O, Mädchen" (sagte Julienne lustig, weil sie Linda ernst sah) "sprechen immer mitunter ein wenig von Liebe und Ehe; sie ziehen sich gern aus einem Brautkranz Blumen." –
"Daraus, wissen Sie, könnt' ich mir wohl keine nehmen", sagte Idoine, auf das eidliche Versprechen anspielend, welches sie ihren über ihre entusiastische Kühnheit argwöhnischen Eltern geben müssen, nie unter ihrem Fürstenstande zu heiraten, was ihr nach ihrer scharfen Gesinnung und Lage so viel hiess als Ehelosigkeit. "Recht hatten Sie indes," (verfolgte Julienne und wollte scherzhaft bleiben) "die Liebe ohne Ehe gleicht einem Zugvogel, der sich auf einen Mastbaum setzt, der selber zieht; ich lobe mir einen hübschen grünen Wurzelbaum, der dableibt und ein Nest annimmt."
Wider ihre Gewohnheit lachte Linda darüber nicht, sondern ging allein, ohne ein Wort zu sagen, in den Garten und Mondschein hinunter.
"Die Gräfin" (sagte Idoine zur Freundin, bekümmert über die Bedeutung des stummen Ernstes) "hat uns, hoff' ich, nicht missverstanden." – "Nein," (sagte Julienne mit freudigen Mienen über den errungnen Eindruck, den die Rede auf Linda gemacht) "sie hat die seltenste Gabe, zu verstehen, und das häufigste Unglück, nicht verstanden zu werden." – "Das ist immer beisammen", sagte sie, sann nach, sah Juliennen an, endlich sagte sie: "Ich muss ganz wahr sein, ich wusste der Gräfin Verhältnis durch meine Schwester – Freundin, ist Er ihrer ganz wert?" Eine Frage, deren Quelle die Prinzessin nur in rachsüchtigen Einflössungen der Fürstin suchen konnte.
"Ganz!" antwortete sie stark. "Ihnen glaube' ich gern", versetzte Idoine, mit den Lauten eilend, aber mit Blicken ruhend. Sie sah die Schwester Albanos immer länger an – die grossen blauen Augen schimmerten stärker – Minervens Helm war vom jungfräulichen haupt abgehoben – das sanfte Angesicht erschien lieblich, ruhig, klar, nicht stärker bewegt, als es ein Gebet vor Gott erlaubt, und so wenig begehrend wie eine Verklärte, und doch immer himmlischer glänzend. – Juliennens schönes Herz stürmte auf, sie sah Liane wieder, als sei sie vom Himmel gekommen, den geliebten Menschen an einem neuen Herzen einzusegnen; – sie sagte mit Tränen: "Du, du hast Ihm einst den Frieden gegeben." – Idoine wurde überrascht – aus ihren hellen Augen drangen zwei Tränen – mit Nachdruck antwortete sie: "Gegeben" – erschrocken und heftig drückte sie sich an die Freundin – sagte: "Ich liebte Sie schon lange", und weiter sprachen sie nichts.
Schnell fasste sie sich – erinnerte Julienne an Lindas Nachtblindheit – und bat sie geradezu, ihr als ihre Freundin nachzugehen, ob sie gleich selber gern ihr dieses Verdienst abstehlen würde, wenn sie dürfte. Julienne eilte in den Garten, fühlte es aber nach, dass Idoine ihr Du nicht erwidert hatte. Idoine mied das weibliche Du; ungleich den Orientalerinnen, welche vor Verwandten den Schleier weglassen, nahm sie, wie ihre Französinnen, sogar in die Herzlichkeit die zarten gesetz der Politesse herüber.
Julienne fand ihre Freundin im Garten in einer dunkeln Laube still, mit tief gesenkten Augen, in Träume eingegraben. Linda fuhr auf: "Sie liebt Ihn!" (sagte sie mit Schmerz und Feuer) "Hör es, Julienne, Sie liebt Ihn!" – Diese konnte' ihr über das Aussprechen einer Wahrheit, mit der sie gerade aus Idoinens Armen gekommen war, nichts als ihr Erschrecken zeigen; aber Linda nahm es für Erstaunen und fuhr fort: "Bei Gott! – Mein blick hat sie aufgehascht. O sonst war sie weit nicht so lebhaft und ernst und rührbar und weich – Ihre innerste Bewegung bei meinem Erblicken – und ihr Weinen bei Roquairols stimme, weil sie seiner gleicht – und ihre lange feurige Hochzeitpredigt – Und die Seelenblicke auf mich – o hat sie Ihn denn nicht im grossen herrlichen Augenblick gesehen, da der Blühende weinend kniete und das göttliche Haupt gegen Himmel hob und die Verklärte und den Frieden herunterrief? – O dass sie es nur wagte, ihm beides vorzuspielen! Und kann sie das vergessen?"
Julienne kam endlich zum Worte "So setz es denn; ist Idoine aber nicht edel und fromm?" – "Ich habe nichts wider sie und nichts für sie" (antwortete Linda) – "Wenn aber Er sie nun sieht, wenn er die Fromme noch einmal der Verstorbnen ähnlich findet, wenn die ganze erste Liebe umkehrt und über die zweite triumphiert? ... Bei Gott! Nein," (setzte sie stolz und stark dazu) "nein, das duld' ich nicht; bitten will ich nicht, weinen nicht, oder resignieren, um ihn aber kämpfen will ich. – Bin ich nicht auch schön? Ich bin schöner, und mein Geist ist kühner geschaffen für seinen. Was kann sie geben, was ich ihm nicht dreifach biete? Ich wills ihm geben, mein Glück, mein Dasein, auch meine Freiheit, ich kann ihn so gut heiraten wie sie, ich wills.... O sprich, Julienne! Aber du bist eine kalte Deutsche und ihr heimlich zugetan aus gleicher Gottesfurcht. O Gott, Julienne, bin ich denn schön? Beteuer' es mir doch! Bin ich der Verklärten gar nicht ähnlich? Säh' ich nur so aus,