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Seele den fremden Widerspruch ohne eignen Widerspruch, ohne Echo, ohne Spiegel und Änderung um sich flattern lassen können und für welche die fremde Rede nur ein stiller Tau ist, dessen Fallen keinen Stein aushöhlt. Dazu kam Albanos Erbitterung gegen dessen neue Unwahrhaftigkeit über Schoppens Nähe und gegen sein eigenes Unvermögen, eine Stunde lang alles ungläubig anzuhören, was ein Lügner sagt.

"Schoppe ist auf mein Wort durch einen andern Weg schon im Prinzengarten", sagte endlich der Spanier ganz munter und riet umzukehren an, im warmen Genusse seiner frechen kalten Kraft, jeden, der ihm nicht huldigte, zwischen scharfe langsame Eisfelder zu pressen.

Sie kamen vor dem Prinzengarten unter lauter Wagen an, aus welchen die Zuschauer des heutigen Spielfestes ausstiegen. Albano fand schon unter jenen seinen Vater, die Fürstin und Julienne; und unter den Mitspielern Bouverot, seinen alten Exerzitienmeister Falterle und die gelbgekleidete Kaufmannsfrau in rotem Schal, die einmal weniger in als an Roquairols Herzen gewesen, und diesen selber. Der Hauptmann trat vor aller Welt sofort den bekannten Albano an und sagte mit gesuchter Leichtigkeit, das Spiel beginne bald, nur Dian mit seiner Frau werde noch erwartet. Dian, überall leicht beweglich, am meisten durch eine Bitte, konnte einer für die Kunst am wenigsten widerstehen; durch ihn wurde bald auch Chariton für das Spiel gewonnen, aber nicht ohne den Umstand, dass sie im Stücke eine Geliebte gegen niemand als ihren Gemahl zu spielen hatte. Als Roquairol mit Albano sprach, so wurde seinem Gesicht so wie einem geschwollnen oder gefrornen das leichte Lächeln schwer und das Aufheben des Augenlids; und innen drückte ein strafender beugender Geist den seinigen vor dem frohen reinen Freunde zur Erde, aus dessen Frühling er die helle Sonne weggerissen und geworfen und dem er eine ewige Pestwolke über das Leben gehangen.

Unter dem Getümmel der Gartenreden und im fruchtlosen Wunsche, der Schwester Julienne drei sanfte Worte für die ihm so lange verdeckte Linda mitzugeben, sah Albano den Wagen der Gräfin auf die Höhe an Lianens Garten rollen, da halten und sie und Dian und Chariton aussteigen.

Da kannt' er weiter nichts als den Flug zur entbehrten Geliebten, der sich vor den vielen Augen leicht in die sehnsucht nach Dian einkleidete; und jetzt fragt' er im Durst der Liebe nach gar keinem Auge. "Ach da bin ich doch!" sagte Linda und ging ihm entgegen, mit den weichen Rebenschlingen zarter Blicke sich in seine verwebendso scheu und so liebevollund das Abendrot der Verschämteit zog, wie Frühlingsröte in der Nacht, um ihren Himmel, und der weisse Mond der Unschuld stand mitten darin! – Albano zerging vom Tauwind dieser Verzeihung, warf sich seine süsse Freude an ihrer Umkehrung als selbstsüchtigen Stolz über sein Siegen vor und konnte in der schönen Verwirrung des Glücks kaum das süsse Staunen regieren und das aufgelöste Herz, das vor ihr zerrinnen wollte wie ein Gewitter in Abendtau. Er legte in sein Auge die Seele und gab sie der Geliebten. Vor Chariton musst' er sich verhüllen. Zu Dian und Linda sagt' er, als sie in die hinuntersteigende Sonne sahen, bloss das Wort: "Ischia!"

"Da liegt nun freilich, lieber Anastasius," (sagte Chariton zu Dian) "meine gute fräulein Liane begraben, und man weiss nicht eigentlich wo im Garten, denn man sieht ja nichts als Blumen und Blumen; sie hats aber so bestellt." – "Das ist sehr betrübt und hübsch," (sagte Dian) "aber lass es, – weg bleibt weg, Chariton!" und führte sie seitwärts von den Liebenden schonend. An Albano, der nichts überhörte und übersah, war die Erschütterung davon so sichtbar. Auch Linda nahm sie wahr. "Sprich nur aus dein Weh," (sagte sie) "ich liebe sie ja auch." – "Ich denke an die Lebendigen" (sagt' er, sich zusammenfassend, und blickte scheu nicht auf den Blumengarten, sondern auf die sonnentrunkne Abendgegend) – "kann man denn genug auf der Erde vergeben und erraten? – Linda, o wie vergibst du mir heute!"

"Freund," (sagte sie)"wenn Ihr sündigt, sollt Ihr Vergebung empfangen; aber bis dahin seid noch still!" Er sah sie bedeutend an: "Hast du nicht schon vergeben und ich noch nicht? – Aber wüsstest du, wie ich in diesen Tagen auf dem Weg zu meinem Schoppe innigst bei dir lebte und die göttliche Vergangenheit in die Zukunft brachteach, kann ich dir denn alles sagen an diesem Orte?" – Zum Glück hörte siegleich andern Frauen weniger auf Worte als auf Mienen, Winke und Taten merkendmehr mit dem geistigen als leiblichen Ohre und trat nicht in den so nahe aufgesperrten Abgrund seiner Worte. So spielten jetzt beide, wie Kinder, neben der kalten, mit Donner durchzognen Gewitterstange, aus welcher bei der kleinsten nähern Nähe die blitzende Sense des Todes fährt.

Beide gaukelten neben dem Gewitter fort. Die Sonne zog neben dem kleinen Berge und ebenen Blumen-grab mit ihren Flammen in die fernen Ebenen hinein. Aus dem tiefen Prinzengarten flatterten Töne durch die langen Abendstrahlen herauf und vergötterten die goldne Gegend. – Die Töne waren einsame Schwingen, die sich ihr Herz suchten und dann an ihm weiterflogenund die liebenden Herzen wurden voll FlügelDie Strahlen sanken, die Töne stiegen Um Linda und Albano lag ein goldner Kreis aus Gärten und Bergen