von Albanos glänzender Gegenwart ein wenig scheu, getraueten sich nur schwer mit der alten einheimischen Vergangenheit hervor, indes der Pflegevater Wehrfritz, in seinen Meinungen und Sitten fortgewachsen, noch in das alte Geschrei der Kanarienvögel und Hunde eingefasset, gar keine Zeit kannte, dem Pflegesohne innigen Dank für die verbindliche Erinnerung und Wahl seiner Geburtstagsfeier sagte, den Albano notwendig und vergeblich ausschlug, im vorigen Du und Vaterwesen fortfuhr, sich über die Franzosen und ihre künftigen Siege entzückte und jetzt dem ältern Pflegesohne mehr Prämien des Lobes als jemals dem jüngern bewilligte, um ihm dadurch, hofft' er, ein so grosses Vergnügen zu machen wie sonst. Der Magister unterstützte von weitem das Lob, ob er gleich nicht unterlassen konnte, sofort, als sein Schüler Napel, Baja, Cuma ausgesprochen hatte, eine gelegenheit zu ergreifen, um Neapel, Bajä, Cumä auszusprechen. Albano war rein, wahr, menschlich, offen und herzlich gegen alle; Eitelkeit war nicht in seinem selbstvergessenen Stolz.
Rabette fand endlich ein Hebezeug, den glänzenden und doch trauten Bruder aus dem Gastzimmer in ihres oder sein voriges aufzuwinden, um allein zu sein an seiner Brust. Als sie hineintraten, so fing sie sogleich mit den Worten: "Kennst du die stube noch, Albano?" unendlich zu weinen an mit den so lange gesammelten Tränen; und Albano zeigt' ihr in den seinigen sein langes bisheriges Mitleiden, riss aber dadurch die ganze wundenvolle Vergangenheit auf. Sie griff selber zum Heilmittel, zum Erzählen – so sehr er auch vorschützte, er wisse und errate ja alles –; und berichtete, die Augen trocknend, wie alles stehe – und "dass Karl viel bei seiner Mutter in Arkadien sei – dass der Minister noch gegen das einzige Kind den alten Wütrich mache und ihm nicht einen heller mehr als sonst zuschiesse, ob er gleich immer grosse und grössere Schulden häufe, zumal seitdem keine Liane sie mehr im stillen tilge – dass er überall borge, nur aber von ihr nichts annehme – dass er noch immer weiter nichts begehre und kenne als die Gräfin – und dass Gott wisse, wohinaus das alles noch wolle". – Allem fragen zuvorkommend, setzte sie dazu: "Er weiss schon jetzt alles, dein ganzes Leben mit derselbigen person – er tut dabei still und lustig, aber ich kenn' ihn genugsam. Ach!" seufzete sie in der Jammer-Fülle und setzte sogleich mit derselben stimme dazu: "Du siehst mich an, nicht wahr, du findest mich sehr mager gegen sonst?" – "Jawohl, arme!" sagte er. "Ich trank viel Essig seinetwegen, weil Karl schlanke Taillen liebt; und der Gram tut auch viel", sagte sie.
Albano wollte sie trösten mit der nähern Möglichkeit einer Verbindung Karls mit ihr, seit der entschiednen Unmöglichkeit jeder andern, und bot sich ihr gern zu jedem Vorwort und Zwangsmittel an; – "er ist vor Gott und uns dein Mann", sagt' er. "Das hat er nie" (versetzte sie errötend) "sein mögen, nämlich honett; ich schrieb dir ja, dass ich jetzt auch zu stolz bin dazu." Nichts bestach ihn mehr als sittlicher Stolz: "So wirf ihn einmal weg auf immer!" sagt' er. – "Ach," (sagte sie bänglich) "weiss ich denn, dass er kein Leid gegen sich selber vorhat? – Dann würf' ich mir es ewig vor." Unwillkürlich musste er mit dieser liebenden heiligen Furcht die Härte der Fürstin vergleichen, die es so froh und stolz erzählen konnte, dass manches verliebte Leben das Opfer ihres spröden Herzens und koketten Gesichts geworden. "Was willst du nun tun?" fragt' er. "Ich weine" (sagte sie) – "ach Alban, das ist ja genug, dass du mir Gehör und Rat gegeben; ich bin wieder ganz heiter. Aber werde wieder sein Freund."
Er schwieg, über die weibliche Unart ein wenig erzürnt, die unter dem Vorwand, Rat zu suchen, nur Gehör verlangt. "Was ist das," (fragt' er, ein Blatt ihr zeigend) "das ist völlig meine Hand, und ich hab' es nie geschrieben?" – Sie sah es an und sagte: "Karl probiere oft so in den Händen bei ihr." Es wunderte ihn, und er sagte: "Überall nur Nachspielen und Nachmachen! Aber wie kannst du denken, dass ich ihm vergebe?" – Einige Reisebeschreibungen auf ihrem sonst bücherarmen Nachttisch fielen ihm auf; "ich wollte doch wissen," (sagte sie) "wie es dir etwa da und dort mochte ergehen, und las deshalb das lange Zeug." "Du bleibst meine Schwester!" sagt' er und küsste sie herzlich. Sie fragte ihn noch viel und zudringlich über sein neues Verhältnis, aber er eilte wortkarg mit dem vollen Herzen hinab. –
Das erste Wort drunten an den Landschaftsdirektor war die Bitte um das "deponierte Schoppische Schreiben". Wehrfritz brachte den im Eisenkästchen der Schuldscheine aufbewahrten breiten Brief und lieferte ihn hoffentlich, wie er sagte, richtig ab. Kaum hielt Albano die Tränen zurück, als die krausen, aber werten Spuren der geliebten Hand, die gewisslich nie im Leben gewankt oder sich befleckt, in der seinigen hielt. Da er nichts erbrach, so fingen sie alle gutmütig an, ihm seinen Freund Schoppe nach den Mutmassungen und Ansichten