zum flimmernden Farben-Weltkügelchen aufbläset? Es ist eben Mitternacht; ich muss jetzt in die Kirche gehen, meine Vesper-Andacht zu halten.
drei Wochen später
Nota bene!
Gewissermassen war ich seit deiner Reise verdammt unglücklich bis diesen Morgen gegen 1 Uhr; – um 2 Uhr fasst' ich meinen Entschluss, jetzt um 5 die Feder, um 6, wenn ich ausgetrunken und ausgeschrieben, den Reisestab, dessen Stachel nach 2 Monaten in den Pyrenäen steht. O Himmel! musste etwas Gestacheltes längst neben mir stehen, was ich so lange für einen Herisson nahm, indes es die beste Spielwalze voll Stifte ist, aus der ich nichts Geringeres (ich drehte sie vor einigen Stunden) haben kann als das beste Flötengedackt – unverfälschte Sphären- und Kreismusik zu den Bravourarien der drei Männer im Feuer einen ganzen lebendigen Vaucansons-Flötenspieler von Holz und unerhörte Sachen, womit die Maschine nicht sich einen Bruch bläset, sondern einigen Spitzbuben, wovon ich vorzüglich den Kahlkopf nenne?
O höre, Jüngling! Es geht dich an. Ich will deinetwegen, was die Welt offenherzig nennt, jetzt sein, nämlich unverschämt, denn wahrlich ich decke lieber meinen Steiss als mein Herz auf und bin weniger rot.
Es gab einmal in alten zeiten eine junge Zeit, eine voll Feuer und Rosen, wo der alte Schoppe seines Orts auch jung genug war – wo der alerte, anschlägige Vogel leicht heraushatte, wo der Hase liegt und die Häsin – wo der Mann sich noch mit den bekannten vier Weltteilen in Güte setzte, oder auch ebenso leicht wie ein Stier mit dem Horn nach jeder Fliege stiess – wo er, jetzt ein Silberfasan kühler Zeit, noch als ein warmer Goldfasan im ganzen Welschland auf- und abschritt oder flog und bald auf Buonarottis Moses sass, bald auf dem Coliseo, bald auf dem Ätna, bald auf der Peterskuppel und vor Lust krähete, die Flügel schlug und gegen Himmel stieg.
Es war nämlich dieselbe Zeit, wo der noch ungerupfte Sturmvogel einmal in Tivoli sich durch die Wasserfälle hin- und herschwang, kostbar selig war und da gelegentlich – plötzlich – oben – in Vestas Tempel – zum ersten Male – weiter nichts erblickte als – die Prinzessin di Lauria, nachher, mutmass' ich, von einem Vliesritter weggeholt als sein güldnes Vlies. Solche sehen – sich aus einem Sturmvogel in einen Tauber an der Venus Wagen verwandeln – von Gespann und Zügel sich abreissen – vor jene Göttin fliegen – sie in immer engern Kreisen umziehen, das alles war nicht eins, sondern dreierlei. Ich musste erst zu einem Paradiesvogel wachsen und mich färben, um in ein Paradies zu fliegen; ich musste nämlich Malerei erlernen, um vor Sie zu dürfen.
Als ich endlich den Porträt-Pinsel und die Silhouetten-Schere in der Gewalt hatte und an einem Morgen mit beiden vor der Prinzessin und dem Fürsten erschien, musst' ich ihn selber malen und schneiden; seine Tochter war schon vermählet und heimlich abgereiset; denn dein Grossvater weissagt (anstatt wie andere ihr Treiben voraus) seines nur hintennach und öffnet den Mund bloss zum – hören.
Ich schnitt ihn schnell aus, den Mann – packte ein – ging in alle Welt – nach beinah drei Jahren stand ich auf der zehnten Terrasse der Isola bella ganz unerwartet vor der Gräfin Cesara Himmel und Hölle! welch ein Weib war deine Mutter! Sie warf jeden in beide auf einmal, ich weiss nicht ob deinen Vater auch. Schreiber dieses stand in seiner letzten ornitologischen Verwandlung vor ihr, als stiller Perlhahn (Tränen müssen die Perlen sein), und konterfeiete sie ab, nach wenigen Wochen.
Sie hatte zwei Kinder, dich – deiner schon damals geschärften Bildung entsinn' ich mich klar – und deine Schwester, die sogenannte Severina. Dein Vater war nicht da, aber sein Wachsbild, wornach ich ihn gleich achtzehn Jahre später in Rom wieder erkannte. Auch deine Schwester war noch wächsern wiederholt, nur du nicht. Eine dir von weitem ähnliche Wachsfigur, die dich als einen Mann vorgaukelte, stellte der Bruder deines Vaters, der mit da war, dir immer als einen Flügelmann deiner Zukunft vor, sagte, du seiest hier im voraus kubiert und schon ins Grosse getrieben, von der Flasche auf das Fass gefüllt, um dich anzufeuern, damit du erwüchsest. Man musste dir eine ähnliche Uniform, wie der Wachsmann trug, anziehen – ich weiss nicht welche – Du fordertest dann keck, um deinen eignen Mikromegas schreitend, ihn heraus, aus der Zukunft in die Gegenwart. Jetzt weisst du, was du geworden, und magst wohl wieder und mit mehr Recht so stolz auf den Kleinen herabsehen wie der Kleine sonst zu dem Grossen hinauf. Ich wollte nie deinem Oheim diese Maschine der geistigen Streckbarkeit guteissen; dabei hab' ich vor allen WachsMarionetten einen so hassenden Schauder!
Mein einziger Zweck auf der schönen Insel war die Abreise von ihr und von der schönen Insulanerin, sobald ich diese abgemalt hätte. Dummes Jahrhundert, sagt' ich, will ich denn mehr von dir? Sie sass mir gern – wie auf einem Tron – ich riss, halb im Gewitter, halb im Regenbogen wohnhaft, sie ab und musst' ihr natürlich das Bild lassen unkopiert. Aber, Jüngling, einige Buchstaben, die meinen damaligen Namen formierten und die ich aufs Bild an der Stelle des Herzens unter die wasser-Farben schrieb und versteckte, können für dich ein Tetragrammaton, elf Sonntagsbuchstaben und Lesemütter (matres lectionis) deines Daseins werden, falls