehen und mich suchen im Gartenim Gartenunter den Beetentief unter einemich weiss nicht wie tief" – Sie eilte wie wahnsinnig davon und sang: "vorüber, vorüber, das Lieben und Leben!"

Carlos stand einige Minuten mit dem wilden blick am Boden und sagte dumpf: "Du tusts, Gott!" und ging abbegegnete seinem Freund, der ungestüm und froh ausrief: "Sie ist da!" – eilte aber stolz weiter und rief nur zurück: "Jetzt nicht, Hiort!" Zu diesem kam weinend Lilia und führte ihn fort: "Komm," (sagte sie) "sieh das Grabmal nicht an, wir sind beide zu unglücklich."

Da trat der alte Salera auf mit Atenaisvergriffsich zwischen Eis und Brand und nahm seine kalte Münze für warme lobte männlich sie, und väterlich den Sohnund sagte wie in einem Schauspiel: da kommt er selber. "Hier stell' ich dir, Sohn," (sagt' er) "dein Glück vor, wenn du es verdienen kannst." Carlos hatte Lilias Herz verlorender Wunsch des Vaters, die Macht der Schönheit, die Allmacht der liebenden Schönheit standen vor ihm, seine sehnsucht und der Gedanke der Grausamkeit gegen diese Göttin und endlich eine Welt in ihm, die so nahe an ihrer Sonne stand, siegten über eine doppelte Treueer sank aufs Knie vor ihr und sagte: "Ich bin schuldlos, wenn ich glücklich bin." – Das Paar geht auf der einen Seite ab; Salera auf der andern und trifft auf Lilia, deren Hand er mit den Worten nimmt: "Sie als eine Freundin meines Hauses und Sohnes nehmen gewiss den innigsten Anteil an dem neuesten Glück desselben durch Atenais." – So schloss sich der dritte Akt, der Albano durch ungerechte, alles verdrehende Anspielungen mit dem erbitterten Wunsche des Endes entflammte und füllte, bloss um Roquairol über dieses meuchelmörderische Zücken des tragischen Dolchs zur Rede zu stellen. "Der Patron" (sagte lachend Gaspard) "glaubt mich auch hereinzumalen; ich wünsche aber, dass er derbere Farben nehme."

Ehe der vierte Akt sich anfing, hob der Spanier die Linke empor, und die schwarze Dohle sprach sogleich: "Die Sünde straft die Sünde und den Feind der Feind; zaumlos ist die Liebe, zaumlos auch die RacheSeht, nun kommt der Mensch, den sie nicht mehr lieben, und bringt seine Wunden mit und seinen Zorn." Hiort stand da, wie vor seinem Grab, das seinen Kopf niederzogunendlich weinend und trinkendsanfte Abend-Töne der Musik verschmolzen mit dem aufgelösten Leben; – "Ach so ist es!" (rief er aus tiefer, schmerzender Brust) "Wirf sie nur endlich weg, die zwei letzten Rosen des Lebens206zu viele Bienen und Stacheln stecken in ihnensie ziehen dein Blut und geben dir Gift – O wie ich liebte! Allmächtiger droben, wie ich liebte! Ach nicht dich! – Und nun so steh' ich leer und arm und kalt, nichts, nichts ist mir geblieben, kein einziges Herz, nicht mein eigenesdas ist schon hinunter ins GrabDer Docht ist aus meinem Leben gezogen, und es rinnt dunkel hin – O ihr Menschen, ihr dummen Menschen, warum glaubt ihr denn, dass es noch Liebe gebe hienieden? Schauet mich an, ich habe keineWohl ein luftiges Farbenband der Liebe, ein Regenbogen zieht sich hin und stellt sich fest herüber unter uns wankende Wolken, als binde und trag' er sieSpasshaft! er ist auch Wolke und lauter Fallanfangs glänzen bunte Freudentropfen, dann schlagen schwarze!"

Er schwiegging langsam auf und absah ernst einem Waffen- und Larventanz innerer Gespenster zustand stilldie Schatten schwarzer Taten spielten durcheinander um ihnplötzlich fuhr er auf, ein Wetterstrahl eines Gedankens hatte in sein Herz geschlagener lief auf und ab, schrie: "Töne her, grässliche Töne her!" – und die Hochzeitmusik aus Don Juan, die ihn bisher begleitet hatte, erhob das Zetergeschrei des Schreckens "Göttlich!" sagte er, und nur einzelne Worte, nur Tigerflecken erschienen verschwindend am vorübergehenden Untier – "teuflisch! – das Rosen-Sein, das Blüten-Seinnun ja! – – ich wickle mich selber in die Lauwine und rolle hinunterund dann sterb' ich schön auf meiner Schlummerinsel", beschloss er sanft und matt.

"O Lilia! gewähre mir eine Bitte!" rief er der kommenden Schwester entgegen. "Jede, die mich nicht am Sterben hindert", sagte sie. Er legte ihr die Bitte vor: sie sollte ihre Freundin Atenais in die "Nachtlaube" der Insel jetzt nachts unter dem Vor wand bereden, dass ihr Bräutigam Carlos ihr zwei Geheimnisse über Lilia noch heute zeigen wolle – "Ich habe" (setzt' er dazu) "Carlos' stimme' mit ihr sag' ich ihr mein liebendes Herz, und dann, wenn sie mich liebt, nenn' ich mich Hiort." – "Ist deine Bitte Wahrheit." fragte die Schwester. "So wahr ich morgen noch leben will