Statuen draussen und die beglänzten Gebürge hatten sich aus dunkeln Wellen aufgerichtet und standen in tropfendem Schimmer. Man rief draussen. Er blickte wieder in sein Gesicht, aber zornig. "Wozu zweimal", sagt' er und zerquetschte sein Gesicht, aber ihm war es wie Selbstmord und Betasten des Ichs. Die väterliche Gestalt gönnte er noch weniger der fremden unbewachten Stelle, aber sie war ihm zu heilig zur kleinsten Berührung.
Er ging zurück und schwieg über die Bilder, um nicht an Lindas Phantasie die grossen widerspenstigen Flügel aufzumachen. Der grünende, blühende, glänzende Tag verschlang bald die kalten Schatten, die von Höhen und Gräbern der Vergangenheit hereingefallen waren "Aber jetzt," (sagte Albano zu Linda) "da Sie eben aus meiner Kinderstube gekommen sind, führen Sie mich einmal in die Ihrige." – "Ich will dich nur erst bekränzen, da wir am rechten Orte sind", sagte sie und brach und band aus dem Lorbeerwald, durch dessen Gewimmel von lichten und dunkeln Wellen sie jetzt gingen, Zweige zum Kranz. Körperliche Geschäftigkeit gab dieser Jungfrau, welche leichter Töne und Farben und Ideen verknüpfte, ein besonders rührendes Ansehen von Kindlichkeit und naiver Herablassung. Sie flocht die Krone, aber mühsam, verwechselte einmal den ähnlichen Erdbeerbaum mit dem Lorbeerbaum, tat noch einen blühenden Myrtenzweig hinein und schmückte damit sein lockiges Haar, aber sehr ernst: "Der Kranz geziemt dir; die hohen Lorbeern oben am Gipfel wirst du dir schon einmal selber holen", sagte sie. Er glaubte, sie spiele unter dem Ernst; allein sie sah den Bekränzten freudig und prüfend an und lächelnd, aber wie eine Mutter, und sagte; -"So ist es recht! Was willst du noch? Ich bring' es. Albano, ich habe in dieser Stunde eine ganz besondere und neue Liebe zu dir, ich möchte für dich viel tun, viel leiden. Mein Herz ist bewegt von überschwenglicher Liebe. Küsse mich nicht. Ich will dir erzählen." Die schöne Weiblichkeit, die den Geliebten heisser und näher liebt, wenn sie zum ersten Male sein Eigentum, seine Kindheitsörter, seine Wohnungen betreten, erfüllte unerkannt ihr starkes Herz. Er küsste sie nicht – er sah sie an und weinte in LiebesWonne – sie neigte sich herüber und sagte, aber heiter: "Ich weine sehr schwer, Lieber! Ich will dir das von meiner Kindheit erzählen, was du verlangtest. Von meinen ersten Kindheits-Plätzen ist mir wenig geblieben, vielleicht weil wir immer reiseten und weil ich auch mehr nach Menschen als nach Gegenden sehe – ausser mein längster Aufentalt in Valencia. – Vom frühen Reisen hab' ich wohl meine Reise-Sucht. Am Ende liegt sie doch in mir. Aber ihr glaubt immer, wie die Deutschen, das zu erlernen, was ihr eigentlich ererbt oder erschafft. Von meiner Mutter wurde ich mehr als von jemand gehasset und geliebt. Jetzt bin ich klar über sie. Sie war ganz für die Kunst oder für die Künste geboren, ob ich wohl glaube, dass sie von den Göttern eigentlich für die Bühne ausersehen war. Sie war alles in dieser Minute, nichts in der andern – Flüche und Gebete, Glaube und Unglaube, Hass und Liebe wechselten ab in dieser epischen natur. – Sie hätte eine Welt verschenken und eine stehlen können. – Sie drückte mich einmal an ihr Herz und sagte: 'Wärst du nicht meine Tochter, ich würde dich stehlen oder töten aus blosser Liebe'; – und das war, als ich gesagt hatte: 'Ich liebe die Medea mehr als Kreusa!' –
Indes war sie zu inkonsequent, um ganz geliebt zu werden; meinen unsichtbaren Vater liebt' ich weit mehr, ich dachte', er sei Gott der Vater. Ich bildete mir einmal ein, er müsse in Porta Celi195 wohnen; stundenlang ging ich um den Totengarten des Klosters und blickte sehnsüchtig durch die Palmen über die Rosen der Gräber. Ich hing an allem Lebendigen bis zum Schmerz; ein sterbender Kanarienvogel machte mich einmal krank, und die Totenmesse, glaubt' ich, werde für ihn gelesen. Auch an Gott und Geistern hing ich trunken. Im Feuer, das ich im Dunkeln einmal aus dem Zucker schlug, blitzten sie mir vorüber. Ich habe nie gespielt, sondern früh gelesen. Da ich sehr ernst war und meine Gestalt sich zeitig entwikkelte, so wurde' ich früh als eine Erwachsene behandelt, und ich begehrt' es auch. Niemand war mir ernst genug, ausser der Vormund, der mit heimlicher Hand meine Entwicklung regierte. Vor Büchern und im Reisewagen da verging mein erstes Leben. Ich beneidete die Männer um ihr Wissen und ihre Freiheit, aber sie gefielen mir nicht, die Weiber noch weniger. Ich galt für stolz – und früher war ichs auch – und für phantastisch; ich nahm es nicht übel und sagte: 'Ihr habt euere Weise und ich meine.'" – – Durch Dian und Julienne wurde die Erzählung gestört.
118. Zykel
Die erste einsame Minute, die Albano mit seiner Schwester fand, legte er zur Nachfrage über ihre lateinische Nachricht an, dass Lindas Vater gerade an ihrem Hochzeittage erscheinen würde; aber sie verwies ihn auf seinen eignen, der ihm alles über Lindas ihren sagen könne – und bat ihn, "Linda zu schonen, nicht nur in ihrer Zarteit' sondern auch in ihrer eignen Ehe-Scheu, die sehr weit gehe. Sie konnte nicht einmal