als spielten die Abgeschiednen noch hinter der Brustwehr des Grabhügels und kleideten sich ein in Nachklänge. Alle Menschen tragen Tote oder Sterbende in der Brust; auch die drei Jungfrauen; Töne sind schimmernd zurückflatternde Gewänder der Vergangenheit und erregen damit das Herz zu sehr.
Sie weinten, und keine konnte sagen, ob trübe oder froh. Die bisher so gemässigte Idoine ergriff Lindas Hand und legte sie sanft an ihr Herz und liess sie wieder sinken. Sie kehrten schweigend und einig um. Idoine behielt Linda an der Hand. Die unterirdischen wasser der Toten-Echos und Alphörner rauschten ihnen nach, obwohl ferner. Juliennen entging es nicht, wie sehr Idoine ihr Gesicht, bloss um es ihr mit den grossen Tropfen in den grossen Augen zu entziehen, immer der dicht verschleierten Linda zuwandte; und sie schloss daraus, dass Idoine vieles wisse und kenne und die Braut des Jünglings ehre, dem sie durch ihre schöne Ähnlichkeit das frohe Leben zurückgegeben. "Was haben wir nun davon?" (sagte Idoine spät und nahe am dorf) "Wir sehens voraus, dass wir zu weich würden, und geben uns doch hin. Darum nennen uns eben die Männer schwach. Sie bereiten sich auf ihre Zukunft durch lauter Abhärtungen vor, und nur wir uns durch lauter Erweichungen." – – "Was soll man denn machen," (sagte Julienne) "in Flüsse springen, auf Berge, auf Pferde und so weiter?" – "Nein," (sagte Idoine) "denn ich sehe' es an meinen Bäuerinnen: sie leiden an Nerven bei aller MuskelArbeit so gut wie andere – Mit dem geist, glaube' ich, müssten wir alle mehr tun und suchen; aber wir lassen immer nur die Finger und Augen sich üben und regen, das Herz selber weiss nichts davon und tut dabei, was es will, es träumt, weint, blutet, hüpft – Ein wenig Philosophieren wär' uns dienlich; aber so geben wir uns allen Gefühlen gebunden dahin, und wenn wir denken, ist es bloss, um ihnen noch gar zu helfen."
Sie kamen ins Dorf zurück, es war voll geschäftigen Abendlärms, Kinder tanzten Idoinen entgegen, von den Höhen klangen Alphörner herein und aus den Häusern Flöten und Lieder heraus. Idoine gab heiter Abendbefehle. "Wie doch" (sagte sie) "die äussere Ruhe so leicht die innere aufhebt! Ein beschäftigtes Herz ist wie ein umgeschwungenes Gefäss mit wasser: man halt' es still, so fliesset es über."
Julienne hatte schon einigemal, aber vergeblich, nach dem Steuerruder der Zeit und Rede gehascht, um ihren Plan zu vollführen; jetzt, da sie Lindas Schweigen, Rührung und Träumen bemerkte, glaubte sie die lang' erwartete günstige Stunde zu treffen, wo einige Worte, die Idoine über die Ehe ausstreuete, in Linda einen aufgeweichten Boden für ihre Wurzeln finden würden. Durch die leichte Wendung eines Lobs, dass sie Idoinen über ihren mutigen Widerstand gegen das Schiffziehen in einer verhassten Fürsten-Ehe und über den Gewinn eines ewigen Jugendlebens gab, brachte sie die Gräfin dazu, ihren ketzerischen Hass gegen die Ehe zu offenbaren und zu sagen, dass diese die Blume mit einem scharfen Eisenringe an ihren Stab peinlich gefangen lege – dass Liebe ohne Freiheit und aus Pflicht nichts sei als Heuchelei und Hass – und dass das Handeln nach der sogenannten Moral so viel sei, als wenn einer nach der Logik, die er vor sich hätte, denken oder dichten wollte, und dass die Energie, der Wille, das Herz der Liebe etwas Höheres sei als Moral und Logik.
Jetzt kam ein Briefchen von der Ministerin, worin sie ihre heutige Abwesenheit mit dem zu traurigen Abschiede entschuldigte, den ihr Sohn diesen Abend so sonderbar und wie auf immer von ihr genommen. So viele stille Gedanken auch diese Nachricht in Julienne und Linda nachliess: Idoine kam durch sie nicht aus der lebhaften Bewegung, worein die vorige Rede sie gesetzt, sondern mit einem edlen Zürnen, das aus der schönen Jungfrau einen schönen Jüngling machte und ihr Minervens Helm aufsetzte, erklärte sie der hohen Gegnerin, die weniger durch fremde Heftigkeit als durch fremde Gesinnung aufzureizen war, diesen Krieg: gewiss sei nur ihre Abneigung gegen die "Priester" an der zweiten Abneigung gegen die Ehe schuld sei denn das Eheband etwas anders als ewige Liebe, und halte sich nicht jede rechte für eine ewige? – eine Liebe, die einmal zu sterben glaube, sei schon tot, und die ewig zu leben fürchte, fürchte umsonst – wenn sogar Freunde am Altare verbunden würden, wie irgendwo geschehen soll203, sie würden höchstens sich nur noch heiliger binden und lieben – man zähle ebenso viele, wo nicht mehrere unglückliche Liebeshändel als unglückliche Ehen – man könne zwar eine Mutter, aber nicht ein Vater sein ohne die Ehe, und dieser müsse jene und sich durch die Sitte ehren – "Ich bin eine Deutsche" (beschloss sie) "und achte die alten Ritterfrauen, meine Ahnen, hoch; selig ist eine Frau wie eine Elisabet und ein Mann wie Götz von Berlichingen in ihrer heiligen Ehe." – –
Auf einmal fand sie sich selber überrascht von ihrem Feuer und ihrem Strome: "Ich bin ja" (setzte sie lächelnd hinzu) "eine pedantische Predigerswitwe geworden; das macht, ich bin die höchste Obrigkeit von dem Dörfchen und lasse, da fast in jeder Hütte eine glückliche Widerlegung der Ehelosigkeit wohnt, ungern andere Meinungen hier aufkommen."
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