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Meer mit offnem Rachen über die Scylla glänzen schöne Häuser und Gassen zwischen dem Lager erschrecklicher Felsen. – Und der Gott fliegt über das Land und sieht das Kind auf der Tempelsäule am Ufer und die Göttertempel voll Mönche, die Sümpfe voll namenloser Ruinen und die Küste voll Blüten und Grottenund die blühenden Myrten und Reben und die Feuerberge und die Inselnund Ischia...."

Aber ihm entsank die bestürmte Gitarre und die stimme, das Auge ging tief in den Himmel und in das Leben des Menschen ein, und er entfernte sich, um das laute Herz zu stillen. In der kühlenden Einsamkeit bemerkte er, wie weit schon die Sonne hinabgeflogen sei wie mit Amorsflügeln durch einen kältern Himmel; – er kehrte schnell zurück, in der Abendröte schlug seine Scheidestunde aus.

Als er wiederkam, war Linda alleindenn Julienne hatte seinen Dian unter dem Vorwande, das Bilderkabinett zu besehen, von den Liebenden weggezogen, denen heute ohnehin nur ein kürzester Tag des Glücks beschieden warund die Geliebte sah ihn bedeutend an: "Dian sang eigentlich besser" (sagte sie) "und epischer, aber Euer lyrisches Wesen hab' ich doch auch sehr lieb." Sie blickte ihn wieder an, dann wieder, dann in sein Auge, dann umarmte sie ihn schnell, und kein laut erklärte den plötzlichen Kuss. "Wir wollen auf die Terrasse", sagte sie leise. Sie bestiegen die schöne Höhe der zehn Terrassen, welche mit Lorbeer und Zitronenbäumen und mit Pyramiden und kolossalischen Statuen und mit der Aussicht auf das ferne, von Dörfern und Alpen umzogne Ufer das Auge füllt und wo einst Albano seinen Vater hatte' entfliehen sehen. "Du gefällst mir immer mehr, Albano," (sagte Linda) "ich glaube fast, du kannst recht lieben; erzähle mir deine erste Liebe, ich habe dir auch erzählt." – "O Linda," (sagt' er) "wie viel begehrst du! Aber ich bin wahr und sage dir alles; du wirst Sie lieben, wie Sie dich liebte. – Sieh hier dein Bild, das Sie sterbend machte und mir gab!"

Er reichte ihr die kleine Zeichnung, und ihr Auge wurde nass. Darauf fing er leise und feierlich das Gemälde seiner ersten Liebe anwie er Sie so früh noch ungesehen und in ersten Morgenstrahlen des Lebens verehrt und gesuchtund wie er Sie fand und wie Sie glücklich machte und es nicht wurdewie sanft Sie war und er so wild und hartwie er seinen eignen Ungestüm des Herzens Ihr zumutetewie grausam er Ihre Entsagung aufnahm und wie Sie durch ihn unterging. Linda weinte mehr als gewöhnlich "O ich habe hart gehandelt, gute Linda!" sagt' er. "Nein," (sagte sie) "ich wein' über euch beide." – "Ich habe grosse Mängel", sagt' er. "Alle vergeb' ich dir," (sagte sie) "wenn du nur lieben kannst; aber das liebliche Wesen hat auch sehr gefehlt und gegen die Liebe." – Sie hielt innen, dann fragte sie leise: "Albano, ist Sie noch in deinem Herzen?" – "Ja, Linda", sagte er. "O du redlicher und treuer Mensch!" (rief sie begeistert und legte ihr Haupt an seine Brust und betete:) "heiliger Gott, gib deinen Unsterblichen alles, nur lass mir ewig dieses Menschen Brust, damit er recht geliebt wird, recht unaussprechlich, und damit ich nicht untergehe! – Willst du, Lieber," (lispelte sie plötzlich und richtete sich auf, ihn anblickend mit unendlicher Liebe und Hingebung) "dass ich in Lilar wohne, so gebiet es nur."

Dieses weibliche gehorchende Ergeben eines so freien mächtigen Geistes machte ihn sprachloswie ein Adler fasste ihn die Liebesflamme und hob ihn emporer glühte an ihrem blühenden Angesicht, und die Brautfackel der untergehenden Sonne schlug mit grossen Flammen zwischen beide herein. "Linda," (fing er endlich mit zitternder feierlicher stimme an) "wenn wir es wissen könnten, dass wir uns je verliessen oder verlören – O! Linda," (fuhr er mühsam fort unter seinen Tränen und Küssen) "wenn das möglich wäre, es sei durch meine Schuld, oder durch das kalte Schicksal: wär' es dann nicht schöner, wenn wir uns in dieser Minute hinunterstürzten in den See und in unserer Liebe stürben?" – Die Sonnenglut brannte wie eine Aurora herein, welche Jünglinge und Jungfrauen zu den Göttern entführt; und die Lebens-Dämmerung war zu hellem Morgenrot entzündet. "Wenn du das weisst," (sagte Linda) "so stirb jetzt mit mir." – –

Da weckte beide Juliennens ferne stimmeendlich kam sie selber mit Dian zum Abschied. Sie sahen erwachend, von der Sonne und Liebe geblendet, umher, und alles war verändertdie Sonne war versunken, der weite See mit Nebel-Schatten bezogen und die Welt erkältet, nur die hohen Eisberge loderten noch rosenrot ins Blau, wie Gedächtnissäulen der flammenden Bundes-Stunde.

Vor Albanos Seele stand noch das menschentrennende Schicksal, die kalte verhüllte Felsen-Gestalt, deren Schleier auch steinern ist und den niemand hebt. Er wollte nun durchreissen und sogleich ohne feiges Zögern in den Winter hinunter. "O bis der Hesperus untergegangen, verzieh!" lispelte Linda