nimmt es zu und langsam ab – in seiner Hoffnung, in seiner Furcht –; ein kurzer Blitz ist der Vollmond der innersten Entzückung, eine kurze Unsichtbarkeit der Neumond der innersten Öde; – und immer hebt das leichte Spiel wie der Mond seinen Kreis von neuem an.
Dreissigste Jobelperiode
Tivoli – Streit – Isola bella – die Kinderstube – die
Liebe – Abreise
116. Zykel
Albano trat wieder bei dem Fürsten Lauria ab, der bisher in einem solchen Zustrom neuer begebenheiten geschwommen war, dass er die Abwesenheit kaum innen geworden und sich über die Wiederkunft wundern wollte. Es war unterdessen der deutsche Krieg gegen Frankreich festgesetzt worden. Diese Botschaft trug er seinem Enkel voll von der freudigen Erwartung entgegen, welche grosse Szenen ein solcher Kampf entfalten müsse. Auch Albano wurde lange mit ihm von diesem hohen Strome gezogen, eh' er daran dachte, dass diese Nachricht anders und niederschlagender auf seine Schwester wirken würde als auf ihn. Aber das heroische Feuer, in welches er sich mit dem politischen Lauria hineinsprach, spielte ihm einen leichten Sieg über die schwesterliche Liebe vor.
Er wollte den Freundinnen seine Ankunft sagen, als er vom Fürsten vernahm, dass beide, wie er von der Fürstin Altieri, bei der sie wohnten, gehört, schon nach Tivoli gegangen. – Wie glücklich reisete er, die freundliche Absicht dieser Zwischenreise erratend, aus dem von Liebe und Frühling strahlenden Rom und sah ebenso heiter nach der Zukunft, wo sein Leben sich blühend auseinanderschlug, als nach Tivoli, wo er zwei Herzen an eines zu drücken hoffte.
Er fand, da er in der Stadt Tivoli ankam, die feuri
gegen Mädchen schon entwichen nach der Kaskade. Wie ein Mensch im Tempe-Tal oder vor dem Genfersee nur im unachtsamen Traum am Ufer vor den Wasserbildern des himmels und der Erde vorübergeht, weil ihn die blühenden Urbilder rings umher umfangen und entzünden: ebenso glitten die Felsen der bevölkerten Landschaft und der runde Vestas-Tempel und die ineinanderfliessenden Täler vom römischen Tore an bis zum Tempel, diese glänzenden Reihen glitten nur als Traum- und Wasserbilder vor dem Herzen vorüber, worin eine Geliebte lebendig blühte und mit der Fülle einer Welt eine Welt verdrängte.
Er irrte unter dem Gewühle der Aussichten umher,
ohne die schönste zu finden, als ihn ein kurzer blassgelber reichgekleideter Mensch mit eingeschrumpftem gesicht erblickte und mit dem seidnen Arm auf den Weg zur Kaskade zeigte, ungefragt sagend: wenn er die Damen suche, so seien sie bei der grossen Kaskade.
Albano schwieg, ging weiter, sah zwei und erkann
te Linda an ihrer hohen Gestalt. Endlich sahen, fanden, umfassten sich die drei Menschen, und der herrliche Wassersturm wehte in die Entzückung. Linda sagte zärtliche Worte der Liebe und glaubte stumm zu sein, denn das schöne Gewitter aus Strömen zerriss die zarten Silben wie Schmetterlinge. Sie hatten sich nicht gehört und standen, schmachtend nach ihren Lauten, umrungen von fünf Donnern, mit weinenden Augen voll Liebe und Freude voreinander. Heilige Stelle, wo schon so viele tausend Herzen heilig brannten und selig weinten und sagen mussten: das Leben ist gross! – Heiter und fest glänzt in der Sonne oben die Stadt über dem wasser-Krater dahin – stolz schauet Vestas zerrissener Tempel, mit Mandelblüte bekränzt, von seinem Felsen auf die Strudel nieder, die an ihm graben – und ihm gegenüber spielet der strudelnde Anio alles auf einmal vor, was Himmel und Erde Grosses hat, den Regenbogen, den ewigen Blitz und den Donner, Regen, Nebel und Erdbeben.
Sie gaben sich Zeichen, zu gehen und das stillere Tal zu suchen. Wie klangen ihnen darin die Worte Bruder, Schwester, Linda wie neue Menschenlaute im Paradies! Hier, ehe sie den Hügel voll neuer Wasserstürze, Blitze und Farben bestiegen, suchten sie sich ihre Reisen und ihre Nachrichten einander zu erzählen. Julienne berichtete die frohe, ihr Bruder, der Fürst, gebe wieder Hoffnung der Genesung, seitdem er wachend, wie er beteuere, seinen toten Vater gesehen, der ihm längeres Leben versprochen. Die schöne Linda blühte im Paradies wie eine verhüllte Göttin, die ihren Geliebten auf der Erde lange suchte und endlich gefunden hat. Sie nahm oft seine Hand und drückte sie wider ihre Augen und Lippen und lispelte kaum hörbar, wenn er mit ihr oder Juliennen sprach: "Lieber! – Freundlicher Mensch!" – Über die Gegend schwieg sie; denn über jede sprach sie erst, wenn sie aus ihr gekommen war.
Julienne, über die brüderliche Genesung so froh, fing allerlei Scherze an, sagte, dass sie bedauere, aus Neapel ihrem Ludwig ein vergebliches Spezifikum gegen sein Übel gesandt zu haben, und fragte endlich Albano: "Kennst du nicht einen Jüngling namens Cardito? er will dich kennen." – Er sagte Nein, erzählte aber, ein kleiner stämmiger Mensch hab' ihn hier zu kennen geschienen und zur Kaskade gewiesen. Julienne fuhr auf und sagte, es sei entschieden der haarhaarische Prinz, der auf Luigis Tod und Tron so boshaft hoffe; er wohne in Tivoli im haus des Herzogs von Modena und gehe gewisslich als ihrer aller Spion umher. Um sich selber nach diesem gehassten Misslaut wieder auszustimmen, setzte sie die Frage über Cardito fort und sagte: "Es ist ein sehr schöner derber Korse (der Prinz ist ja die lebendige Ungestalt), und er kündigt dir ganz ernstaft den Krieg an."
"Den soll er wahrlich haben", sagte Albano, der nun alles begriff; und –