, beinahe Heiligkeit gegolten. "Nur" (setzte Linda hinzu) "hatten sie in der Sittlichkeit, wie in der Kunst, Vorurteile des feinen Geschmacks und mehr Zarteit als Genie."
Sie gingen zum dorf hinaus, der schönsten Abendsonne entgegen; auf den Bergen antworteten sich Alphörner, und im Tale gingen heitere Greise zu leichten Geschäften. Diese grüsste Idoine mit besonderer Liebe, weil es, sagte sie, nichts Schöneres gebe als Heiterkeit auf einem alten Gesicht, und unter Landleuten sei sie immer das Zeichen eines wohl und fromm geführten Lebens.
Linda öffnete ihr Herz der goldnen Gegenwart und sagte: "Wie müsste dies alles in einem Gedicht erfreuen! Aber ich weiss nicht, was ich dagegen habe, dass es nun so in der wirklichen Wirklichkeit da ist."
"Was hat Ihnen" (sagte Idoine scherzend) "diese genommen oder getan? Ich liebe sie; wo sind Sie für uns denn anders zu finden als in der Wirklichkeit?" – "Ich" (sagte Julienne) "denke an etwas ganz anderes: man schämt sich hier, dass man noch so wenig tat bei allem Wollen. Vom Wollen zum Tun ist es hier doch weit" (fügte sie dazu, indem sie den kleinen Finger aufs Herz aufsetzte und die Hand vergeblich nach dem Kopf ausspannte) – "Idoine, sagen Sie mir, wie kann man denn ans Grosse und Kleine zugleich denken?" – "Wenn man ans Grösste zuerst denkt" (sagte sie) – "Wenn man in die Sonne hineinsieht, wird der Staub und die Mücke am sichtbarsten. Gott ist ja unser aller Sonne."
Die Erden-Sonne stand ihnen jetzt tief auf einer unabsehlichen Ebene unter milden Rosen des himmels entgegen – eine ferne Windmühle schlug breit durch die schöne Purpur-Glutan den Bergabhängen sangen Kinder neben den geweideten Herden, und ihre kleinern Geschwister spielten bewacht – die Abendglokke, welche in Arkadien allzeit unter dem Scheiden der Sonne gezogen wurde, wiegte die Sonne und Erde mit ihren Tönen ein – nicht nur jugendlich, sogar kindlich lag das sanfte Dörfchen und seine Welt um sie her – kein Sturm, dachte man, kann hereingreifen in dies sanfte Land, kein Winter im schweren Eispanzer hereinschreiten, hier ziehen nur, dachte man, Frühlingswinde und Rosenwolken, keine Regen fallen als Frühregen und keine Blätter als der Blüten ihre, nur Staub aus Blumen kann steigen, und den Regenbogen halten nur Vergissmeinnicht und Maiblumen auf ihren blau und weissen Blättchen – die Gegend und alles und das Leben schienen hier nur eine unaufhörliche Morgendämmerung zu sein, so frisch und neu, voll Ahnung und Gegenwart ohne Glut und Glanz, und mit einigen Sternen über dem Morgenrot.
Kinder mit Ähren-Sträussern in der Hand sassen auf fremden Wagen voll Garben und fuhren stolz herein.
Idoine hing mit inniger Liebe, als wär' alles neu durch diesen Abend, an den doppelten Gruppen. "Nur der Landmann allein ist so glücklich," (sagte sie) "dass er in allen arkadischen Verhältnissen seiner Kindheit fortlebt. Der Greis sieht nichts um sich als Gerätschaften und arbeiten, die er auch als Kind gesehen und getrieben. Endlich geht er jenen Garten drüben hinauf und schläft aus." – Sie zeigte auf den Gottesacker am Berge, der ein wahrer Garten mit Blumenbeeten und einer Mauer aus Fruchtbäumen war. Julienne blickte erschüttert hin, sie sah den schwarzen Vorhang zittern, hinter welchen ihr kranker Bruder bald getrieben wurde.
Mit durchsichtigem Abend-Goldstaub war der Garten überweht – der laute Tag war gedämpft und das Leben friedlich, Ölzweige und ihre Blüten sanken aus dem stillen Himmel langsam nieder. – "Dort ist der einzige Ort," (sagte Idoine) "wo der Mensch mit sich und andern einen ewigen Frieden schliesset, sagte so schön zu mir ein französischer Geistlicher." – "Solchen christkatolischen Jammergedanken" (versetzte Linda) "bin ich so gram wie den Geistlichen selber. Wir können so wenig eine Unsterblichkeit erleben als eine Vernichtung." – "Ich verstehe' das nicht" (sagte Julienne) – "ach Idoine, wenn es nun keine Unsterblichkeit gäbe, was täten Sie?" – "J'aimerois"202, sagte sie leise zu ihr.
Plötzlich wurde vor ihnen wie aus weiter Ferne gesungen: "Freut" – dann spät "euch des" – endlich "Lebens" – "Das ist aus dem Gottesacker das Echo", sagte Idoine und suchte zur Rückkehr zu bereden. "Echo und Mondschein und Gottesacker zusammen" (fuhr sie scherzend fort) "sind wohl zu stark für Frauenherzen." – Dabei berührte sie ihr Auge mit einem Wink an Julienne, gleichsam als tu' es ihr weh, dass die Gräfin nur hinter dem Nebel ihrer Augen den schönen Abend von fernen stehen sehe. "Die Singstimme klingt mir so bekannt", sagte Linda. "Roquairol ist es, nichts weiter, wollen wir fort!" sagte Julienne; aber Linda bat zu bleiben, und Idoine willigte höflich ein.
Nun gab das Echo – das Mondlicht des Klangs – wieder Töne wie Totenlieder aus dem Toten-Chor; und es war, als sängen die vereinigten Schatten sie in ihrer stillen Woche unter der Erde nach, als regte sich der Leichenschleier auf der weissen Lippe und aus den letzten Höhlen tönte ein hohles Leben wieder. Das Singen hörte auf, Alphörner fingen auf den Bergen an. Da ging wieder das Nachspiel des Tonspiels feurig herüber,