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, dass seine Augen-Schwäche sehr gut ohne seinen Schaden von Jahr zu Jahr wachsen könnte, weil die Periode seiner gänzlichen Erblindung über sein ganzes langes Leben hinausfiele bloss auf sein Grab, so sollt' ich annehmen, dass meine Schwäche so stufenweise aufschwellen könnte, dass ich keine petites maisons brauchte als den Sarg selber; so dass ich vorher dabei heiraten und amtieren möchte wie jeder andere rechtschaffene Mann.

Was ich hiermit bezwecke, ist bloss, mich hierüber mit irgendeinem Menschenfreunde (er sei aber philosophischer Arzt!!) in Korrespondenz zu setzen. Meine Adresse hat die Expedition des Reichsanzeigers. Näher bekannt mach' ich mich vielleicht körperlich und bürgerlich in eben diesem Blatte auf dem Blatte, wo ich eine Gattin suche. Pestitz, den Februar.

S–s, L–d, L–r, G–l, S–e.

Albano, du weisst, unter welchem Gebüsch mein Ernst liegt. Der Reichs- und Schoppens-Anzeiger hat acht Gründe für die Sache, die nicht nur mein Ernst sind, sondern auch mein Spass. Seit der Kahlkopf mir nach einem Jahre den Aufgang meines tollen Hundssterns ansagte, sah ich immer die Aurora dieses Fix-Gestirns vor mir und sah mich daran zuletzt blind und feige; ich muss es heraussagen. O ich hatte im Januar, Bruder, acht furchtbare Träume hintereinandernach der Zahl der Gründe im Anzeiger und selber unter den achten Grund gehörig –, Träume, worin ein wilder Jäger des Gehirns durch den Geist jagte und ein reissender Strom voll Welten, voll Gesichter und Berge und hände walleteich will dich nicht damit ängstigenDante und sein Kopf sind Himmel dagegen.

Da wurde' ich verdrüsslich über die Feigheit und sagte zu mir: 'Hast bisher so lange gelebt und die reichsten Ladungen leicht ins wasser geworfen, sogar diese und die zweite Welt, und dich von allem, und von Ruhm und von Büchern und Herzen so rein entkleidet und hast nichts behalten als dich selber, um damit frei und nackt und kalt auf der Kugel zu stehen vor der Sonne: auf einmal krümmst du dich unversehends vor dem blossen tollen fixen Gedanken an eine tolle fixe idee, die dir jeder Fieber-Pulsschlag, jeder Faust-Schlag, jedes Giftkorn in den Kopf graben kann, und verschenkst auf einmal deine alte göttliche Freiheit Schoppe, ich weiss gar nicht, was ich von dir halten soll; wer irgend etwas noch fürchtet im Universum, und wär' es die Hölle, der ist noch ein Sklave.'

Da ermannte sich der Mann und sagte: ich will das haben, was ich fürchtete; und Schoppe trat näher an den breiten hohen Nebel, und siehe! es war (man hätte sich gern auf der Stelle hineingebettet) nur der längste Traum vor dem längsten Schlaf, mehr nicht, was sie Wahnsinn nennen. Geht man nun auf einige Zeit z.B. in ein Irrhaus zum Scherz: so kann man den Traum haben, lässt es sich sonst alles so dazu an wie bei manchem. Und dahinein will ich nun allgemach sinken, in den Traum, wo an der Zukunft die Dolchspitze abgebrochen ist und an der Vergangenheit der Rost abgewischtwo der Mensch ohne Störung in dem Schattenreich und dem Barataria-Eiland seiner Ideen das regierende Haus allein ist und der Johann ohne Land und er wie ein Philosoph alles macht, was er denktwo er auch seinen Körper aus den Wellen und Brandungen der Aussenwelt zieht und Kälte, Hitze, Hunger, Nervenschwäche und Schwindsucht und Wassersucht und Armut ihn nicht mehr antasten und den Geist keine Furcht, keine Sünde, kein Irrtum im Irrhauswo die 365 Träume jährlicher Nächte sich in einen einzigen, die flüchtigen Wolken in ein grosses Glut-Abendrot zusammengewebt

Da sitzt etwas Böses! Der Mensch muss imstande sein, sich seinen Traum, seine gute fixe ideedenn ein hoher Ameishaufen der grimmigsten und der liebreizendsten wimmelt vor ihmmit Verstand auszuklauben und zuzueignen, sonst kann er so schlimm fahren, als wär' er noch bei Verstand. Ich muss nun besonders meine Anstalten treffen, dass ich einen liebreichen favorablen Fix-Wahn finde und anerkenne, der gut mit mir umgeht. Kann ichs dahin bringen, etwa der erste Mensch zu sein im irrigen hausoder der zweite Momusoder der dritte Schlegeloder die vierte Grazieoder der fünfte Kartenkönigoder die sechste kluge Jungfrauoder die siebente weltliche Kuroder der achte Weise in Griechenlandoder die neunte Seele in der Arche oder die zehnte Museoder der 41ste Akademikeroder der 71ste Dolmetscheroder gar das Universumoder gar der Weltgeist selber: so ist allerdings mein Glück gemacht und dem Lebens-Skorpion der ganze Stachel weggeschlagen. Aber was steht nicht noch für goldnes edelsteinernes Glück offen! Kann ich nicht ein sehr begünstigter Liebhaber sein, der den Sonnenkörper einer Geliebten den ganzen Tag im Himmel ziehen sieht und hinaufschauet und ruft: ich sehe nur dein SonnenAuge, aber es genügt? – Kann ich nicht ein Verstorbner sein, der voll Unglauben an die zweite Welt in solche gefahren ist und nun da gar nicht weiss, wo er hinaus soll vor Lust? – O kann ich nicht denn der kürzere Traum und das Alter verkindern ja schon wieder ein unschuldiges Kind sein, das spielt und nichts weiss, das die Menschen für Eltern hält und das nun einen aus der bunten Blase des Lebens zusammengefallenen Tränentropfen vor sich stehen hat und den Tropfen wieder mit der Pfeife geschickt