mit seinem kleinern seidnen auf dem Magen und mit einem Sack voll eingekaufter Haare auf dem rücken die Pestitzer Strasse hinzog. Der Jude liess sich wohl herrufen, aber nichts ableihen, trotz allen ausgestellten Wechseln auf Eltern und Taschengelder. Ach ein herrliches rotes Haubenband hätte Leas blinden Augen so gut wie eine rote Aderlassbinde der Wunde getan! Denn eine blinde Frau putzet sich so gern als eine sehende, sie müsste denn eitel sein und mehr sich im Spiegel gefallen wollen als andern ausser demselben. Der Handelsmann liess gern das Band von ihr befühlen und sagte, er handle auf den Dörfern Haare ein, und gestern hätten ihm die Wirtskinder durch einen brennenden Schwamm seinen ganzen Sack voll Chignons in kurze Wolle verkrümelt, und wenn ihm die junge herrschaft ihr braunes Haar bis an das Genicke ablassen wolle, so solle sie das Band und einen noch sehr brauchbaren ledernen Zopf aus der würzburgischen Fabrik auf der Stelle dazu haben. – Was war zu tun? Das Band war sehr rot – Lea war es vor Hoffnungen – der Jude sagte, er packe ein – der Haarzopf lief ohnehin bisher wie ein zweites Rückgrat über das ganze erste hinab und wurde für Alban durch das langweilige Einwindeln an jedem Morgen ein Sperrstrick und eine Trense seines Feuers – – Kurz der arme Rupfhase trat dem Juden die königlich-fränkische Insignie ab und schnallte die würzburgische Scheide an.
Und nun schüttelte er ihre Hand recht derb auf und ab und sagte mit einem ganzen Paradies voll liebender Freudigkeit auf dem Gesicht: "Das Band ist dir wohl recht lieb, du armes blindes Ding!" Jetzt bestieg der unaufhörliche Mäzen gar den Kirschbaum, um droben für Lea als ein lebendiger Popanz den Spatzen die Kirschen zu verleiden und ihr als ein Fruchtgott mehrere Paternoster- und Fruchtschnüre von letzteren herunterzuwerfen.
Beim Himmel! droben unter den Herzkirschen schienen ordentliche Wolfskirschen auf den Kopf des Knaben zu wirken; wie die Erde ihre finstern Mittelalter hatte, so haben oft Kinder finstere Mitteltage voll lauter Kapuzinaden und Gickse. Auf den hohen Ästen schimmerten ihn die wachsende Landschaft und die auf die Berge niederfallende Sonne und besonders die Pestitzer Turmspitzen so himmlisch an, dass er sich jetzt nicht Höheres denken konnte als die – Vogelstange neben ihm und keinen glücklicher-tronenden Kron-Adler als einen auf der Stange....
Aber nun bitte' ich sämtliche Leserinnen, entweder in das Schiesshaus einzutreten oder sich mit der Soldatenfrau daraus die fortläuft und den Frevel der gnädigen Frau anzeigt – mit wegzumachen, weil wenige von ihnen es neben mir aushalten, dass unser Held, der Stammhalter des Titans, von einigen Pachters-Knechten – denen noch dazu Albine das Remarsch-Reglement seines eiligern Kommens mitgegeben – auf ein Querholz, das unterhalb des Hakens der Vogelstange eingefuget ist, festgesetzet und, mit dem Unterleibe an diese angebunden und so in der Luft waagrecht liegend, allmählich durch den weiten Bogen aufgehoben und mitten im luftigen Himmel aufgestellet wird. Es ist arg; aber die Knechte konnten den Bitten seiner mächtigen Augen, seinem malerischen Willen und Mute und den angebotnen Rekompensen und Krönungsmünzen unmöglich widerstehen, und dabei wog er ja nur halb so viel wie der letzte Vogel.
Ich bin dir doch gut, Kleiner, trotz deinem starren, zwischen Kopf und Herz gebauten Wagehals! Deine monströsen Barock-Perlen von Kräften wird die Zeit, wie im grünen Gewölbe Künstler physische Perlen, schon noch zum Bau einer schönen Figur verbrauchen!
Die Reichsgeschichte unsers Reichsadlers auf seinem Stativ, die sich zugleich über die Ereignisse ausbreitet, welche auf dem Berge vorfielen, als der Schachtelmagister und der Landschaftsdirektor zufällig zur besetzten Vogelstange kamen, soll ungesäumt gegeben werden, wenn wir den 14ten Zykel haben.
14. Zykel
Der Magister Wehmeier, der sich von weitem die Gestalt und das Bewegen des Vogels nicht erklären konnte, hatte sich heraufgemacht und sah nun zur Kreuzeserhöhung des Zöglings hinauf. Er stürzte anfangs ins Plongierbad des Eis-Schauders über die Kühnheit, aber er stieg bald aus ihm heraus unter das Tropfbad des Angstschweisses, den an ihm der Gedanke ansetzte, in jeder Minute falle der Eleve herab und zerschelle in 26 Trümmer, wie Osiris, oder in 30, wie die mediceische Venus: "Und das jetzt," (dachte' er hinzu) "da ich den jungen Satan in Sprachen soweit gebracht und einige Ehre an ihm erlebte." Daher filzte er nur die Hebemaschinisten, aber nicht den Hochwächter aus, weil zu besorgen war, unter dem Verantworten rutsch' er droben aus. Den optischen Wagen, mit welchen der Teufel den im Angstkreise befestigten Magister zu überrennen drohte, kam endlich ein wahrer nachgefahren, worin der künftige – Landschaftsdirektor sass. Ach lieber Gott! – Der Direktor schöpfte ohnehin allezeit beim Minister die ganze Gallenblase voll bitterer Extrakte ein, bloss weil er dort artigere und stillere Kinder vorfand, ohne doch zu bedenken – wie hundert Väter, die hier mit angefahren werden müssen –, dass Kinder wie ihre Eltern sich Fremden besser präsentieren, als sie sind, und dass ihnen überhaupt das Stadtleben statt der höckerigen dicken Borke des Dorflebens die glatte weisse Birken-Folie überlege, indes sie am Ende, wie ihre Eltern und Hofleute, nur gleich Kastanien an der Aussenschale abgeschliffen, innen aber verdammt borstig anzufühlen sind. So gewiss werden den feinsten Mann vom land immer wenigstens Prinzen und Minister überlisten, die zehn Jahr alt sind, – gesetzt auch, er nehm' es leichter mit ihren Vätern auf.
Als Wehrfritz seinen Pflegesohn auf dem Schreckhorne horsten sah und den Schachtelmagister