' er, nicht anders gekonnt. Er war ihr, sie ihm mit solcher neuen Zärtlichkeit entgegengereiset – keines wusste von der fremden – und der unbegreifliche Kontrast entrüstete darum beide so sehr – Er hasste schon an andern Menschen das Bitten, wie viel mehr an sich selber, und nie war er vermögend, einen Menschen, der ihn verkannte, zurechtzuweisen. Er sah jetzt um sich, alle prangenden Springbrunnen der Freude waren plötzlich niedergefallen, die Lüfte verödet, und das wasser murmelte in den Tiefen. Er ritt hinauf zum Garten, wo Lianens Grab sein sollte. Nur Blumenbeete, einen Lindenbaum mit einer Zirkelbank sah er darin, aber kein Grab. Betäubt und verworren blickt' er hinein und in den glänzenden Gegenden umher. Verstockt – tränenlos – mit einem im zurückgetriebnen Strom der Liebe erstickenden Herzen – hinschauend in die weite Zukunft, die zwischen Bergen in krumme Täler ging und sich versteckte, ritt er düster nach haus. Hier traf er folgendes Blatt von Schoppe an, das der vorauseilende Oheim bei ihm abgegeben:
"Es ist richtig – Ich fand das bewusste Porträt – Ich bring' es in der Jagdtasche mit – In wenigen Wochen oder Tagen komm' ich – Den Kahlkopf hab' ich angetroffen und hinlänglich totgemacht – Ich bin sehr bei Sinnen. Dein seltsamer Oheim reisete lange mit mir.
S."
Zweiunddreissigste Jobelperiode
Roquairol
127. Zykel
Linda hatte den ganzen Tag darauf in schweigendem Seelenschmerze zugebracht über den Geliebten, der ihr, wie einst Liane ihm, nicht im ganzen lebendigen Feuer der Liebe zu leben schien wie sie – sie war lange von der Fürstin umlagert und dann durch sie Juliennens für eine Lustreise beraubt worden, die ihr nur die Nachricht zuwerfen konnte, dass Albano diesen Tag auch einen Ausflug gemacht, um Schoppen früher zu umarmen – sie war still geblieben nach ihrem Grundsatze, dass der weibliche Stolz hier Schweigen, Ruhe und sogar Vergessen gebiete; – als sie abends durch das blinde Mädchen aus Blumenbühl, das sie in ihre Dienste genommen, folgenden Brief erhielt: "Du Meine! Sei es wieder! Ich will noch sterben, aber für dich, nicht für ein Volk auf dem Schlachtfeld. Vergib das Gestern und beglücke das Heute. Ich habe meinen Vorsatz einer Entgegenreise wieder aufgegeben, um dir heute noch an das Herz zu stürzen und deinen Himmel auszuschöpfen und meinen zu füllen. Ich kann nicht warten, bis Julienne wiederkommt: mein Herz brennt nach dir. Morgen muss ich ohnehin im Prinzengarten sein, wo Roquairol einen Trauerspieler endlich gibt. Komme diesen Abend – ich flehe dich bei unserer Liebe an – um 8 Uhr entweder, wenn es hell ist, in die Tartarus-Höhle, deren TotengräberPutz und Orkus-Ameublement dir gewiss nur lächerlich sein wird, oder, wenn es wolkig ist, in das Ende des Flötentals.
Dein blindes Mädchen nimmst du nur mit. Du kennst ja das Spionenwesen, das gerade uns umstellt. Ich erwarte und begehre keine Antwort von dir, sondern Schlags acht Uhr schleich' ich durch das Elysium, um zu sehen, wo die Göttin steht, der Himmel, die Sonne, die Seligkeit, du.
Dein
Albano."
Wie durch einen Wetterstrahl des himmels war ihr ganzes Wesen geschmolzen zu weicher seliger Glut; denn sie glaubte der Handschrift, dass das Blatt von Albano sei – so unerwartet ihr auch an ihm eine so schnelle Umkehrung erschien –, ob es gleich von Roquairol geschrieben war. Lasset uns zurückgehen bis an die finstere Quelle des reissenden Höllenflusses, der seinen eiskalten Arm nach der Unschuld und nach dem Himmel ausstreckt.
Roquairol war im Winter bei allen Fehlschlagungen seiner unbändigen Wünsche ziemlich glücklich und gut geblieben; der Abendstern der Liebe, ob er wohl für ihn mehr ab- und zunahm, stand doch noch nicht unter dem Horizont, sondern nur unter Gewölke. Aber sobald Linda mit Julienne abgereiset war – und zwar, wie er sogleich erriet und früh erfuhr, nach Italien –: so bewegte sich ein neuer Sturm durch sein Leben, der ihm die letzten Blüten abriss und mit dem lange gelegenen Staub verfinsterte, weil er nun, wie er Albano selber vorausgesagt, das Netz zu diesem und der Gräfin im Strome heraufkommen sah, das beide eng gefangennahm. Das fressende Gift der Viel-Liebhaberei und Vielgötterei lief wieder heiss in allen Adern seines Herzens um –: er machte wilden Aufwand, Spiele, Schulden, so weit es nur ging – setzte Glück und Leben auf die Waage – warf seinen eisernen Körper dem tod zu, der ihn nicht sogleich zerschlagen konnte und berauschte sich in der WildenTrauer um sein gemordetes Leben und Hoffen im Leichentrunk der Schwelgerei; ein Bund, den Wollust und Verzweiflung schon oft auf der Erde miteinander auf Kriegsschauplätzen und in grossen Städten geschlossen haben.
Nur etwas hielt den Hauptmann noch aufrecht, die Erwartung, dass Albano in seiner Ferne von Linda beharre, und die, dass diese wiederkomme. Jetzt kam die Fürstin zurück, noch mit allem frischen Hasse gegen den kalten Albano, für dessen "dupe" sie sich hielt. Roquairol bewog leicht seinen Vater, ihn ihr näher zu bringen, da er bei ihr über Albano und alles Nachrichten zu finden hoffte. Er wurde' ihr bald durch die ähnliche stimme und die vorige Freundschaft gegen ihren Feind bedeutend, und noch mehr durch seine seltene Gewandteit, einer Frau immer das zu sein, was sie gerade begehrte.
Da sie alle seine frühern Verhältnisse und Wünsche schon längst gekannt: so warf sie, sobald ihre