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Hand anfasste und rief: "Nein, du darfst nicht, bei meiner Seligkeit, bei allen Heiligenbei der heiligen Jungfraubei dem Allmächtigen! – du darfst, du sollst nicht!" Einen Raub gibt es, wogegen ewig der Mann unaufhaltsam entbrannt aufsteht, und beging' ihn eine Göttin aus Liebe und böte sie dafür eine Welt von Paradiesen: es ist der Raub seiner Freiheit und freien entwicklung. Ja, dass es Liebe ist, aber despotische, zugleich Freiheit übende und raubende, das erbittert ihn nur noch mehr, und aus dem Nebel des Irrtums wird später das Gewitter der leidenschaft. – Linda wiederholte: "Du darfst nicht." Er sah' ihr bewegtes glänzendes Antlitz an, dessen südliche Heftigkeit doch mehr einem Entusiasmus glich als einem Zorn, und sagte fest: "O Linda, ich werde wohl dürfen und wollen!" – "Nein, ich sage Nein!" rief sie. –

"Bruder!" fing die Schwester an. "O Schwester," (rief er) "sprich sanft, ich bin ein Mann und habe heftige Fehler." Ihn zog der erhabene Krieg des Wassers mit der Erde und mit Felsen, das Durcheinanderstürmen der blitzenden Regengestirne umher wie an Flügeln in die Wirbeldie grosse Kaskatella warf aus hohen Bäumen ihren Wolkenbruch heraus, und aus dem Himmel ohne Donner stäubte eine schimmernde Weltund in Osten zeigte sich fern das Meer im dunkeln Schlaf, und die untergehende Sonne drang glänzend in den Glanz herein.

"Gewiss werde' ich sanft reden" (sagte die Prinzessin, die, viel empfindlicher und nachklingender als Linda, einige Mühe hatte, den Sprachton zu ihrem Versprechen zu stimmen) – "Es braucht nichts weiter als die Betrachtung, dass unser Streit zu früh ist; ich tue bloss die Bitte, ihn bis zum Oktober auszusetzen, und das Versprechen, dass er dann anders ausgeht." – "O es sei!" sagte Albano. Linda nickte sanft und langsam und legte wider Erwarten seine Hand mit beiden an ihr Herz und sah ihn an, aus grossen Augen weinend, denen sonst Feuer gewöhnlicher war als wasser. Ihn zerschmolz der Anblick, dass diese kräftige natur nur Heftigkeit ohne Hassen und Zürnen hatte, und ihn erfrischte unendlich sein voriges geheimes Niederschlagen seiner auffahrenden Flammen.

Die Schwester wurde durch beide erweicht, und eine Minute der zärtesten Liebe umschlang bald die drei Menschen mit einer Umarmung. Die Hyperbeln des Zorns sind dem Menschen nie so ernst als die der Liebe, jene soll nur der andere glauben, diese glaubt er selber; alle hatte das Aussprechen ausgeheitert.

Wenn sonst eine vergangne kalte Minute den Liebenden, wie eine kalte Nacht den Bienen, noch die Blumen zuschliesset, woraus sie den Honig nehmen, so war hier nach dem Sturm aus klarer blauer Luft der Himmel reiner und stiller, und die Ruhe wurde Seligkeit wie die Seligkeit Ruhe. Durch Albano war, obwohl schnell, die Furie der Furcht gegangen, die ein umgekehrtes Sternrohr hält und dadurch den Menschen einen ganz fernen ausgeleerten Himmel ohne Sterne zeigt; aber nicht so durch Linda: sie hatte immer in Liebe und Hoffnung fortgesprochen, und für ihr glühendes Herz gab es keine Stellen mit Eis. Darum war er jetzt so selig, und so beglückt vom Anschauen der kräftigen natur! Eine hohe lange TalKette, worin Wein und Öl in Blütendüften flossen, führte alle dem grossen Rom entgegen. Eine Zeitlang durfte sie der Jüngling begleiten; endlich musst' er zu einer langen Entfernung Herz und Auge von den Geliebten reissen, als über die grünen Täler her schon die mächtige Peters-Kuppel herüberglänzte und die Zypressen, stolz nur von Zypressen umgeben, das Gold des Abends auf den Zweigen trugen, ohne sie zu regen. Alle hatten das Auge am schönen Rom, aber ihr Herz war nur auf Isola bella, wo sie einander wiederzufinden versprachen.

117. Zykel

Auf dem Wege nach Isola bella dachte' er seiner kriegerischen Stunde mit der heftigen Linda nach und dem Charakter dieser Kriegsgöttin. Er erschrak über die steile Höhe, über welche er sich vor wenigen Tagen so weit herübergebückt, da Linda so entschieden ist, nichts kennt als leidenschaft oder Vernichtung. Und doch fand er jetzt in der Abkühlung ihre gebietende Foderung an seine Freiheit noch härter und sagt' es sich stark, das Weib dürfe nicht das heilige Gebiet der männlichen Entfaltung einengen oder beherrschen. Von der andern Seite war ja alles Liebe und deren Übermassund je länger er reisete und verglich, desto einsamer und dunkler wurde' es auf der Stelle seines Lebens, auf welche nur sie die grosse Flamme warf. Sie rückte ihm durch sein stilles Beschauen ihres Geistes im geist viel heller und näher als durch die Gegenwart vorher, weil jenes sie auf einmal in Harmonie, diese sie mit den einzelnen Dissonanzen ohne die Auflösung gab. Ihre Kraft der allseitigen Unparteilichkeit für alle Charaktere war ihm an einem weib ebenso selten als gross erschienen; zumal da er selber diese Kraft mehr in der achtung für sie und in dem freudigen freien Auffassen grosser, exzentrischer, poetischer Erscheinungen, aber nicht aller und der platten und schlechten wirken liess.

Gleich mächtig und gewachsen standen in ihm nebeneinander Liebe und Freiheit; nur durch einen neuen Entschluss wurden sie verbunden und versöhnt, sanft zu sein, nicht bloss stark, ihr sein Freiheitsrecht und seine liebende Seele recht offen hinzulegen und das edle Wesen zu werden, das ihr gehört: bin ichs nicht, wenn ichs