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alles erzählte. Cardito war jener Korse, mit dem er früher sich über den gallischen Krieg entzweiet hatte. "Bruder, das ist noch dein Ernst?" sagte Julienne mit gedehntem Akzent. "Jetzt besonders!" sagt' er entschieden, um den Streit sogleich auszuschliessen. Heftig drückte Linda seine Hand in ihre Augen, als wolle sie sie damit bedecken. "Nun, so verhandle deinen Prozess mit mir, so vernünftig du kannst, und lasse deine Rechtsgründe hören; aber lass uns erst auf den Hügel, damit man dabei auch etwas sieht", sagte die Schwester.

Auf dem Hügelvor dem Grün des blitzenden Tals, wo überall der Strom wie ein verwundeter Adler mit dem Flügel an der Erde schlugvor den auf die Blumen herunterblitzenden drei Kaskatellenfing Albano bewegt und begeistert an: "Ich habe nur einen Grund, liebe Schwesterich bin noch nichtsich bin kein Dichter, kein Künstler, kein Philosoph, sondern nichts, nämlich ein Graf. Ich habe aber Kräfte zu manchem, warum soll ichs nicht sagen? – Wahrlich wenn ein Da Vinci alles ist, oder ein Crichton, oder wenn ein Richelieu, ob er gleich den politischen Tron behauptet, doch noch den poetischen besteigen will: soll ein anderer mit kleinern Wünschen nicht entschuldigt sein? Und bei Gott! eigentlich will ein Mensch doch alles werden, denn er kann nicht anders, er sehnet und treibt sich dazu hin, und das innige versteckte Herz weint Blutstropfen, die keine Menschenhand abtrocknet, nur die hohen Eisenschranken der notwendigkeit halten ihn aufSchwester, Linda, was hab' ich denn noch getan auf der Erde?" –

"Diese Frage; – und diese ist genug vor Gott", sagte Julienne, bewegt von der wund-stolzen Bescheidenheit des Jünglings und von seiner schönen stimme, welche zornig so klang wie gerührt. "Worte! was sind Worte?" (sagt' er) "O man schämt sich wohl freilich, dass man etwas früher nur denken und sagen muss, eh' mans tut, obgleich der dürftige Mensch nicht anders kann, sondern jede Tat wie eine Statue vorher im elenden Wachs der Worte modellieren muss. Ach, Linda, liegen hier nicht überall um uns Taten, statt der Worte und Wünsche? – Hab' ich nicht auch einen Arm, ein Herz, eine Geliebte und Kräfte wie andere und soll mit einem morschen mürben spanisch- oder deutschen Grafenleben aus der Welt gehen? – O meine Linda, streite du für mich!"

"Ich bin" (sagte sie, scharf nach der grossen Kaskatella blickend, die hoch aus Bäumen herniederstürmte) "nicht von vielen oder beredten Worten und verstehe Sie auch nicht ganz. Ich muss mir immer die Worte in Ideen und Wahrheiten übersetzen und vermag es nicht allzeit. Bei Ihren Worten, Graf, denke' ich mir gar nichts. Wem die Liebe nicht allein genügt, der ist von ihr nicht erfüllet worden. Freilich, so mit dem Herzen alles vergessend wie wir, so konzentriert in eine idee des Lebens sind die Männer nie. Ach und so wenig ist der Mensch dem Menschen, ein MenschenBild ist ihm mehr und jede kleine Zukunft!"

"Auch du, Brutus?" sagte Albano betroffen. "Würden Sie" (fuhr sich fassend fort) "dem ElysiumsLeben auf Ischia eine Ewigkeit für einen Mann geben? Würden Sie ihn als Jüngling ins Kloer der seligsten Ruhe schicken? Gewiss nur als Greis. Jenes hiesse den Baum mit dem Gipfel in die finstere Erde pflanzen."

"Das ist wieder der Deutsche," (sagte sie) "nur immer recht Betriebsamkeit. Die ruhigen Neapolitaner, die Völker am Apennin, an den Pyrenäen, am Ganges, in Otaheiti, voll Genuss und Beschauung, sind diesem Spanier ein Greuel. Ich dächte, wenn ein Mensch nur für sich etwas würde, nicht für andere, das reichte zu. Was grosse Taten sind, das kenn' ich gar nicht; ich kenne nur ein grosses Leben; denn jenen Ähnliches vermag jeder Sünder."

"Wahrlich, das ist wahr," (sagt' er) "es gibt nichts Erbärmlicheres als einen Menschen, der sich durch dies oder das zeigen will, was ihm selber gross, selten und ohne Verhältnis zu seinem Wesen vorkommt und ihm daher gar nicht angehört. Jede natur treibt ihre eigne Frucht und kann es nicht anders; aber ihr Kind kann ihr niemals gross erscheinen, sondern immer nur klein oder gerecht. – ist es anders, so ist ihr eine ganz fremde Frucht an den Zweig gehangen."

"Albano! wie wahr! Aber Ihr hattet sonst nie einen halben Willen, wie ist's?" sagte Linda. "Jetzt auch nicht!" sagt' er ohne Härte. Man ist am sanftesten, wo man am stärksten ist mit dem Entschluss. Er suchte nun seine eignen Wortedas Öl und den Wind für sein Feuerrecht zu sparen und zu meiden; um so mehr, weil Worte doch gegen nichts helfen, sondern vielmehr das fremde Gefühl anstatt aus- nur anblasen; dabei wurde' er noch der häufigen Fälle eingedenk, wo er Linda mit einem einzigen Worte bei aller Unschuld zur Flamme aufgetrieben. Sie standen, und er schaute hin über das göttliche Land, als Linda, nach einem stummen Blicken in sein Angesicht, ungeachtet ihres scheinbar-ruhigen Philosophierens, auf einmal heftig seine