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recht will? sagt' er.

In der höchsten Lebensfreude, in der Einigkeit mit sich und dem Schicksal, machte er seine Reise nach Isola bella so schnell, als hab' er da die Geliebte schon zu finden, nicht erst zu erwarten. Wie manches stand jetzt kleiner an seinem Wege, an das er das römische Mass und nicht das deutsche legte und wovor er nun, wie ihm sein Vater vorausgesagt, flüchtiger vorüberging!

Endlich sah er die Kunst-Alpe von Isola bella in den Wellen stehen; und landete freudig mit seinem Lehrer in dem Kindheits-Garten an, wo er so viel erwarten und mit neuen welschen Lebens-Blüten am Herzen aus dem gelobten land scheiden sollte.

Er wartete mehrere lange Tage, sich sehnend und bangend nach den Freundinnen, ob ihm gleich der heitere Freund immer die Geschwindigkeit seiner Reise vorrechnete. Sein Entschluss, recht sanft zu sein, wurde immer unnötiger und unwillkürlicher. Die Insel selber lösete schon mit ihren Frühlingen aus Düften und mit dem fernen Kranz aus Alpen die Seele auf. Im vorigen Jahre hatte' er sie mehr in Blättern als in Blüten gesehen. Es war ja sein Kindheitslandan vielen Plätzen an der See schimmerten ihm Sterne aus einer tiefen nachmitternächtlichen Lebens-Frühe heraufhier hatte' er zuerst seinen Vater gefunden und zuerst Lindas Gestalt über den Wellen gesehenhier findet und verliert er sie nach der längsten Trennung wieder für eine noch längere und hier steht er im Tore zwischen Norden und Süden. Das freie duftende Land voll Inseln, die Himmelsleiter des Lebens, steigt ihm in den Äter zurück, und er geht herab in ein kaltes voll Zwang und voll Augenseine Liebe wird gerichtet vom Vater, sie wird angefallen vom untergegangenen Freund. "Ihr Tage in Ischia," (seufzte er) "ihr Stunden auf dem Vesuv und in Tivoli, könnet ihr umkehren? könnet ihr je wiederkommen und das unersättliche Herz von neuem überströmen, dass es trinken und sagen kann: es ist genug?"

Zu seinem Dian sprach er, gleichsam um sich und sein grenzenloses Sehnen zu entschuldigen, häufig von Chariton und ihren Kindern und fragt' ihn, wie es seinem Herzen dabei gehe; "sprecht mir nicht so viel davon," (sagt' er, nach seiner Weise mehr empfindend als erratend und verratend) "wir sind noch so hässlich weit davonman verdirbt sich die Reise ohne Grund hab' ich sie alle aber.... nun ei Gott!" – – Dann schwieg er, riss sich den Jüngling in die arme und küsst' ihn nicht.

An einem blauen frischen Morgen stand Albano, noch eh' die Sonne am Himmel auferstanden war, auf der hohen umblühten Terrassen-Pyramide, wo er einmal im Erwachen den teuern Vater ohne Abschied hatte entfliehen sehenund blickte bewegt in den leeren weiten See hinabund an die Gipfel der Eisberge umher, welche schon im Widerscheine der hoch herabziehenden Aurora blühtenund niemand war bei ihm als die Vergangenheit. Er blickte auf sich und in seine Brust und dachte: welche lange schwere Zeit ist seitdem durch diese Brust gezogen! Eine ganze Welt ist darin zum Traum geworden! Und das Herz schlägt noch frisch und fest darin! – Auf einmal sah er im lichten Morgen-Rauche des Sees ein Fahrzeug rudern. Langsam, träge watet' es, denn er sah es aus grosser Ferne. Endlich glitt es, flog es, das Segel blühte auf im Morgenbrande, und die grünen Wellen wurden ein umspielendes Lauffeuer wie damals in Ischia um Lindas Schiff. –

Linda war es und die Schwester. Sie sahen hinauf und grüssten winkend. Er rief in eiliger Wonne: "Dian, Dian!" und lief die vielfachen Treppen hinab, ganz verwundert und entzückt über den ausgebreiteten Glanz, weil er unter der frohen Erscheinung den Aufgang der Sonne nicht gesehen, welche vor der Geliebten die schönen Flammen, die Morgenblumen gleichsam in den Weg des Wassers unterstreuete.

"Seid ihrs wieder, ihr Göttlichen? O sprecht, weint vor Freude, dass ich selig werde und euch habe! kommt ihr denn mit alter, rechter Liebe wieder?" so sprach er fort in beredter Trunkenheit, aus dem langen träumenden Warten geschöpft. Linda sah mit heimlicher Engels-Lust, mit lieblichem Widerschein in die hoch spielenden Flammen seiner Liebe; und die Schwester genoss in süsser Regung die schöne Milde auf beider Angesicht, welche an der Kraft so bezaubert wie Mondlicht an einem Gebürg. Reisebeschreibungen wurden von beiden Seiten angefangen, aber keine geendigt; tages- und Insel-Ordnungen vorgelegt, aber keine gewählt. Julienne hielt ihm sein Wort und ihre Bedingung, dass er abends weiterziehen müsse, ans Herz als eine kleine Kühlung gegen das Freudenfeuer darin; traurig sah' er zur freundlichen hellen Morgensonne auf, als steige sie nicht höher, sondern schon tiefer.

Sie gingen nun in schönem Irren durch die Insel, überall blühte neben der Gegenwart eine stille Vergangenheit, unter der Rose ein Vergissmeinnicht. Hier in dieser Grotte vor den aufhüpfenden Wellen hatte' er einst mit seiner Schwester Severina gespielt, und auf diesem Eiland wurde ihm ihr Tod verkündigt. "Aber Julie, du bist meine Severina und mehr", sagt' er; – "ich denke," (sagte sie sanft) "ebensoviel." – Nicht weit von der Arkade hatte' er zum erstenmal in das Angesicht seines Vaters geschauet: "O wenn findest du