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Fernschreiber von Albano ihr die Nachricht von seiner neuen Liebe gegeben, ihm leicht die Erwähnung davon hin. Trotz der warmen Rolle, die Roquairol gegen sie zu spielen hatte, wurde' er doch vor ihr wütend-blass, atemlos, bebend und starrend im Abwechsel; "ist es so?" fragt' er leisesie zeigt' ihm einen Brief – "Fürstin," (sagte er wütend, ihre Hand an seine Lippen fortpressend) "du hattest recht, vergib mir nun alles."

Wie gross er von Albano gedacht, sah er erst jetzt aus seiner Verwunderung über das Natürlichste von der Welt. Nie hasset das Herz bitterer, als wenn es den Gegenstand, den es vorher unter dem Hassen achten musste, nun ohne Achten hassen muss; so wie aus demselben grund den schlimmen Menschen die Heuchelei des andern weit tiefer und eigennütziger entrüstet als den frommen. Roquairol glaubte jetzt, den stolzen Freund recht anfeinden zu dürfen; er wurde aus einer deutschen Ruine eine welsche voll Skorpionen. Die Fürstin wurde das heisse Klima, das die Skorpionen erst recht vergiftet. Sie erzählte ihm, wie Albano sie so lange zu gewinnen und auf seine tiefen Minen zu locken gesucht, bloss um bei deren Aufspringen den Genuss der Kälte und des Hohns zu haben, und wie er so gleichgültig vom Hauptmann gesprochen, ohne ihn nur des Hasses zu würdigen.

Die Fürstin erlaubte dem Hauptmann, eine Stufe nach der andern an ihrem Trone hinaufzugehen, bis er keine mehr hatte als ihre eigne person. Sie gab ihm auch die letzte Stufe unter der Bedingung preis, sie zu rächen. Er sagte, er räche sie und sich, denn Albano habe feierlich in dem Tartarus der Gräfin für ihn entsagt. So schienen beide ihre wahre Liebe unter die Larve der Rache zu stecken, die Fürstin ihre für den Hauptmann, er seine für Linda.

Sie brachte ihm einen Plan immer dichter vor das Auge, den er nicht erblickte, so sehr sie ihn reizte durch die Bemerkung, dass Albano ein grösserer Weiber-Liebling sei und sein werde, als man bisher noch dachte, dass sogar ihre fromme besonnene Schwester Idoine nach ihren stillen fragen in Briefen und nach andern Zeichen fast beides durch ihn verloren, was sie ihm am Krankenbette wiedergegeben, Gesundheit und Friede, und dass er nie hoffen solle, die Gräfin je abtrünnig zu sehen oder auch zu machen.

Endlich sagte sie langsam das fürchterliche Wort: "Roquairol, Sie haben Seine stimme, und Sie hat abends kein Auge." – "Himmel und Hölle!" rief er aus, wechselnd rot und blass und zugleich in Himmel und Hölle sehend, deren Türen vor ihm aufsprangen. "Va!" setzt' er schnell dazu, ohne die schwarze Tiefe dieses weissschäumenden Meers noch durchdrungen zu haben. Die Fürstin umarmt' ihn feurig, er sie noch feuriger. "In einer poetischen Dichtung" (sagt' er) "wäre mir dein Gedanke leicht gekommen, aber in der Wirklichkeit hab' ich keine List!" – "O Schalk!" sagte sie. So früh und so lang' er nur durfte, sagte er Du, weil er das Herz kannte, besonders das weibliche. – Bald darauf, als sie noch offenherziger gegeneinander gewesen waren, sagte sie: "Bleibt Sie unschuldig bei Ihnen, so haben Sie niemand beleidigt, und niemand hat verloren; bleibt Sie es nicht, so war Sie es entweder nicht, oder Sie verdiente die probe und Strafe, getäuscht zu werden." – "Ja, das ist göttlichdas gehört in den herrlichen Trauerspieler kurz vor dem Ende", sagt' er, wollte sich aber nicht darüber erklären.

Jetzt kam Ziel und Mittelpunkt in die wilden Kreise seines Treibens. Er zerlegte kalt Albanos Briefe der Liebe in grosse und kleine Buchstaben, bloss um sie pünktlich nachzumachen; daher fand einmal Albano bei Rabetten seine Handschrift ohne seine Gedanken. Er fragte Rabetten alle kleine Verhältnisse Albanos ab, um seine Rolle bis ins kleinste auszuarbeiten; und ebenso las er alle italienische Reisebeschreibungen, um mit Linda über jede schöne Stelle frei zu sprechen, wo er als Schein-Albano mit ihr das hesperische Leben genossen. Es kitzelte ihn, so mit der Flamme in der Brust und mit dem kalten Eislicht im kopf einmal alle teatralischen Zurüstungen und Verwickelungen, so wie sonst für die Bühne, jetzt für das Leben anzulegen und besonnen zu regieren.

Er sah Albano von der Reise kommen, der ihn stolz behandelteer sah die blühende Göttin in Lilar gehener hörte durch die Spionen der Fürstin von ihrer Verbindung: hoch ging sein totes Meer in schweren Wellen und suchte die Opfer aus ihrem Fluge bis vom Himmel herabzuziehen. Unmittelbar nach dem Trauerspiel, das er mit Linda zu spielen vorhatte, sollte sein eigenes im Prinzengarten kommen, das er von Zeit zu Zeit zu geben versprach und verschob; er musste lange harren und spähen, bis eine Zeit erschien, in welche so viele Zähne eines doppelten Maschinenwerks zugleich eingreifen konnten.

Endlich erschien die Zeit, und er schrieb das oben mitgeteilte Blatt an Linda. Alles war berechnet und abgetan und jede hülfe des Zufalls in den Plan gewebt. Sein Trauerspiel war von seinen Bekannten längst eingelernt, obwohl niemals einprobiert, weil er, wie er sagte, die Mitspieler selber mit seiner Rolle mitten im Spiele überraschen wollte. Die Freude, die er von jeher hatte, Abschied zu nehmenweil ihn hier die Rührung