, von der Trauer so alt, kalt, still und höflich, so kalt gegen die Zeit und die Menschen (ausgenommen das Ebenbild ihrer Tochter), besonders gegen Linda, deren kecker, entschiedner, philosophischer Ton ihr unweiblich und eine Trommete an zwei Frauen-Lippen zu sein schien.
Der künftige Erbprinz von Hohenfliess entfernte sich zum Glücke bald von einem so unbequemen Ort, wo er auf einem Schiffbruchsbrett statt in einer Gondel fuhr. Nachdem er Julienne mit Anteil um das Befinden ihres Bruders, seines jetzigen Vorfahrers, gefragt – und sie und Linda an ihre und seine welsche Reise erinnert hatte: so wurde' er über Juliennens Kaltsinn und über die moralischen gespräche der Weiber und über einen gewissen sittlichen Gewitterdruck – den Lüstlinge bei Weibern empfinden, wo alles Rauhe, die Selbsucht, die Anmassung als Misston schreiet – und über die allgemeine plagende Heuchelei wofür er sogleich alles nehmen musste – so verdrüsslich und verstimmt, dass er leicht aufbrach und dieses Schäferleben um den einzigen Wolf verkürzte, der darin schlich. Lüstlinge halten es unter vielen edlen Frauen, gedrückt von deren vielseitigen scharfen Beobachtungen, nie lange aus, obwohl leichter bei einer allein, weil sie diese zu verstricken hoffen. Was ihm am wehesten tat, war, dass er sie alle für Heuchlerinnen erklären musste. Er fand keine gute Weiber, weil er keine glaubte; da man sie glauben muss, um sie da zu sehen, wo sie sind; so wie die Tugend üben, um sie zu kennen, nicht umgekehrt.
Mit ihm schien eine schwarze Wolke aus diesem Eden und Äter wegzuziehen. Die Ministerin erhielt eine Karte von ihrem Sohne Roquairol, der eben angekommen, und ging auch – zu Juliennens Freude, die an ihr ein kleines Hindernis ihres Bekehrungsplans für Linda fand, weil diese die Ministerin für eine einseitige, enge, bängliche, unnachgiebige natur ansah. Idoine bat die beiden Jungfrauen, ihr kleines Reich mit ihr zu bereisen. Sie gingen hinab ins reine weite Dorf. Auf den Treppen begegneten ihnen heitere dienstgefällige Gesichter. Aus den fernen Zimmern des Schlosses hörte man bald Singen, bald Blasen. Wie am Vogel sich das glänzende Gefieder schnell und glatt in- und auseinanderschiebt: so bewegten um Idoine sich alle Geschäfte; ihre ökonomische Maschine war keine plumpe knarrende Turmuhr, sondern eine spielende Bilderuhr, welche hinter Töne die Stunden, hinter Bilder die Räder versteckt.
In einem Wiesengarten spielten die jüngsten Kinder wild durcheinander. Herrnhutische und holländische Reinlichkeit hatten das Dorf zu einer glatten hellen Putzbude gewaschen und gemalt. neu und blank hing der Eimer über dem Brunnen unter der LindenRotunda des Dorfs war die Erden-Diele sauber gekehrt – überall sah man reine, ganze, schöne Kleider und freudige Augen – und Idoine zeigte unter der fremden Heiterkeit bedeutenden Ernst in den Blicken, womit sie ihr Arkadien Blume nach Blume prüfte.
Sie führte ihre Freundinnen über die verschiednen Sonntags-Tanzplätze der verschiednen Alter, vor dem haus des Amtmanns vorüber, worin die Ministerin wohnte und jetzt, zu Juliennens Furcht, ihr Sohn war, in die helle schmucklose Kirche. Bald kamen ihr der Pfarrer und Amtmann, für welche das Vorübergehen ein Wink gewesen, in die Kirche nach und holten von ihr Aufträge; beide waren junge schöne Männer mit offner Stirn und ein wenig Jugendstolz. – Als man aus der Kirche war, sagte sie: durch diese jungen Männer regiere sie über den Ort, und sie selber lenke sie sanft; nur junge seien mit Hass und Mut gegen den Schlendrian und mit Entusiasmus und Glauben ausgerüstet. Sie setzte scherzhaft dazu, nichts beherrsche sie als eine Schule von Mädchen, an der ihr mehr gelegen sei als an der andern, weil Erziehung Angewöhnung sei und diese ein Mädchen mehr als ein Knabe brauche, dem die Welt doch keine lasse; und sie habe einigen Hang, eine la Bonne zu sein, weil sie es schon als Mädchen oft bei ihren Schwestern habe sein müssen.
Sie führte beide darauf in mehrere Häuschen; überall fanden sie ausgeweisste geordnete Zimmer, Blumen und Weinreben an Fenstern, schöne Weiber und Kinder, und bald eine Flöte, bald eine Violine, und nirgends ein spinnendes Kind. In allen hatte sie Aufträge zu geben, und was blosser Spaziergang schien, war auch Geschäft. Sie zeigte einen scharfen Durchblick durch Menschen und ihr verwachsenes Treiben und einen Geschäftsverstand, der das Allgemeine und Besondere zugleich besass und verknüpfte: "Ich wünschte freilich auch" (sagte sie) "nur Freuden und Spiele um mich; aber ohne Arbeit und Ernst verdirbt das Beste in der Welt; nicht einmal ein rechtes Spiel ist möglich ohne rechten Ernst." – Linda lobte sie, dass sie alle an Musik gewöhnte, diesen rechten Mondschein in jedem Lebens-Dunkel; "ohne Poesie und Kunst" (setzte sie dazu) "vermoose und verholze der Geist im irdischen Klima." – "O was wäre ohne Töne der meinige?" sagte Idoine feurig.
Linda fragte nach dem Bürgerrechte in diesem heitern staat. "Meistens bekamen es Schweizerfamilien," (sagte Idoine) "die ich an Ort und Stelle selber kennen lernte auf meiner Reise. Nach den Französinnen stell' ich sogleich meine Schweizer." – Julienne versetzte: "Sie sagen mir Rätsel vor." Sie lösete ihr sie, und Linda, die kurz nach ihr in Frankreich gewesen, bestätigte es, dass da unter den Weibern von gewissem höhern Ton, zu denen kein Crebillon je hinaufgekommen, eine in Deutschland ungewöhnliche Ausbildung der zartesten Sittlichkeit