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aber deinen endlich? Sprich darüber, gute Linda!" sagt' er. Sie errötete und sagte: "Ich werde' ihn finden, wenn das Schicksal es zulässet." – "Wenn aber ist das?" – "Ich weiss nichts", sagte sie zögernd sanft. Da rührte ihn Julienne winkend an und sagte in so vielem französischen Latein, als sie zusammentreiben konnte, aber in einem gleichgültigen Ton, als spreche sie vor sich selber hin: "Non eam interroga amplius, nam pater veniet (ut dicitur) die nuptiarum194." Er blickte sie verwundert an, sie nickte sehr oft "Julie ist" (sagte Linda lächelnd) "wie die Weiber, so listig im Handeln als offen im Sprechen. Ich hätte mich keinem Bruder so lange verstecken können." – "dafür" (versetzte sie) "bekamen die Geschwister einander gleich ausgewachsen und mit allen Vollkommenheiten und können sich leicht liebhaben, wenn andere Schwestern erst viele Jahre die Fehler des heranwachsenden Bruders zu verwinden haben."

Jetzt kamen sie auf die Galerie zwischen LimonienBlüten, wo Gaspard seinem Sohne so viele Schleier und Masken um die Zukunft hängend hatte sehen lassen; da sagte Albano mit Unwillen: "Hier musst' ich mir viele Rätsel ankündigen lassenund dort" (er meinte die Stelle im Meer, wo ihm zuerst Lindas Bild auf den Wellen erschien) "wurde sogar diese teuere Gestalt nachgeäfft."

"Mein Gott," (sagte Linda heftig) "warum es noch gar aussprechen? o es war so schlecht, es zu tun!" – "Eingebüsset aber hat doch niemand viel dabei," (sagte scherzend Julienne) "ausgenommen ein Paar die Herzen und ich die Anonymität!" -"Könnten wir beide nicht antworten, Albano?" sagte Linda leise und hob die Augen auf. "Bei Gott!" sagte er stark, denn ohne jene Vorspiele hätten sie sich früher gesucht und gefunden.

Unter diesen Blicken in eine seltsame, mit Zukunft durchwebte Vergangenheit waren sie in den borromäischen Palast, der diesen Tag zum Glück ohne die Besitzer war, getreten; weil Albano beide, auf Lindas Gesuch, in die Zimmer führen sollte, wo er mit Severina erzogen worden. Der Schlosswärter wollte sie, glaubend, sie suchten nur Aussichtdenn die Kindheitszimmer lagen im fünften Stockwerk –, auf das Dach hinausbringen; er beteuerte, es wären staubige Kinderstuben und seit undenklichen Jahren zugesperrt. Mühsam drehte der Mann mit einem rostigen Schlüssel ein eingerostetes Schloss auf. Sie traten ins bestäubte helldunkle leere hohe Zimmer, worin eine leere Wiege, ein Blumentopf mit einem gleich seiner Erde vertrockneten sinesischen Rosenstöckchen, eine Kinder-Zinn-Uhr, eine weibliche Spiel-Küche mit altmodischem Geschirr, eine gerollte glänzende Klaviersaite, ein deutscher Kalender von 1772, viele schwarze Siegel mit blossen antiken Köpfen, ein ausgetrockneter Lianenzweig und dergleichen verloren umherlag. Der Mensch sieht bewegt in die tiefe Zeit hinunter, wo seine Lebensspindel fast noch nackt ohne Faden umlief; denn sein Anfang grenzt näher als die Mitte an sein Ende, und die aus- und einschiffende Küste unsers Lebens hängt ins dunkle Meer. Albano wurde wehmütig angeregt von der Umgebung und von dem Blicke auf das Menschenleben und auf seine eignen grünen, noch winterlich-niedrig stehenden Felder hinausund von der Stätte, wo er mit einer Mutter und Schwester gelebt, die aus der Erde, ja sogar aus seiner Phantasie entwichen waren. – Er nahm die Zinn-Uhr zu sich und sagte: "Gibt es für das Alter, das keine Zeit, sondern eine Ewigkeit hat, eine bessere Uhr als die mit dem Zeiger ohne Gehwerk?"

Überrascht wurde Linda, als sie von einem Glaskästchen einen Vorhang wegzog und als ein engelschönes Kind von Wachs darin in die hellen Augen Licht bekam. "Es ist die tote Severina", sagte Albano eilig, mit dem rauhen Beiwort "tot", was Linda nicht gern litt. Immer mehr wurde' ihm in der helldunkeln stube unheimlichein Sonnenstreif brannte seltsam durch das hohe Fenster herabbeseelter auferstandner Staub spielte in ihmdie Geister der Schwester und Lianens konnten jede Minute durch das Erdenlicht blitzenund entfernter standen die Gebürge draussen im Leben. Er sah die blühende Linda an, da kam sie ihm auf einmal anders vor, fremd, überirdisch, als erscheine sie unter den Geistern und gehe wieder von hinnen. Sie sah ihn bedeutend an mit den Worten: "Hier ist es unheimlich, gehen wir!" – "Weib," sagt' er mit starker stimme auf deutsch, einem innerlichen Schrecken antwortend, und fasste ihre Hand, "wir wollen zusammenhalten wie ein lebendiges Herz, wenn man es zerreissen will." Linda versetzte: "Ich bleibe nicht länger, Julienne!" Und man ging.

Auf der Schwelle kam es dem Grafen ein, in das Nebenzimmer zu schauen; er macht' es auf und fuhr zusammen, rief aber: "Geht nur voraus!" und ging hinein. Er hatte nämlich sich im Spiegel zweimal nachgespielt erblickt. Drinnen fand er sich in einer Nische in französischer Uniform stehen in Wachs, aber schon als Jüngling, und darneben, was die Tür bedeckt hatte, seinen Vater auch als Jüngling, altmodisch bekleidet, aber schön wie ein griechischer Gott; das warme volle blumige Gesicht war noch nicht im starren Leben überwintert und blühte noch liebend. Er stürzte tief ins Meer der Vergangenheit. Die kolossalischen