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Staatsgeschäfte und Verdienste verschwurweil ein redlicher Mann wie er am Staatskörper überall so viel wie an denen antiken Statuen zu ergänzen findet, wovon nur noch die steinerne Draperie geblieben –: so kannt' er doch kein weicheres Faul- und Lotterbette zum Ausruhen als eine noch höhere Ruderbank, und er strebte jetzt vor allen Dingen, Landschaftsdirektor zu werden.

Die deutschen Höfe werden das Ihrige dabei denken, dass ich ihnen die folgende Knaben-Idylle anbiete. Mein schwarzäugiger Schäfer lief gegen die Bergfestung der Senne Sturm und erhielt von der Soldatenfrau die Torschlüssel zum weissgrünen Sommerkabinett. Beim Himmel! als alle östliche und westliche Fensterladen und Fenster aufgestossen waren und der Wind von Osten blätternd durch die Akten und kühlend durch den Stuben- Schwaden strichund als aussen Himmel und Erde um die Fenster herumstanden und nickend hereinsahenals Albano unter dem Fenster nach Osten das tiefe breite Tal mit dem steinigen springenden Bache beschauete, auf welchem alle Glimmerscheiben, die die Sonne wie Steinchen schief anwarf, auf der Bergseite hinausfuhrenals er vor dem westlichen Fenster hinter Hügeln und Wäldchen den Schwibbogen des himmels, den Berg vor der Lindenstadt sah, der wie ein krummgeworfner Riese auf der Erde schliefals er sich von einem Fenster zum andern setzte und sagte: "Das ist sehr prächtig!": so wurden seine Lustbarkeiten im Stübchen am Ende so glänzend, dass er hinausging, um sie draussen noch höher zu treiben.

Die Göttin des Friedens schien hier ihre Kirche und ihre Kirchstühle zu haben. – Die rüstige Soldatenfrau legte in einem hochstaudigen Gärtlein Früherbsen und warf zuweilen einen Erdenkloss in den Kirschbaum unter die geflügelten Obstdiebe, und begoss wieder unverdrossen die neue Leinwand und den verpflanzten Salat, und lief doch willig zum kleinen zehnjährigen Mädchen, das, von Blattern erblindet, auf der Türschwelle strickte und nur bei gefallnen Maschen sie als Maschinengöttin berief. Albano stellte sich an den äussersten Balkon des sich lieblich-aufschliessenden Tals, und jeder Windstoss blies in seinem Herzen die alte kindische sehnsucht an, dass er möchte fliegen können. Ach, welche Wonne, so sich aufzureissen von dem zurückziehenden Erdenfussblock und sich frei und getragen in den weiten Äter zu werfenund so im kühlen durchwehenden Luftbade auf- und niederplätschernd, mitten am Tage in die dämmernde Wolke zu fliegen und ungesehen neben der Lerche, die unter ihr schmettert, zu schwebenoder dem Adler nachzurauschen und im Fliegen Städte nur wie figurierte Stufensammlungen, und lange Ströme nur wie graue, zwischen ein Paar Länder gezogne schlaffe Seile, und Wiesen und Hügel nur in kleine Farbenkörner und gefärbte Schatten eingekrochen zu sehenund endlich auf eine Turmspitze herabzufallen und sich der brennenden Abendsonne gegenüberzustellen und dann aufzufliegen, wenn sie versunken ist, und noch einmal zu ihrem in der Gruft der Nacht hell und offen fortblickenden Auge niederzuschauen und endlich, wenn sich der Erdball darüberwirft, trunken in den Waldbrand aller roten Wolken hineinzuflattern! ...

Woher kommt es, dass diese körperlichen Flügel uns wie geistige heben? Woher hatte unser Albano diese unbezwingliche sehnsucht nach Höhen, nach dem Weberschiffe des Schieferdeckers, nach Bergspitzen, nach dem Luftschiffe, gleichsam als wären diese die Bettaufhelfer vom tiefen Erdenlager? Ach du lieber Betrogener! Deine noch von der Puppenhaut bedeckte Seele vermengt noch den Umkreis des Auges mit dem Umkreise des Herzens und die äussere Erhebung mit der inneren und steigt im physischen Himmel dem idealistischen nach! – Denn dieselbe Kraft, die vor grossen Gedanken unser Haupt und unsern Körper erhebt und die Brustöhle erweitert, richtet auch schon mit der dunkeln sehnsucht nach Grösse den Körper auf, und die Puppe schwillt von den Schwingen der Psyche, ja an demselben Bande, woran die Seele den Leib aufzieht, muss ja auch dieser jene heben können.

Wenigstens flog Albano zu Fuss den Berg hinab, um mit dem Bache fortzuwaten, der in die weissgrüne Birken-Holzung, sich abzukühlen, floss. Schon öfters hatte' ihn seine Robinsonaden-Sucht nach allen Strichen und Blättern der Windrose fortgeweht; und er ging gern mit einer unbekannten Strasse ein hübsches Stück Weg, um zu sehen, welchen sie selber einschlage. Er lief am silbernen Ariadnens-Faden des Baches tief ins grüne Labyrint und wollte durchaus unter die Hintertüre des langen Dickichts vor eine weite Perspektive gelangener gelangte nicht darunterdie Birken wurden bald lichter, bald düsterer, der Bach breiterdie Lerchen schienen draussen in hoher Ferne über ihm zu singenaber er bestand auf seinem Kopf. Die Extreme hatten für ihn von jeher magnetische Polaritätwie die Mitte nur Indifferenzpunkte –; so war ihm z.B. ausser dem höchsten stand des Barometers keiner so lieb als der tiefste, und der kürzeste Tag so willkommen als der längste, aber die Tage nach beiden fatal.

Endlich nach dem Fortschritte einiger Stunden in Zeit und Raum hört' er hinter den lichtern Birken und hinter einem stärkern Rauschen als des Baches seinen Namen von zwei weiblichen Stimmen öfters leise und lobend nennen. Jetzt galoppierte er, gleichgültig gegen das Wagen der Lunge und des Lebens, keuchend wieder zurücksein Name wurde lange darnach wieder um ihn genannt, aber schreiendseine heimliche Schutzheilige, die Kastellanin der Senne, tat seinetwegen diese Notschüsse unten am Berge.

Er kam hinauf, und die runde Tafel der Erde lag hell und sonderbar-erweichend um sein durstiges Auge. Wahrhaftig die weite Ferne samt der Müdigkeit musste den Zugvogel hinter dem Sanggitter der Brust an seine fernen Länder und zeiten erinnern und ihn damit wehmütig machen,