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Ingrimm gegen diese selber waren ja für sie Flammen genug, um daran den stärksten Gift zu kochen.

Er wohnte wieder auf des Vaters Ersuchen bei dem für ihn unbedeutend in der Tiefe liegenden Doktor Sphex; und Gaspard wieder im Schloss nahe am kranken Freund. Der Ritter stellte ihn schnell dem hof vor, der das Reise-Braun, den schärfern Augen-Blitz und die ganze letzte Entwicklung seiner grossen Gestalt schnell bemerkte und bemerken liess. Die Fürstin empfing ihn mit der leichtesten feinsten Kälte, gleichsam einer aqua toffana, die nur reines geschmackloses wasser scheint. Der Fürst sass im Krankenbette aufrecht mit verdrüsslichem Gesicht vor herkulanischen Zeichnungen und liess sich darüber von Bouverot belehren. Wie ein Gesicht, auf welchem in den späten grauen Jahren des Lebens noch schöne Freudigkeit sich bilden kann, ein schönes Leben und schönes Herz verkündigt: so lächelt der Heilige nie himmlischer als auf dem Krankenbette, und der Verlorne nie härter als eben da. Albano wandte sein Auge ab vom siechen verzerrten Bruder seiner Schwester.

Schmachtend sah er nach dem vergangnen Hesperien zurück und auf die Paradieses-Pforte hin, die endlich aufgehen und Linda und die Schwester im Eden zeigen sollte. "Es wird dir recht sein," (hatte Gaspard gesagt) "dass ich es unter dem Vorwand der Krankheit Luigis gemacht, dass beide im alten Schloss zu Lilar wohnen, wo du sie unbemerkter sehen kannst." Er begegnete dem Minister Froulay, und ihm kam entgegen der Lektor; – mit beiden ging ein dunkles vielfaches Schatten-Gefolge von harten alten Erinnerungen mit. Noch hatte' er den Hauptmann Roquairol nicht gesehen, jetzt für ihn der Abendnebel eines untergegangnen Frühlingstags.

Er trug, so schnell er konnte, sein stummes Herzdas eine Äolsharfe in der Windstille warnach dem kindlichen Blumenbühl, um die elterlichen Menschen zu begrüssen und die Blätter seines nächsten SeelenNachbars Schoppe zu lesen, nach dessen versprochner Wiederkunft er sich jetzt mehr als jemals sehnte.

121. Zykel

Es war ein blauer frischer Sommertag, da Albano nach seinem alten Blumenbühl ging, ohne zu wissen, dass er es gerade an dem Jakobi- oder väterlichen Geburtstag tue, den er einmal in der Kindheit mit so seltsamen Vorspielen seines Lebens verbracht. In den alten Gärten und auf den alten Höhen umher bis nach Lilars wald hinüber lag überall noch der junge schimmernde Tau der Kindheit unvertrocknet von der Sonne Hesperiens; auch manche Tränentropfen standen darunter auf Blumen; aber sein frischer genesender Geist wehrte sich jetzt gegen weiches Verschwimmen in die laue Verflossenheit, diese Lete der Gegenwart. Im dorf wurde' er über ein Pferd, das man beschlug, betroffen, weil er es am Zeuge und allem als Roquairols Freudenpferd erkannte.

Ein fest trug er in das fest hinein, als er in die laute Vaters-stube voll Geburtstagswähler trat, blühend, entwickelt, gerade, ein befestigter Mann mit entschiednem blick und Zug. Rabette schrie auf- Roquairol rief: "Aha!" – und der alte Lehrer Wehmeier: "Gott und mein Herr!" – und seine Kindheits-Engel, die Eltern, umfassten ihn unverändert, und aus Albinens blauen Augen rannen die hellen Tropfen.

Aber verändert stand die fremde Jugend neben seiner. Rabettens Angesicht, die vorigen vollen Wangen und blühenden Lippen waren niedergefallen und mit dem aufliegenden weissen Schleier überlegt und verwachsen, und sie hatte zwei graue Tränen statt der Augen; indes lächelte sie sehr. Wie sein eigenes Gorgonenhaupt erschien Roquairols Gesicht blass und hart, gleichsam auf seinen Grabstein gehauen; nur schroffe Pfeiler standen in der Flut ohne die leichten Bogen der schönen brücke. Zu Albanos Blüten-Stamme sahen Albine und Rabette unverwandt hinauf, er schien ein italienisches Gewächs zu sein, ein Neapolitaner, im täglichen Bade des Golfs genervigt. Roquairol hatte sogleich seine Rolle in der Gewalt, leichter als Albano seine Wahrheit; er benahm sich gegen den, der ihm den Zauberstab des Lebens entzweigebrochen und als zwei Bettelstäbe hingeworfen hatte, mit der höchsten Höflichkeit, küsste ihn auf die Wange, hielt in dem leichtesten, oft französischen Sprachton aus, zog die nächsten Nachrichten über Welschland ein und gab wieder die erheblichsten, so gut er sie, sagt' er, für einen Mann mit hesperischem Massstab auftreibe, aus dem land zum besten. Auch erzählte er, "dass des Ritters Bruder dagewesen, ein Mann voll Talente, zumal mimischer Art, und von der sonderbarheftigsten Phantasie bei der höchsten Kälte des Charakters, vielleicht aber nicht immer wahr genug." – "Bei meinem Trauerspiel" (setzt' er dazu) "wär' er Goldes wert. Lieber Bruder, sei bei dieser gelegenheit auch gleich eingeladen dazu; es heisst: der TrauerspielerIch geb' es baldRabette kennts." Sie nickte, Albano schwieg unter seiner Glut. Unter allen Rollen gelang dem Hauptmann die eines Weltmanns am reinsten; auch ist der Schein der Kälte leichter und wahrer als der Schein der Wärme. Albano blieb in einem stolzen Abstande. Der gekränkten welken Rabette gegenüber konnte Roquairol durch nichts gewinnen, auch nicht durch die Vorbitte seiner Gestalt voll zertrümmerten Lebens; etwas auf ewig Verworrenes und die Wachsflügel zu einem Klumpen gequetscht fand Albano, und ihm war hier enge wie einem, der von der hellen Welt herab auf einmal in eine niedrige feuchte Kellerhöhle kriecht.

Der Hauptmann stand auf, erinnerte noch einmal an seine Bitte für den "Trauerspieler" und sprengte auf dem Freudenpferde davon.

Hinter ihm schwieg jeder von ihm wie verlegen. Die Weiber,