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, die sich der Mensch über jeden höhern Geist so keck und froh erlaubt, mit allen seinen Taten oder Farben vorzuschildern, als wären Taten oder Farben Striche und Umriss. Wehrfritz und Wehmeier bedauerten, dass er toll würde, wenn er es nicht schon sei. Der Magister hielt mit seinem Hauptbeweise zurück, bis der Landschaftsdirektor die kleineren Nebenbeweise beigebracht.

Sein Leben unter diesem Schlossdache wurde abund aufgedeckt, aber im guten. Er hatte bisherso gingen die Berichte nichts Reelles oder Solides "bezweckt". Wehrfritz schwur, er habe selber zugesehen, dass er die Literaturzeitung so gelesen, wie sie ineinander Halbbogen-weise steckte, und sagte, dass er es freilich weniger der Tollheit als einer Geistes-Abwesenheit zuschreibe, weil er wisse, mit welcher Lust er immer den Reichsanzeigerden solcher selber für den Torschlüssel der Reichsstadt Deutschland erkläretin die Hand genommen und verständig durchgegangen. Mitten in der Gesellschaft hab' der Bibliotekar seine hände angesehen mit den Worten: "Da sitzt ein Herr leibhaftig und ich in ihm, wer ist aber solcher?" – Gearbeitet hab' er sehr wenig, Bücher von Gewicht, wie Herr Wehmeier wisse, selten angesehen, leichter die allerschlechtesten von Bauern, z.B. ganze Traumauslegebücher. – Sein liebster Umgang sei ihm sein Wolfshund gewesen, mit dem er stundenlang ordentlichen Diskurs geführt und von dessen Murren er ernstaft behauptet, es klinge wie ein sehr ferner Donner. – Gern sei er vor dem Spiegel gesessen und habe sich in ein langes Gespräch mit sich eingelassen; zuweilen hab' er in die camera obscura gesehen, dann schnell wie der in die Gegend, um beide zu vergleichen, und habe unoptisch genug behauptet, die laufenden regen Bilder der camera würden von der äussern Welt vergrössert, aber täuschend nachgeäfft. "Ein schlauer Vogel" (setzte der Direktor dazu) "bliebs bei alledem; verschiedene meiner Bekannten auf den benachbarten Rittersitzen liessen sich von ihm malen, weil er es wohlfeil gab; er wusste aber immer etwas ins Gesicht einzuschieben, dass einem die Physiognomie ganz lächerlich oder einfältig vorkam; und das hiess er sein Schmeicheln. natürlich sass ihm in die Länge nichts Honettes mehr."

"Wär' es mir verstattet," (fing Wehmeier an) "so würde' ich jetzt dem Herrn Grafen ein Faktum vom Herrn Bibliotekar mitteilen, das vielleicht, das ist wenigstens meine Meinung, so frappant ist als manches andere. Die Schulwohnung ist, wie Sie gewiss noch wohl wissen, dicht an der Kirche." Darauf gab er in einer langen Erzählung diese: Einst sei in der tiefen Mitternacht die Orgel gegangenEr habe an der Kirchtüre gelauscht und Schoppen deutlich einen kurzen Vers aus einem Hauptlied singen und orgeln hörenDarauf sei dieser laut vom Chore herab und auf die Kanzel hinaufgestiegen und habe eine Kasualpredigt an sich selber mit den Worten angefangen: "Mein andächtiger Zuhörer und Freund in Christo" – Im Exordium hab' er das stille, leider so schnell vergangne Glück vor dem Leben berührt, obwohl nicht nach rechter Homiletik, da der zweite teil fast den Eingang repetieretdarauf einen Kanzelvers mit sich gesungen und aus Hiob, Kap. 3 wo dieser die Freude des Nicht-Seins zeigt, den 26sten Vers verlesen, der so lautet: "War ich nicht glückselig? war ich nicht fein stille? hatte' ich nicht gute Ruhe? Und kommt solche Unruhe" – Vorgestellt hab' er sich: die Leiden und Freuden eines Christen; im ersten teil die Leiden, im zweiten die FreudenHierauf hab' er, aber auf närrische Art und Sprache, aber doch auch mit Bibelsprüchen, die Not auf der Welt kurz zusammengedrängt, worunter er sehr unerwartet sonderbare Sachen, lange Predigten, die beiden Pole, hässliche Gesichter, die Komplimente, die Spieler und die WeltDummheit, gezählt Darauf sei er zum Trost im zweiten Teile vorgeschritten und habe die künftigen Freuden eines Christen beschrieben, welche, wie er lästerlich gesagt, in einer Himmelfahrt ins zukünftige Nichts, in dem tod nach dem tod beständen, in einer ewigen Befreiung vom IchDa hab' er, grausend sei es zu hören gewesen, die benachbarten Toten unten in der Kirche und in der fürstlichen Gruft angeredet und gefragt: ob sie zu klagen hätten "Ersteht," (sagt' er) "setzt euch in die Stühle und schlagt die Augen auf, falls sie nass sind. Aber sie sind trockner als euer Staub. O wie liegt die unendliche Vorwelt so still und schön gewickelt in den eignen Schatten, auf das Bette der Selbst-Asche weich gelegt, und hat nicht ein Traum-Glied mehr, in das eine Wunde geht. Swift, alter Swift, der du sonst so sehr in der letzten Zeit nicht bei verstand warst und an jedem Geburtstage das ganze Kapitel durchlasest, woraus der heilige Text unserer Erntepredigt genommen ist, Swift, wie bist du nun so zufrieden und gänzlich hergestellt, der Hass deiner Brust ausgebrannt, die Zahlperle, dein Ich, in der heissen Träne des Lebens endlich zerbeizt und zerlassen, und diese steht allein hell da! – Und du hattest vor dem Küster gepredigt wie ich." – Hier habe Schoppe geweint und sich über die Rührung, Gott weiss vor wem, entschuldigtDarauf sei er an die Nutzanwendung gegangen und habe scharf auf Besserung des Zuhörers und Predigers gedrungen, auf lautere redliche Wahrhaftigkeit, Freundestreue, stolzen Mut, bittern Hass der Süsslichkeit, des Schlangengangs