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und grünen Tiefen, und jede Blume schwankte reich unter dem letzten Gold und wurde die Wiege des Auges, die Wiege des HerzensDie Liebenden blickten sich und die Erde begeistert an, die glänzende Welt erschien ihnen nur im Zauberspiegel ihrer Herzen, und beide selber waren darin leuchtende schwebende Bilder.

"Linda, ich will sanfter werden," (sagt' er) "bei der Heiligen schwör' ichs, in deren Garten wir stehen!" – "werde es, Lieber, in Lilar warst du es eben nicht!" sagte sie. Er verstand es von dem Sturme gegen Liane: "Verhülle dies Andenken in deine Liebe!" sagt' er errötend. Sie sah ihn jungfräulich an, ihr Inneres war jungfräulich geblieben und unschuldig; wie die Pfirsich sich rot und glühend der Sonne zukehrt, aber in den Blättern das zarte Weiss erhält. Ihr Auge trank aus seinem, seines trank aus ihrem, der Himmel vermischte sich mit ihrem Himmel, die Purpursonne schimmerte aus dem warmen Liebestau der Liebesaugen zurück. "O dürft' ich dich jetzt küssen!" sagte Albano. "Ach dürftest du es!" sagte Linda. "So golden ging einst die Sonne auf dem Meere unter!" sagte er. – "Und nachher gaben wir uns den ersten Kuss!" sagte sie. "Wir wollen uns jetzt viel öfter sehen", sagt' er. – "Jawohl, und länger am Tage, nachts hab' ich arme ja kein Auge. Nun geht mir dort schon mein Auge unter", sagte sie, als die Sonne versank.

Es war ein guter, sanfter Geist, oder Lianens ihrerjener, der den Menschen nur an der Dämmerung in die Nacht führt, der uns mildernde Tränen in den Jammer und in die Entzückung giesset und der dem Abendstern der Liebe die kurze Bahn nicht überwölkt dieser Geist war es, welcher ihre Zungen und Ohren vor dem schrecklichen Laute bewahrte, der auf einmal den goldnen Abendkreis in eine ringsumher aufbrennende Hölle aufgerissen hätte.

"Wer kommt dort so eilig?" sagte Linda. "Mein Feind", sagte Albano. Roquairol hatte ihn vermisset und Lindas Ankunft vernommen; in der Höllenangst, dass sich an diesem Abende vor ihnen der gestrige aufdecke, eilte er unter dem Vorwande, Dian zum Spielen und Albano zum hören zu holen, den Berg heran. Wie ein Zentaur, halb Mensch, halb wild, trat er mit verworrenem dumpfen Kriege seines ganzen Wesens unter die melodischen Seelen und Freuden. Aber kaum dass er an ihnen die Weihe der Entzückung wahrnahm und die schwarze Decke noch auf seinem Morde festliegen sah, so richtete sich in ihm der grimmige Geist der Eifersucht auf: "Sie ist nun meine Verlobte", sagt' er sich; und die Sonnenfinsternis verworrner Reue wurde vom Gewitter des Unmuts verdeckt. Linda, über seine Stimmenähnlichkeit zürnend aus innerm Schauder, stand vor ihm wie ein Diamant, hell, glänzend, hart und schneidend, Albano aber sanft, im Nachtönen der Harmonie, auf dem Gottesakker der Schwester dieses Bruders und in einiger Verwirrung. In Roquairol schlich wieder der gestrige unreine Argwohn herum, dass vielleicht Albano und Linda nicht mehr unschuldig sein.

Zornig bat er heute Linda, sein Trauerspiel mit anzusehen. "Sie sagten mir," (sagte sie zu Albano), "es schliesse so tragisch, ich bin davon keine Freundin." – "Er kennt es gar nicht", sagte Roquairol. "Nein", sagte Albano. – Wie die Schlange sah er auf das Paradies der ersten Menschen herab, sich froh bewusst, dass er ihnen vom Baume seines Erkenntnisses den Apfel reichen konnte, der sie sogleich daraus verjagte. "Zudem" (fügte sie dazu) "sehe' ich abends schlecht oder gar nicht." Roquairol stellte sich fremde dabei, scherzte über den Gewinn, den er als erster Liebhaber dabei habe, wenn sie ihn nur höre, und bat Dian, mitzubitten. Nicht angeborne, sondern erworbene Kälte ist der höchsten Falschheit mächtig, jene nur der Verstellung, diese auch noch der Anstellung, weil sie zugleich alle Wege und Mittel des Feuers kennt und nützt und sich auf dem Glatteis durch die Asche voriger Glut festmacht. Da endlich Albano ihr selber anriet, an der tragischen Freude teilzunehmen und ihren Freunden und Freundinnen drunten die schöne, reine ihrer Gegenwart zu gönnen: so willigte sie ein, verwundert über den Widerruf.

Sie nahm Chariton in ihren Wagen. Die Männer gingen voraus. Unterwegs sagte Roquairol zu Dian, der im Stücke Albanos Rolle zu spielen hatte: "Sobald ich im vierten Akte gesagt habe: 'Auch die geistige Liebe geht der sinnlichen entgegen und kommt wie ein Seefahrer auf dem Wege nach Osten endlich doch in den Ländern des Untergangs an', so fallen Sie ein." – Dian lachte und sagte: "Ich fall' ein. In Italien aber fängt die Fahrt gleich südlicher und westlicher an." Albano schwieg verdrüsslich und bereuete, dass er Linda zu diesem ungewissen Feste bereden helfen. Die Fürstin warf einige schnelle Blicke der Verachtung auf die betrogne Linda, und diese antwortete darauf mit gleichen; ausgezeichnete Weiber verraten ihr Geschlecht am meisten im feindlichen Zusammenstossen mit ausgezeichneten.

130. Zykel

Die meisten Zuschauer waren anfangs mehr der Zuschauer und Spieler wegen als des Spieles halber gekommen; aber bald wurden sie vom Geheimnis und der seltsamen Bühne selber angezogen. Die Bühne war auf der sogenannten Schlummerinsel des Prinzengartens