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eine Freundin an den Traualtar begleiten," (setzte Julienne dazu) "sie nannte diesen den Richtplatz der weiblichen Freiheit, den Scheiterhaufen der schönsten freiesten Liebe und sagte, das Heldengedicht der Liebe werde dann höchstens zum Schäfergedicht der Ehe. Freilich weiss sie nicht, wohin solche Grundsätze endlich führen." – "Ich hoffe auch, dass du ihr vertrauest", sagte Albano, sich diese Seltsamkeit anders und höher ableitend als seine strenge Schwester. Sie brach schnell ab, um ihm noch den Rat nach Pestitz mitzugeben, die Fürstin zu fliehen, die ins Innerste hinein kalt, falsch, rach- und selbstsüchtig sei. "Sie hat etwas und zwar viel mit dir vorund ihr Hass gegen die Gräfin kommt jetzt dazuLinda fasset sie scharf auf, aber doch lässt sie sich aus Heftigkeit durch alle hinreissen und benutzen, die sie übersieht und voraussieht." Albano blieb bei seinem alten sanftern Urteil über die Fürstinum so mehr, da er Juliennens moralische Härte gegen jede genialische schon aus ihrem Missurteil über Lianen kannte –; aber er gab ihr das leichte Wort, sie zu fliehen, ohne ihr den Grund, nämlich ihre so hart entzauberte Liebe für ihn, zu sagen. Für sein Zartgefühl gab es keine grössere Roheit als dieses öffentliche Erbrechen und Vorlesen eines Liebesbriefs, als das männliche Auffangen und Ausrufen eines weiblichen Seufzers der Liebe durch ein Sprachrohr fürs Volk.

Alle kamen wieder zusammenlagerten sich auf eine Stelle, die den See und die Alpen und die BlütenSchatten gabder Tag glühte sich ab und sank von Schönheit zu Schönheit zum Abend hinunter. – "Auf dieser feinen Insel" (sagte Dian) "fängt sich schon das nordische Wesen an, und wir stehen bald zu haus unter einem spitzen Dach." "Nun ja," (sagte Julienne) "aber endlich hat mans doch auch gern, wenn man wieder einen reinlichen Menschen, eine Blondine und einen Schatten sieht und ein paar Vögel hört."196 – "An Tivoli und Ischia und den Posilippo denke' ich hier nicht," (sagte Albano) "ich denke an meine Kindheit und an die Alpen. – Drüben am Ufer des Langsees (Lago maggiore) mögen sich freilich die beiden Insel-Zuckerhüte nicht zum besten darstellen; aber dafür stellet sich hier auf dem Zuckerhut das Ufer und der See desto besser dar, und für den, der auf dieser Seealpe steht, ist sie doch gemacht." – "Mir ist alles gleichgültig," (sagte Linda) "denn ich finde mich hier ganz wohl. Das Rezensieren schöner Gegenden ist auch ein nordisch Wesen, weil man sie da nur aus Büchern kennen kann; der Italiener, der sie hat, geniesset sie wie die Gesundheit und ist sich nur der Entbehrung bewusst; deswegen ist er nicht einmal ein grosser Landschaftsmaler."

"Man sollte" (sagte Dian) "das prächtige Welschland noch auf der Grenze besingen, wenn man von dem Kastellan eine Gitarre bekäme." Er ging und brachte eine. Nun fing er italienisch zu improvisieren an. Er sang: "In Apollo wurde die alte Liebe nach dem vorigen Schäferlande auf der Erde und nach der verlornen verhüllten Daphne wieder wacher stieg vom Himmel, um beide zu findenihm hatte Jupiter den Momus mitgegeben, der ihm das Hässliche zeigen sollte, damit er zurückfliegeals ein schöner lächelnder Jüngling ging er über die Inseln, durch die Ruinen der Tempel, durch ewige Blüten, vor göttlichen Gemälden einer unbekannten hehren Jungfrau mit einem kind und vor neuen Tönen vorüber und zog wie über die Zauberkreise einer schönern neuen Erde. – Vergeblich zeigte Momus ihm die Mönche und Seeräuber und seine von der Zeit niedergeworfnen Tempel und liess ihn spottend Termensäulen für Tempelsäulen nehmender Gott sah hinauf zum hohen kalten Olymp und sah herab auf dies warme Land, auf diese grosse goldne Sonne, diese hellblauen Nächte, diese ewigblühenden Düfte, diese Zypressen, diese Myrtenund Lorbeerwälder und sagte: hier ist Elysium, nicht in der Unterwelt, nicht auf dem Olympda gab ihm Momus einen Lorbeerzweig von Virgils Grabe197 und sagte: das ist deine Daphne. Jetzt erzürnte sich seine grosse Schwester Diana, sie gab Daphnen ihre Gestalt und Kleidung, als komme sie aus den Wäldern der Pyrenäen herüber; aber er erkannte die Geliebte und ging mit ihr in den Olympus zurück." – Als Dian das sang und die Lieder mit den Saitentönen fliegen liess, so standen hoch drüben im Himmel die ewigen Glanz-Gebürge aus Eis, von den Bergen flatterten Quellen und Schatten in den hellen See, und der Abend bewegte sich entzündet und entzückt. Da ergriff der stille Albano die saiten, senkte das Auge in den Blitz der Gebürge ein und fing errötend an: "Verweile, o Sänger, bei den hohen Geistern, die auf das Schlachtfeld zogen, tötend, sterbendund die aufbaueten die ewigen Tempel der Menschheitverweile bei den reinen Demanten, die glänzend und fest unter dem Hammer des Schicksals bliebenverweile bei der alten Zeit, bei dem Meere Roms, das einen Weltteil trug und die andern untergrubaber fliehe vor der Zeit, die ihren Gipfel in ihren eignen Krater senkte. – Verweile, Sänger, auf der Höhe und schaue in den Garten der Welt herunter, der ein spielendes Menschenleben istdie Ruine wird Fels, und der Fels Ruineauf dem hohen Vorgebürge duftet die Blüte, unten liegt das