dem andern glaubte; jetzt lügen sie beide einander an, und keines glaubt." Carlos antwortete: "Schrecklich! – Aber deine Trauer ist ja selber hülfe und Gabe." – "Ach was!" (versetzt' er) "Der Mensch verdammt weniger das Schlimme als die vergangne Lage, worin er es beging, indes er es in einer frischen wieder neu und süss findet und fortliebt. – Was dort kalt liegt, das ist mein Bild," (indem er auf die Sphinx zeigte) "das bewegt sich lebendig in meiner blutigen Brust – hilf mir, ziehe das reissende Untier heraus!" –
Albano ergrimmte im Innersten über die frevelnde Wiederholung jener bekennenden zärtlichen Nacht mit ihm204. "Er ist frech genug," (sagte leise Gaspard zu Albano) "weil er, wie ich höre, wirklich sich selber spielen soll; aber da er sich so sieht, ist er doch besser, als er sich sieht." – "O," (sagte Albano) "so dachte' ich sonst! Aber ist denn das Schauen auf den schlechten Zustand ein guter? Ist er nicht desto schlechter, dass er dieses Bewusst sein erträgt, und wird desto schwächer, dass er einen unheilbaren Krebsschaden an sich wachsen sieht? Das Höchste hat er ohnehin verloren, die Unschuld." – "Eine flüchtige Wiegen-Tugend! – Ein helles, keckes Reflektieren hat er doch", sagte Gaspard. "Nur weichliche, ehrlose, zweideutige, vielseitige Mattigkeit des Herzens hat er; spricht von Kraft und kann nicht die dünnste Lust- Schlinge zerreissen", sagte Albano.
"Karl," (sagte Hiort weich, als antwortete er jenen) "ja, noch eine hülfe gibts. Wenn am Leben eine frische Farbe nach der andern verschiesset – wenn das Dasein nun nichts wird, kein Lust-, kein Trauer-Spiel, nur ein fades Schau-Spiel: so ist dem Menschen noch ein Himmel offen, der ihn aufnimmt, die Liebe. Schliesset sich dieser zu, so ist er ewig verdammt. Carlos, mein Carlos, ich könnte noch glücklich werden – denn ich habe Atenais gesehen – aber ich kann noch unglücklicher werden, denn sie liebt mich nicht. In meinem Herzen liegt dieser prangende, aber scharf fortschneidende Demant, an dem es blutet, sooft es schlägt." – Überall liess jetzt Roquairol Lindas Bild mitspielen. Hier brachte anfangs Carlos den Freund mit der Nachricht in Aufruhr, dass Atenais von seinem Vater zu seiner Braut erlesen sei und bald komme; aber er stillte ihn, da seine Schwester Lilia erschien, indem er schnell ihre Hand nahm und sagte: "Nur diese lieb' ich." – Sie sprachen über die Hindernisse von seiten des alten Salera, den Carlos ein Eisfeld nannte, das unter keiner Sonne trüge und nicht anzubauen wäre. "Stehe mir bei, Karl," (sagte Hiort) "denke, was du mir geschrieben: wie zwei Ströme wollen wir uns vereinigen und miteinander wachsen und tragen und ein trocknen205." – So verständigten, verketteten und erhoben die drei Menschen sich einander wechselseitig, alle hatten ein Ziel, das gemeinschaftliche Glück. – Carlos beschwor ewigen Wider stand gegen seinen Vater, Hiort den Schutz seiner Schwester und rief: "Endlich giesset das leere Füllhorn der Zeit, das bisher nichts gab als Klänge, wieder Blumen aus – O die Weiber! Wie gemein und alltäglich sind fast alle Männer! Aber fast jede Frau ist neu!" – Lächelnd sagte Gaspard: "Das Umgekehrte sagen die Weiber von uns und sich." – Froh und friedlich schloss der zweite Akt.
"Diablesse!" rief der Spanier und streckte seine Rechte hoch in die Luft.
"Flüchtig" (fing die schwarze Dohle unter Tönen an) "ist der Mensch, flüchtiger ist sein Glück, aber früher stirbt der Freund mit seinem Wort."
Der dritte Akt drang sofort nach und hob durch die ununterbrochen Fortsetzung des Kunst-Zaubers – welche jedem Schauspiel und jedem gelesenen Kunstwerk gebührte – alles prosaische kalte Erstaunen auf, sogar das über das wunderbare Sprechen der Dohle auf dem See. Eine grosse schöne stolze Frau erschien Atenais (von der Kaufmannsfrau, Roquairols Nebengeliebte, gespielt), voll Hoffnung auf ihre alte Freundin Lilia, die sich "die kleine Atenais" nannte, und süss nachträumend den Traum der vorigen zeiten. Lilia sinkt in ihre arme mit doppelten Tränen; in ihrer Hand trägt Atenais ja drei Himmel und drei Höllen. "Wie schön kommst du wieder! – Mein armer Bruder!" sagte Lilia leise. – "Nenn ihn nicht," (sagte sie stolz) "er kann für mich sterben, aber ich kann nicht für ihn leben." – Hier fliegt Carlos herein zu seiner Lilia – erstarrt im Fluge – fasset sich und nähert sich Lilia. Diese sagt: "Graf Salera – Atenais" – er wurde blass, diese rot. Eine peinliche enge Verwirrung verstrickte sie drei; je der Honigtropfen wurde aus einer Dornhecke geholt. Lilia wird schaudernd immer stärker Atenais' plötzlichen Sieg über ihr Glück und Lieben gewahr. Atenais ging ab. Beide Liebenden sehen sich lange zitternd an: "Hab' ich recht?" fragt Lilia. "Hab' ich schuld?" sagt Carlos. "Nein," (sagt sie) "denn du bist ein Mensch und, was noch schlimmer, ein Mann." – "